Wie sind Sie auf Emmi Bonhoeffer gekommen?
Annette Hess: Bei den Recherchen für meinen Roman „Deutsches Haus“ über den Frankfurter Auschwitz-Prozess von 1963 bis 1965 habe ich die erschreckende Entdeckung gemacht, dass die fast 300 Zeugen aus aller Welt von niemandem betreut wurden. Das waren Menschen, die über das Schlimmste, was sie je erlebt hatten, berichten mussten und anschließend vor dem Gerichtsgebäude standen, ohne dass sich jemand um sie kümmerte. Emmi Bonhoeffer, die damals in Frankfurt lebte, hat das bemerkt und einen Kreis von Frauen organisiert, die diese Zeugen betreut haben, mit ihnen essen und spazieren gegangen sind, mit ihnen geredet haben.
Was hat Sie beeindruckt?
Es hat mich tief beeindruckt, wie Emmi Bonhoeffer die Not vieler Zeugen erkannt und geholfen hat. Ich habe Briefe gelesen, die Emmi darüber an eine in den USA lebende jüdische Freundin geschrieben hat. Der Name Bonhoeffer war mir natürlich ein Begriff. Emmis Ehemann Klaus war der jüngere Bruder des bekannteren Theologen Dietrich Bonhoeffer, beide im Widerstand, beide von den Nazis ermordet. Über die Ehefrauen ist dagegen nicht viel zu finden. Umso wichtiger ist es, auf sie, die auch Großartiges geleistet haben, aufmerksam zu machen.
Welche Rolle spielte sie im Widerstand?
Sie stand wie die meisten der Ehefrauen in der zweiten Reihe, hat von den Anschlagsplänen gegen Hitler nur wenig erfahren. Auch um sie zu schützen, enthielt man ihr Informationen vor. Sie übermittelte aber Briefe und Nachrichten, war ein wichtiger Teil des Widerstandssystems. In der historischen Betrachtung werden die Leistungen der Frauen im Vergleich zu denen ihrer Ehemänner deutlich geringer geschätzt. Doch sie haben den Männern den Rücken freigehalten, sie partnerschaftlich begleitet, sie moralisch unterstützt. Sie mussten damit umgehen, dass die Männer umgebracht wurden, sie mussten die weitere Existenz der Familie sichern, die Kinder trösten.
Wissen wir etwas über Emmi Bonhoeffers Motive?
Sie verfügte über einen inneren Moralkompass, wie Menschen miteinander umzugehen haben, lehnte Rassismus in jeder Form ab. In ihrem liberalen Elternhaus, der Familie des Historikers Hans Delbrück, herrschte ein freier Geist. Da wurde sie ausgerüstet für einen humanistischen Lebensweg.





