Mit unzweideutigen Worten vertraut sich die Gemahlin des ägyptischen Hofbeamten Potiphar in Thomas Manns vierbändigem Romanzyklus „Joseph und seine Brüder“ dem heftig begehrten Titelhelden an: „Schlafe – bei – mir! Schenke, schenke mir deine Jugend und Herrlichkeit … Laß uns unsere Häupter und Füße zusammentun, daß wir es gut haben überschwenglich und ineinander ersterben, denn ich ertrag’ es nicht länger, daß wir da und dort leben als Zweie!“ Die Vorlage für seinen Roman entnahm Thomas Mann dem Alten Testament (Genesis 37,25). Joseph ist einer der Söhne des israe-litischen Stammvaters Jakob. Von Händlern nach Ägypten verkauft, steigt er dort rasch zum Hausverwalter Potiphars auf. Als dessen Gemahlin den Israeliten aber bittet, mit ihr das Lager zu teilen, weist er den Antrag zurück. Eines Tages bedrängt sie Joseph erneut, er flieht, doch sie bekommt sein Kleid zu fassen. Ihre Leidenschaft schlägt um in Hass, sie behauptet vor dem Gesinde und vor Potiphar – das Kleid ist ihr Beweis –, der Hebräer habe sie vergewaltigen wollen, und Joseph wird ins Gefängnis geworfen.
Das „Potiphar-Motiv“ findet sich in einer Vielzahl orientalischer Geschichten: im altägyptischen Märchen von den Brüdern Anepu und Bitau, in der syrischen „Kombabos“- Erzählung oder in Firdausis persi-schem „Königsbuch“ (um 1000). Auch im Griechischen gibt es eine ansehnliche Zahl von Mythen ähnlichen Inhalts, etwa die Geschichte von Bellerophon, der – um sich von einem Mord entsühnen zu lassen – zu König Proitos nach Tiryns reist. Dessen Gattin Stheneboia verliebt sich in den jungen Fremdling und verleumdet ihn, als sie abgewiesen wird, bei ihrem Gemahl: Bellerophon habe ihr Gewalt antun wollen. Proitos schickt den vermeintlichen Übeltäter zu einem befreundeten König, der ihn töten soll. Dieser trägt Bellerophon stattdessen mutmaßlich unlösbare Aufgaben auf; so soll er etwa das Flügelross Pegasos zähmen. Bellerophon besteht die Prüfungen, kehrt nach Tiryns zurück, verführt Stheneboia zu einem Ritt auf dem Zauberpferd und nimmt späte Rache, indem er sie ins Meer stürzt.
Das gleiche Motiv steht im Zentrum der weitverbreiteten – und auch heute noch allenthalben auf der Bühne präsenten – Geschichte von Phaidra und Hippolytos. Phaidras Eltern waren der Kreterkönig Minos, ein Sohn des Zeus, und dessen Gemahlin Pasiphaë, eine Tochter des Sonnengottes Helios. Damit gehörte sie einem Stamm an, den die Liebesgöttin Aphrodite unerbittlich verfolgte, weil Helios einst ihre außereheliche Liaison mit Ares verraten hatte. So sorgte Aphrodite dafür, dass Pasiphaë sich in einen Stier verliebte. Produkt dieser „Liebe“ war das Ungeheuer Minotauros, dem die Kreter fortan alle neun Jahre 14 Kinder opfern mussten. Erst der athenische Königssohn Theseus machte dem grausigen Geschehen ein Ende. Er tötete Minotaurus und fand dank des berühmten roten Fadens von Phaidras Schwester Ariadne auch wieder aus dessen Labyrinth heraus. Daraufhin versprach er Ariadne, sie als Verlobte nach Athen mitzunehmen. Auf der Kykladeninsel Naxos musste er die Schlafende jedoch zurücklassen: Der Gott Dionysos hatte ein Auge auf sie geworfen. Im zweiten Anlauf kam es dann doch noch zu einer ehelichen Ver‧bindung zwischen Theseus und der kretischen Königsfamilie. Minos’ Sohn und Nachfolger Deukalion gab dem Helden aus Athen seine zweite Schwester Phaidra zur Frau. Theseus hatte bereits einen Sohn von der Amazone Hippolyte. Hippolytos geriet ganz nach seiner Mutter: Er war ein großer Jäger, verehrte die jungfräuliche Göttin Artemis und verachtete Aphrodite ebenso wie die Ehe. Sein Vater setzte ihn in Troizen auf der Peloponnes als Vizekönig ein. Als Theseus für ein Jahr aus Athen verbannt wurde, kam er mit seiner Gemahlin dorthin. Phaidra, die sich bereits bei der ersten Begegnung in Eleusis in ihren Stiefsohn verliebt hatte, entbrannte nun in glühender Leidenschaft zu ihm…





