Seit wann ist Händel für Sie wichtig?
Simone Kermes: Seit meiner Kindheit. Mit zwölf oder 13 habe ich entdeckt, dass Händel für meine Stimme perfekt ist. Das ist in meinem ganzen Leben so geblieben. Ich hatte mit Händel immer großen Erfolg.
Was ist für Sie das Besondere an seiner Musik?
Er ist zeitlos. Und aus Sicht der Sängerin lässt sich sagen: Seine Musik ist eine Wellness-Kur für die Stimme. Die geht daran nicht kaputt. Es wird auch nie langweilig. Auch den Menschen
in der heutigen Zeit ist Händels Musik sehr nahe. Sie berührt. Das ist das, was ihn unsterblich macht.
Wellness-Kur für die Stimme – wie macht er das?
Er schreibt einfach komfortabel. Das unterscheidet ihn zum Beispiel von Mozart. Der hat sich nie darum geschert, für welche Stimmen er schrieb. Es ist schwierig, ihn so leicht zu singen, dass man nicht merkt, wie schwer es ist. Händel schreibt in einer Lage, die nicht ganz so extrem ist. Er wusste mit Stimmen umzugehen.
Und im Vergleich zum großen Zeitgenossen Bach?
Der hat sich auch nicht um die Sänger geschert, weil er keine guten hatte. Er hatte nie wie Händel mit italienischen Operndiven zu tun. Er hatte den Thomanerchor, musste jede Woche
eine Kantate schreiben. Bach ist das Genie einer verkopften Musik. Bei Händel ist mehr Bauchgefühl. Bach hat in seinen Kantaten die Textverteilung nicht immer gut hinbekommen. Das ist manchmal so kompliziert und schwierig, dass man als Sänger mit Händel viel mehr Erfolg hat. Der Mann wusste, mit welchen Effekten man die Menschen kriegen kann. Das musste er auch als Geschäftsmann.
Er war Opern-Unternehmer …
Er hat alles selbst auf die Beine gestellt, sein provinzielles Umfeld in Halle früh verlassen, war in Hamburg, Italien, Hannover, schließlich auf Dauer in England. Er nahm durch seine Art, sein unternehmerisches Talent die Menschen für sich ein. Er war mit seinen Stücken ungeheuer erfolgreich, gründete ein eigenes Theater, investierte früh an der Börse, erlebte auch geschäftliches Scheitern. Er hatte ein Gespür für Veränderungen im Publikumsgeschmack. Als der Erfolg der italienischen Oper in England nachließ, die Leute lieber die eigene Sprache hören wollten, hat Händel eigentlich das Oratorium erfunden, mit nachhaltiger Wirkung. Der „Messias“ wurde auch nach seinem Tod durchgehend aufgeführt. Bach war dagegen zunächst für 100 Jahre vergessen.





