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Einflüsterer der Zarenfamilie
Anfang des 20. Jahrhunderts gelang es dem sibirischen Bauern Grigori Jefimowitsch Rasputin, die staubigen Straßen des Russischen Reichs, das er als Pilger durchwandert hatte, gegen die Salons von Sankt Petersburg und den Zarenpalast einzutauschen. Während der Zar und die Zarin in ihm einen treuen Freund sahen,…
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Im Herbst 1916 litt Russland unter den Auswirkungen des Ersten Weltkrieges. Lebensmittel waren knapp; die Preise stiegen. Unruhen wurden immer wahrscheinlicher. In der Hauptstadt Petrograd (Sankt Petersburg) war Fürst Alexander Obolenski in seiner Funktion als Generalgouverneur dafür zuständig, eine Lösung für die Lebensmittelkrise zu finden. Sein größter Kritiker war der zu dieser Zeit wohl bekannteste Mann Russlands. Sein Name war Grigori Jefimowitsch Rasputin (1869–1916), und dieser hatte dem Zaren längst gesagt, was er von Obolenskis Arbeit hielt: Seiner Meinung nach wurden die Armen mit ihren Problemen alleingelassen.
Der Generalgouverneur fürchtete um sein Amt und bat Rasputin um ein Treffen. Mit dem luxuriösesten Auto, das ihm zur Verfügung stand, ließ er Rasputin abholen. Als der Gast eintraf, zitterte Obolenski vor Nervosität. Eine volle Stunde versuchte er, seine Arbeit zu verteidigen. Schließlich präsentierte er ein dickes Paket mit Briefen und Petitionen, die er über die Jahre von Rasputin erhalten hatte. Stets sei alles unternommen worden, um die darin geäußerten Wünsche zu erfüllen, versicherte Obolenski. In Zukunft wolle er überdies stets Rasputins Rat einholen.
Rasputin gab sich unbeeindruckt. Ob Obolenski Schmiergelder annehme, wollte er wissen. Obolenski bekam es zunehmend mit der Angst zu tun. Er verneinte, beschuldigte aber einen Assistenten, bestechlich zu sein. Endlich verließ Rasputin das Büro – und Obolenski brach in Tränen aus. Obolenski, der einer alten Adelsfamilie angehörte, hatte alles getan, um dem sibirischen Bauern Rasputin zu versichern, dass er ihn als Autorität akzeptiere. Doch seine Unterwürfigkeit half ihm nicht. Ein paar Wochen später wurde ihm sein Amt genommen. Als Brigadekommandeur musste er an die Front.
Rasputin war vor allem beim Adel verhasst. Der Hass war so stark, dass in den illustren Kreisen über fast nichts anderes mehr geredet wurde als über Rasputin. Als der geschlagene Obolenski in den Krieg ziehen musste, war Rasputins gewaltsamer Tod längst beschlossene Sache.
Ein pilgernder sibirischer Bauer, der gerade auf Frauen eine starke Anziehungskraft ausübt
Rasputin stammte aus einem sibirischen Dorf namens Pokrowskoje. In späteren Jahren entstanden zahlreiche Legenden über seine vermeintlichen Missetaten in jungen Jahren. In Wirklichkeit ist über die ersten 30 Jahre seines Lebens so gut wie nichts bekannt. Er lebte als einfacher Bauer, und es gab wohl nichts, was ihn von seinen Nachbarn unterschied.
Eines Tages entschied Rasputin – einer Vision und dem anschließenden Rat eines Theologie-Studenten folgend –, Familie und Hof zurückzulassen und als Pilger durchs Land zu ziehen. Da war er etwa 28 Jahre alt. So ungewöhnlich war auch das nicht. Um 1900 waren in Russland etwa eine Million Pilger unterwegs, die, teils bewundert, teils drangsaliert, bei Wind und Wetter ihrer selbstauferlegten Mission folgten – bettelnd, enthaltsam lebend, teilweise mit Fußfesseln an den Beinen.
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Rasputin verließ seine Familie nicht für immer. Regelmäßig kehrte er nach Pokrowskoje zurück. Dort lebte er als Bauer und erzählte seinen Kindern, zu denen er ein sehr gutes Verhältnis hatte, von Gott. Doch jedes Mal zog es ihn wieder fort. Weiter und weiter entfernte er sich von seinem Zuhause; er sah alle Teile des Zarenreiches, und er besuchte den in Zentralmakedonien gelegenen Berg Athos mit seinen vielen Klöstern. Als Einsiedler, als sogenannter Starez, erlangte er steigende Berühmtheit in der Umgebung von Pokrowskoje. Besucher kamen, um seinen Rat einzuholen und von ihm zu lernen. Rasputin entpuppte sich als begnadeter Seelsorger, dem viele die Gabe der Hellsichtigkeit zuschrieben.
Zwischen 1904 und 1905 war er zum ersten Mal in Kasan, einer Stadt an den Ufern von Wolga und Kasanka, wo sich nun im Kleinen zutrug, was sich wenig später in Sankt Petersburg wiederholen sollte: Die Reichen und Mächtigen der Stadt waren fasziniert von dem charismatischen Starez, der sich nicht um Etikette und Konventionen kümmerte und gerade zu Frauen körperliche Nähe suchte. Diese luden ihn zu sich ein, zeigten ihn herum und hingen an seinen Lippen. Die aufrichtige Religiosität und sein stechender Blick zogen sie in seinen Bann.
Der Zar und seine Frau sehnen sich nach einem Rat gebenden Freund
Mit den besten Empfehlungen zog Rasputin schließlich weiter in die Hauptstadt – und ohne dass er es hätte ahnen können, wurde er dort bereits sehnlichst erwartet: Im Jahr 1902 hatten sich Zar Nikolaus II. (1894–1917) und Zarin Alexandra (1894–1917) schweren Herzens von ihrem spirituellen Berater, dem französischen Okkultisten „Monsieur Philippe“ (eigentlich Nizier Anthelme Philippe), trennen müssen. Dieser hatte die beiden unsicheren Herrscher in Fragen nicht nur der Religion, sondern auch der Politik stark beeinflusst; erst nach langen erfolglosen Bemühungen der besorgten kaiserlichen Verwandten war er auf Betreiben des wichtigen orthodoxen Kirchenmannes Johannes von Kronstadt (1829–1908) aus dem Umfeld des Palastes verschwunden. Seitdem wartete das Herrscherpaar hoffnungsvoll auf die Ankunft des nächsten „Freundes“, der an Monsieur Philippes Stelle treten könnte. Dann kam Rasputin.
Der einflussreiche Mönch Feofan war begeistert von Rasputin und führte ihn in die wichtigsten Salons von Sankt Petersburg ein. Wer Rasputin nicht überzeugend fand, der fühlte sich dennoch unterhalten. Von diesem sibirischen Bauern ging eine ungeheure Energie aus. Seine Hände waren ständig in Bewegung. Und seine Augen fingen jeden Blick ein und hielten ihn fest. Die Leute erzählten einander, Rasputin könne direkt in die Seele blicken. Seine Worte seien prophetisch. So kam es, dass Rasputin am 1. November 1905 zum ersten Mal Zar und Zarin begegnete. Beide waren sofort von ihm eingenommen. Für über ein Jahrzehnt sollte er eng mit ihnen verbunden sein.
Während sein Stern weiter stieg, wurden auch kritische Stimmen lauter. Er sei aufdringlich, hieß es, und er küsse und streichle Frauen unaufgefordert. Seine Anhängerschaft, deren harter Kern sich fast gänzlich aus Frauen zusammensetzte, hielt dem entgegen, dass diese Berührungen nichts Anstößiges an sich hätten, solange sie von Rasputin kämen. Damit wiederholten sie, was Rasputin auch selbst sagte. Bald kamen Gerüchte von orgiastischen Ritualen auf, die schnell den Verdacht aufkommen ließen, Rasputin sei ein Sektierer. In seiner sibirischen Heimat nahm eine kirchliche Untersuchung ihren Anfang.
Die Nachbarn im heimischen Pokrowskoje wurden misstrauisch. Wer war dieser Bauer, der nicht auf dem Feld arbeitete, dieser Pilger, der nicht mehr das Land durchwanderte, sondern stattdessen beim Zaren ein und aus ging? Die widersprüchlichen Geschichten steigerten das Interesse an Rasputin nur noch weiter. Jeder wollte ihn sehen, ihm zuhören.
Während die Zahl seiner Anhänger weiter stieg, formierten sich auch seine Gegner. In hofnahen Kreisen erzählte man sich, Rasputin besuche die Kaiserin häufig durch den Hintereingang, damit sein Name nicht in offiziellen Besucherlisten erscheine. Ein Gerücht wollte es, dass Rasputin mit der Zarin schlafe. Im rechten politischen Lager war man gespalten: War Gerede dieser Art hilfreich, da man den Sturz Rasputins betreiben müsse, oder schadete man damit dem Zaren und somit der Monarchie?
Wie schon zu Zeiten Monsieur Philippes mehrten sich im Umfeld des Hofes die Stimmen, die darauf drangen, den zwielichtigen Dauergast loszuwerden. Zar und Zarin wollten jedoch nichts davon hören. Sie wiesen jede Einmischung in ihre Privatsphäre von sich.
Rasputin merkte durchaus, dass sich seine Gegner organisierten. Aber selbst als Feofan, der ihn in die gehobene Gesellschaft der Stadt eingeführt hatte, in deren Lager übertrat und Rasputins Verhalten Frauen gegenüber anprangerte, ließen sich Zar und Zarin nicht von ihrer Verehrung für Rasputin abbringen. Schon vor Rasputin – sogar vor Monsieur Philippe – hatten sich die beiden an der Spitze des Reiches isoliert gefühlt, oft genug unfähig, es zu lenken.
Rasputin gab ihnen das Gefühl, sich keine Sorgen machen zu müssen, ganz gleich, ob es um die große Politik, die Gesundheit des an der Bluterkrankheit leidenden Thronfolgers Alexei oder ihre eigenen alltäglichen Unsicherheiten ging: Er flößte dem Herrscherpaar Vertrauen ein. Jeder, der Zar und Zarin sagte, Rasputin sei ein Blender, der im Palast nichts zu suchen habe, trieb unweigerlich einen Keil zwischen sich und die beiden Monarchen. Und mit jedem Verwandten und wohlmeinenden Monarchisten, der Rasputin kritisierte, wuchs deren Isolation.
Die „Moskauer Nachrichten“ eröffnen die Schlammschlacht
Am 2. März 1910 erschien ein Artikel in den „Moskauer Nachrichten“, in dem Rasputin als habgieriger und lüsterner Hypnotiseur und Scharlatan dargestellt wurde. Der Angriff der Presse hatte begonnen. Der Herausgeber der „Moskauer Nachrichten“, Lew Tichomirow, war ein glühender Monarchist. Sein Ziel war es, dem Zaren die Augen zu öffnen. Stattdessen verlor er die Gunst seines Herrn. Und er musste erkennen, dass der Skandal das Ende der Monarchie bedeuten könnte.
Die linksgerichteten Zeitungen griffen das Thema entsprechend begeistert auf. Rasputin zu attackieren war ein Angriff auf einen Zaren, der sein Haus nicht unter Kontrolle habe und hinnahm, dass „Schurken“ im Palast großen Einfluss ausübten.
Zar und Zarin waren wütend und verlangten von ihren Ministern, die Pressekampagne zu beenden. Die seit 1905 herrschende Pressefreiheit setzte der Zensur allerdings klare Grenzen. So mussten sie den zunehmend aggressiven Ton der Artikel ertragen. Rasputin, von dem nun ganz Russland sprach, ließ sich nicht einschüchtern. Besonders in der Kirchenpolitik wurde sein Einfluss unaufhaltsam stärker. Als er dafür sorgte, dass der populäre Mönch Iliodor, ein rechtsextremer, antisemitischer Fundamentalist, gegen den Willen des Heiligen Synods (also gegen die Führungsriege der orthodoxen Kirche) in seinem Kloster bleiben durfte, zeichnete sich ab, dass der Zar in Kirchenfragen gewillt war, Rasputins Rat über die traditionelle Hierarchie des Synods zu stellen.
Im Januar 1912 versuchte der Verleger Michail Nowosselow, ein Buch über Rasputin auf den Markt zu bringen – ein Sammelsurium aus veröffentlichten Artikeln, Kommentaren und Briefen. Die Drucke wurden allerdings schnell beschlagnahmt. Der Zar war wieder einmal sehr deutlich geworden: Veröffentlichungen zum Thema Rasputin waren unerwünscht. Doch damit machte er alles nur noch schlimmer. Die Duma, das russische Parlament, hatte lange nach einer Gelegenheit gesucht, sich öffentlich mit Rasputin auseinanderzusetzen. Nun war die Gelegenheit gekommen: ein Angriff auf die Pressefreiheit. Abgeordnete des linken und des rechten Spektrums verlangten eine Untersuchung. Die Staatskrise war da.
Ende Januar kannte man Rasputins Namen in jedem Dorf des Reiches, und man „wusste“ alles über den „sexuellen Trost“, den er den Damen der hauptstädtischen Oberschicht samt der Zarin spendete. Der Respekt für die Monarchie bröckelte. Am 9. März 1912 hielt der Duma-Abgeordnete Alexander Gutschkow eine Rede, die als „Schlag an den Alkoven“ bekannt werden sollte, da sie einen direkten Angriff auf die Privatsphäre der Zarenfamilie darstellte. Er behauptete, Rasputin und seine Clique hätten den Staat im Griff. Gutschkows Ziel war der Zar. Seine Attacken auf den düsteren Rasputin waren nur Mittel zum Zweck.
Untersuchungen, die gegen Rasputin geführt wurden, brachten nie etwas Belastendes zutage. Nie fand man Hinweise auf unchristliche Rituale. Auch die Polizei, die ihn observierte, notierte allenfalls den Besuch bei Prostituierten. Zar und Zarin konnten nur feststellen, dass – selbst wenn einige der Gerüchte über Rasputins Ausschweifungen einen wahren Kern hatten – nichts davon im Palast zutage trat. Und je mehr sich die Kritiker mit immer neuen Anschuldigungen überschlugen, desto sicherer wurden beide in ihrem Glauben.
Zudem hatte Rasputins Anwesenheit anscheinend eine positive Wirkung auf die Gesundheit des Thronfolgers. Mehrfach sollen es seine Heilkräfte gewesen sein, die dafür sorgten, dass bei Alexei eine Blutung aufhörte – jedenfalls erholte sich dieser jedes Mal schnell, wenn Rasputin an sein Bett trat und freundlich mit ihm sprach. Das allein hätte wohl gereicht, um alle Angriffe gegen Rasputin abzuschmettern.
Als der mit Russland verbündete Balkanbund am 8. Oktober 1912 der Türkei den Krieg erklärte und sich Kriegsstimmung in Russland verbreitete, tat Rasputin alles, um den Zaren von einem Kriegseintritt abzuhalten. In der „Petersburger Zeitung“ wurde er mit den Worten zitiert: „Gebe Gott, dass das alte Russland dieser Drohung entgeht. Jeder Krieg, sogar ein erfolgreicher, ist unheilvoll für die Dinge der Liebe und des Friedens, für Gottes Gnade. Gott gebe, dass es Russland und all den anderen Staaten gelingt, den Krieg zu vermeiden.“ Und tatsächlich zog Russland nicht in den Krieg. Ob es Rasputins Rat war, der den Zaren zurückhielt, ist unklar.
Letztlich blieb Russland der Krieg nicht erspart. Als Europa auf den Ersten Weltkrieg zusteuerte, lag Rasputin im Krankenhaus – niedergestochen von einer fanatischen Anhängerin seines ehemaligen Verbündeten Iliodor. Schwer verletzt schickte er Telegramme und Briefe, um den Zaren vom Kriegseintritt abzuhalten. Vergebens.
Die Verschwörer locken ihn ins Haus des Fürsten Jussupow
Im Krieg erreichten die Anwürfe gegen Rasputin eine neue Stufe: Mit dem Zaren an der Front, so hieß es, regiere Rasputin nun durch die ihm hörige Zarin ungehindert das Land. Die nächste Eskalation im Kampf der Zarenfamilie gegen den Rest des Landes bestand in einer Resolution des XII. Kongresses des Vereinigten Adels, in der gefordert wurde, gegen die „dunklen Kräfte“ vorzugehen – gemeint war Rasputin. Der Adel stimmte nun also auch öffentlich in den Chor der Publizisten und Duma-Abgeordneten ein.
Rasputin wusste, dass es nur eine Frage der Zeit war, bis man erneut versuchen würde, ihn zu töten. In der Nacht vom 16. auf den 17. Dezember 1916 war er zu Gast bei Fürst Felix Jussupow, der das Vertrauen Rasputins gewonnen und eine Gruppe um sich versammelt hatte, die gewillt war, diesen zu töten. Später sollte Jussupow behaupten, Rasputin sei erst vergiftet und dann mehrfach erschossen worden, bevor er sein Leben aushauchte: „In seiner teuflischen Weigerung zu sterben, lag etwas Abstoßendes und Monströses … Es war die Reinkarnation Satans selbst, die mich in ihren Klauen hielt und bis zum Tag meines Todes nicht loslassen würde.“
In Wirklichkeit war kein Gift im Spiel. Drei Kugeln trafen den nichts ahnenden Gast – eine davon aus nächster Nähe in die Stirn. Die Mörder warfen ihn in den Fluss und wurden bald darauf im ganzen Land als Helden gefeiert.
Zar Nikolaus II. war nicht mehr stark genug, um die Mörder angemessen zu bestrafen – mehr als eine Verbannung aus der Hauptstadt hatten sie nicht zu befürchten. Und nur wenige Monate später brach die Februarrevolution aus. Das Zarenreich war Geschichte. Nach Jahren des Krieges, des Hungers und des gesellschaftlichen Stillstandes hatte der Kampf gegen einen vermeintlich dämonischen Einflüsterer hinter dem Thron das letzte Quentchen Legitimität zerstört, über das die Zarenherrschaft noch verfügt hatte.
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