Die Höhlen der Schwäbischen Alb waren für unsere Vorfahren ein wichtiges Refugium: Schon vor gut 40.000 Jahren suchten erste Gruppen des Homo sapiens dort Schutz vor der eiszeitlichen Kälte. In den geschützten Tälern am Südrand der Schwäbischen Alb und den dortigen Höhlen konnten diese frühen Vertreter unserer Spezies in Europa die Kaltzeit gut überstehen. Das mildere Klima und die fruchtbare Natur entlang der Donaunebenflüsse und in den Tälern bot ihnen einen Lebensraum mit ausreichend Nahrung und wettergeschützten Unterkünften. Dies könnte erklären, warum in diesem Gebiet einige der ältesten Funde der Aurignacien-Kultur gemacht wurden.
Neue Fragmente des “Eiszeit-Pferds” entdeckt
Zu den berühmtesten Funden aus den Höhlen der Schwäbischen Alb gehören aus Knochen und Mammut-Elfenbein geschnitzte Figuren, darunter Skulpturen von Mammuts und Löwen, aber auch die 40.000 Jahre alte Venus vom Hohle Fels – eine der ältesten figürlichen Menschendarstellungen. Auch 40.000 Jahre alte Knochenflöten wurden in den Höhlen entdeckt. Unter den ersten Funden aus der Hohle-Fels-Höhle war im Jahr 1999 auch der Kopf und Hals einer 35.000 Jahre alten, aus Elfenbein geschnitzten Tierfigur. Aufgrund der Kopfform und feinen Einritzungen ordneten Archäologen diesen Fund als Teil einer Pferdeskulptur ein. Trotz Suche wurden die restlichen Fragmente der Figur damals nicht gefunden. Das “Eiszeit-Pferd” wurde gut 20 Jahre lang im Urgeschichtlichen Museum in Blaubeuren ausgestellt.
Jetzt haben Archäologen um Nicholas Conard von der Universität Tübingen bei der Durchsicht weiterer, bei neuen Ausgrabungen aus der Höhle geborgener Funde ein bislang fehlendes Teil dieser Elfenbeinskulptur entdeckt. Das Fragment ist knapp vier Zentimeter lang, 2,50 Zentimeter hoch und gut einen halben Zentimeter dick. Auf einer Seite sind mehrere feine, bewusst gravierte Linienmuster zu erkennen. Musterung und Form des Fundstücks verrieten, dass es sich um die rechte Schulter und den Brustkorb des “Eiszeit-Pferds” handeln musste. Wenig später konnten die Wissenschaftler einen weiteren kleinen Teil der rechten Körperseite ausfindig machen sowie ein weiteres Fragment, das ein Teil des linken Vorderbeines sein könnte.
Pferd war ein Bär oder Höhlenlöwe
Die neuen Bruchstücke lassen die Eiszeitfigur in neuem Licht erscheinen, denn sie passen nicht mehr recht zur alten Interpretation als Pferde-Darstellung. Wird der Rumpf an die schon zuvor bekannten Kopf- und Halsstücke der Skulptur angesetzt, erscheint das Tier zu massig für ein Pferd: “Wir können die dargestellte Tierart immer noch nicht sicher bestimmen, aber es könnte ein Höhlenlöwe oder ein Höhlenbär sein“, berichtet Conard. „Die Figurine hat nun einen massigen Körper, zeigt den typisch ausgeprägten Bärenbuckel in Schulterhöhe und präsentiert sich in einer Körperhaltung, die den trottenden Gang eines Bären nachahmen könnte.“





