Um 1800 lebten noch circa 75 % der deutschen Bevölkerung auf dem Land. Im Laufe des 19. Jahrhunderts erlebten die industrialisierten Nationen Europas eine beispiellose Urbanisierungswelle: Bereits 1800 überschritt London die Millionengrenze, Hamburg um 1910. Grund war, dass es auf dem Land kaum mehr ein Auskommen…
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von Jürgen Bönig
Ein Gang durch den Schmutz
„Rechts und links führen eine Menge überbauter Zugänge von der Hauptstraße in die vielen Höfe ab, und wenn man hineingeht, so gerät man in einen Schmutz und eine ekelhafte Unsauberkeit, die ihresgleichen nicht hat – namentlich in den Höfen, die nach dem Irk hinabführen und die unbedingt die scheußlichsten Wohnungen enthalten, welche mir bis jetzt vorgekommen sind.“ Diese Sätze schrieb 1844/45 der Fabrikantensohn Friedrich Engels über ein Quartier in Manchester, der ersten Industriestadt Englands. In ihnen teilt sich die Fassungslosigkeit über Wohn- und Lebensverhältnisse mit, die durch den Fortschritt, die Industrialisierung entstanden waren und die Engels während seiner Ausbildung in der Niederlassung des väterlichen Betriebs Ermen & Engels in Manchester kennengelernt hatte. Und um keinen Zweifel daran zu lassen, dass er die Lage der arbeitenden Klasse in England 1845 aus eigner Anschauung schilderte, dass er tatsächlich durch die schmutzigen Straßen, dunklen Hinterhöfe und düsteren Wohnungen gewandert war, benennt er den Ort und die Lage der Behausungen genau: „ … es ist der erste Hof am Irk oberhalb Ducie Bridge, wenn jemand Lust haben sollte, nachzusehen; unten am Flusse stehen mehrere Gerbereien, die die ganze Umgegend mit animalischem Verwesungsgeruch erfüllen.“
Diese Genauigkeit der Schilderung der Elendsverhältnisse, dank der die Leser spüren konnten, wie der Autor durch Dreck und Schmutz tappte und sich wegen des unerträglichen Gestanks ein Tuch vor die Nase halten musste, trug dazu bei, dass das Buch Die Lage der arbeitenden Klasse in England als Studie der sozialen Verhältnisse bekannt wurde und es auch blieb. Der Ort, mit dem sich Engels in seinem 300 Seiten starken Werk hauptsächlich befasste, sollte dieser Phase der neuen Produktionsweise ihren Namen geben: Manchesterkapitalismus. Fortan war damit der freie Gebrauch von Produktionsmitteln und Arbeitskräften gemeint, der durch keinerlei Regeln und Gesetze eingeschränkt wurde und mit dem Fortschritt der Produktion in den Industriestädten Englands und Schottlands ein Elend hervorbrachte, das man eigentlich nur aus mittelalterlichen Städten zu kennen glaubte.
Elende Wohlverhältnisse, schlechte Arbeitsbedingungen an den Maschinen, die die Gesundheit und das Leben der Kinder, Frauen und Männer zerstörten, breitet Engels in seinem Buch anhand der verschiedenen Schichten des Proletariats in englischen Industriestädte aus, und er lässt keinen Zweifel daran, dass es sich um neues Elend handelt: „Das ist die Altstadt von Manchester – und wenn ich meine Schilderung noch einmal durchlese, so muß ich bekennen, daß sie, statt übertrieben zu sein, noch lange nicht grell genug ist, um den Schmutz, die Verkommenheit und Unwohnlichkeit, die allen Rücksichten auf Reinlichkeit, Ventilation und Gesundheit hohnsprechende Bauart dieses mindestens zwanzig- bis dreißigtausend Einwohner fassenden Bezirks anschaulich zu machen. Und ein solches Viertel existiert im Zentrum der zweiten Stadt Englands, der ersten Fabrikstadt der Welt! Wenn man sehen will, wie wenig Raum der Mensch zum Bewegen, wie wenig Luft – und welche Luft! – er zum Atmen im Notfall zu haben braucht, mit wie wenig Zivilisation er existieren kann, dann hat man nur hieher zu kommen. Es ist freilich die Altstadt – und darauf berufen sich die Leute hier, wenn man ihnen von dem scheußlichen Zustande dieser Hölle auf Erden spricht –, aber was will das sagen? Alles, was unsren Abscheu und unsre Indignation hier am heftigsten erregt, ist neueren Ursprungs, gehört der industriellen Epoche an.“
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Engels’ Kritik an den Wohn- und Lebensverhältnissen ist vermutlich stärker wahrgenommen worden und bewirkte mehr Abhilfe als die Erklärung, die er für diese elenden Lebensverhältnisse gibt – er schildert sie dort, wo modernste Produktionsweisen sich durchsetzen, wo sich soziale Verhaltensweisen systematisch geändert haben und persönliche Rücksichtnahmen eine geringere Rolle spielen. Und er schildert sie zu dem Zweck, dass sie sich verändern.
Kein Auskommen auf dem Land
Im Gegensatz zu anderen zeitgenössischen Beobachtern, die nur den Fortschritt von Technik und Maschinerie beobachtet hatten, bettete Engels seine Darstellung des ökonomischen Mechanismus in eine umfassende Darstellung der Wohn- und Lebensverhältnisse derjenigen ein, die in den großen Industriestädten Englands von diesen Umwälzungen betroffen waren – er schreibt über ihre Arbeit, ihre Wohnungen und ihr Essen. Die Menschen, die 1844 dort wohnten,taten das nicht freiwillig, sie waren nicht ohne Grund in die Städte gezogen. Viele der auf Lohnarbeit Hoffenden waren vom Land und aus anderen Ländern in die Städte gezogen, die Arbeit versprachen, darunter auch Engels’ spätere Frau Mary Burns, die aus Irland kam. Geflohen aus unerträglichen ländlichen Verhältnissen, wo man sie als Arbeitskräfte nicht mehr brauchte, bekamen sie allerdings von den großen Produktivitätsfortschritten der Maschinenarbeit nur sehr wenig ab.
Die Vertreibung der Armen aus den ländlichen Gebieten hatte bereits vor der Industrialisierung des 18. Jahrhunderts eingesetzt. Anstatt Feldfrüchte anzubauen, ließen Grundbesitzer Schafe auf ihrem Land weiden, die das aufkommende englische Textilgewerbe mit Wolle versorgten. Das Land, das zuvor als Allmende zur Verfügung stand, hatten sich die feudalen Herren in einem sehr gewaltsamen Prozess angeeignet und den Bauern die Nutzung des Bodens verwehrt. Dem Wachstum der Städte mit Gewerbe und Industrie ging also eine Vertreibung der Bevölkerung vom Land voraus, die in den sich wandelnden bürgerlichen Besitzverhältnissen nicht mehr als persönlich abhängige Bauern gebraucht wurden, sondern ihr Heil in einer freien Lohnarbeit suchen mussten. In den Städten fanden sie jedoch Wohn- und Lebensverhältnisse vor, die für viele noch schlechter waren als jene, die sie vorher gekannt hatten. Verhältnisse, die sie nun auch deutlich wahrnehmen und einschätzen konnten, weil in den großen Städten Reichtum und Armut sichtbar nebeneinander existierten und es offensichtlich war, dass sie sich gegenseitig bedingten.
Wie im Mittelalter?
Verbaute Städte, abflusslose Höfe voller Unrat und wenig Licht und Luft hatte es schon in den mittelalterlichen Städten gegeben, aber diese Missstände hatten andere Ursachen als die in den neuen Industriestädten. Mittelalterliche Städte waren von Enge gekennzeichnet, da sich Leben und Gewerbe innerhalb der Stadtmauern, der Befestigungsanlagen abspielen musste. Nahm die Zahl der Einwohner und Gewerbebetriebe zu, musste dieser begrenzte Raum dichter und höher bebaut werden. Aber auch als die Wälle und Stadtmauern aufgrund der Entwicklung der Waffentechnik militärisch nutzlos geworden waren, blieb das zünftige Gewerbe auf das Gebiet innerhalb der Stadtmauern beschränkt und durfte nur auf Grundstücken mit einer Gewerbeerlaubnis ausgeübt werden – bis die Gewerbefreiheit eine Ansiedlung auch außerhalb der Stadt erlaubte. Als sich die Fortschritte der Maschinenproduktion ankündigten und die Produktivität mit dem freien Gebrauch der Produktionsmittel wuchs, hatten viele erwartet, dass auch die Arbeiter in den Städten davon profitieren würden. Aber das trat nicht ein, jedenfalls nicht von selbst, und dies hatte keine technischen Ursachen, sondern soziale. Nach 20 Monaten Erkundung und Beobachtung der Arbeiterbezirke von Manchester stellte Engels fest, „daß dreihundertfünfzigtausend Arbeiter von Manchester und seinen Vorstädten fast alle in schlechten, feuchten und schmutzigen Cottages wohnen, daß die Straßen, die sie einnehmen, meist in dem schlechtesten und unreinsten Zustande sich befinden und ohne alle Rücksicht auf Ventilation, bloß mit Rücksicht auf den dem Erbauer zufließenden Gewinn angelegt worden sind – mit einem Wort, daß in den Arbeiterwohnungen von Manchester keine Reinlichkeit, keine Bequemlichkeit, also auch keine Häuslichkeit möglich ist; daß in diesen Wohnungen nur eine entmenschte, degradierte, intellektuell und moralisch zur Bestialität herabgewürdigte, körperlich kränkliche Rasse sich behaglich und heimisch fühlen kann.”
Und das Problem solcher Lebens- und Wohnverhältnisse wurde immer größer. Während der Industriellen Revolution wuchsen die Städte Englands und Schottlands, in denen industrielles Gewerbe und Fabriken an Flüssen und Kanälen entstanden waren, sehr viel stärker als vergleichbare Klein- und Mittelstädte im übrigen Europa. In kurzer Zeit vermehrfachte sich die Zahl der Einwohner in den durch die Industrie hervorgebrachten Städten. Von 1800 bis 1890, also in lediglich 90 Jahren, stieg die Zahl der Einwohner in Manchester von 90 000 auf eine halbe Million, in Birmingham von 74 000 auf knapp eine halbe Million, in Leeds von 53 000 auf 368 000, Sheffield verzehnfachte seine Einwohnerzahl von 31 000 auf 324 000. Die Hafenstädte, in denen industrielle Waren, Rohstoffe und Menschen verschifft wurden, wuchsen ebenso: In Liverpool stieg die Zahl der Einwohner von 80 000 auf 630 000 an, in Glasgow von 77 000 auf 658 000 und in Bristol von 64 000 auf 289 000. Und da die Zahl der Menschen, die in den aufstrebenden Industriestädten leben wollten oder mussten, rasch wuchs, brach sich die Logik der privater Gewinnerzielung auch bei Grund und Boden Bahn. Häuser wurden höher und enger aneinander gebaut, aber nicht etwa, weil der Platz innerhalb der Stadtmauern begrenzt war, sondern weil Grund- und Hausbesitzer möglichst viel Miete und Ertrag aus dem Hausbesitz ziehen wollten und dies auch durften. Auf den britischen Inseln setzte sich für alle Zwecke des Wohnens und Arbeitens das Reihenhaus in bestimmten standardisierten Formen durch, die bis heute die Siedlungs- und Wohnstruktur Großbritanniens prägen. Friedrich Engels beschreibt in Manchester die typische Reihenhausbauweise back-to-back der Wohnungen für die Armen, die Zugang, Luft und Licht in den Hinterhöfen kaum zuließen, und setzt damit ein Thema, das die Diskussion über die Stadtentwicklung in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts beherrschen wird.
Die Freiheit zu verhungern
Anlass für Friedrich Engels’ Erkundung Manchesters und anderer Industriestädte war der schlesische Weberaufstand im Sommer 1844 gewesen. Weil sie von dem, was sie von ihren Verlegern für die Hausweberei erhielten, nicht mehr leben konnten, hatten sich die dortigen Familien der Baumwoll- und Leinenweber zu einem Protestzug aufgemacht. Von den Verlegern verlangten sie Lebensmittel oder Geld. Falls sie es erhielten, zogen sie weiter, falls aber nicht, zerstörten sie die Fabriken und Wohnungen der Unternehmer. Drei Tage nach Ausbruch des Aufstands marschierte das preußische Militär auf und schoss wahllos in eine Menschenmenge, die zur Auszahlung anstand: Elf Menschen wurden getötet, 24 weitere schwer verletzt.
Besser als alle anderen Beteiligten hatte Engels verstanden, dass die schlesischen Hausweber nur deswegen an ihren Webstühlen hatten arbeiten können, weil das ganze Jahr hindurch Garn aus den englischen und schottischen Maschinenspinnereien zur Verfügung stand. Sie hatten die Landwirtschaft aufgegeben, hatten von den in fernen Ländern laufenden Spinnmaschinen profitiert und wurden nun Opfer einer weiteren Verbesserung der Maschinenwebstühle, gegen die sie nichts mehr ausrichten konnten. Wie auch hätten sie Webstühle zerstören können, die gar nicht bei ihren Verlegern standen?
Ähnliche Beobachtungen hatte Engels in der aufkommenden Industrie gemacht: Diese schuf neue Arbeitsgelegenheiten, doch wenn die Löhne zu hoch anstiegen, sannen die Fabrikanten auf technischen Neuerungen und förderten die Entwicklung von Maschinen, welche von An- und Ungelernten bedient werden konnten und einen Teil der Arbeitskräfte überflüssig machten. Indem dieser Prozess des Anziehens und Abstoßens von Arbeitskraft von den Betroffenen wahrgenommen und besser verstanden wurde, wirkte der schlesische Weberaufstand 1844 als Anstoß für die Weiterentwicklung und Bildung von Arbeiterorganisationen, die zum einen auf die Regierung einwirken, zum andern sich selber helfen wollten. In Manchester eröffneten Handweber einen Laden, in denen günstige Lebensmittel an die Mitglieder der ersten Produktionsgenossenschaft verkauft wurden. Und aus einer ersten internationalen Solidaritätsaktion der deutschen Arbeiter in London mit den schlesischen Webern entstanden neue Bildungsgesellschaften, die 1847 das Kommunistische Manifest als neues Programm ihrer Organisation diskutierten.
Erst die Aufklärung über die Mechanismen in der Gesellschaft, die sich durch die freie Verfügung über die Produktionsmittel verändert hatten, machte die Beschreibung der Zustände in Manchester zu einer Charakterisierung der gesamten ersten Phase der Industrialisierung und der kapitalistischen Produktionsweise. Die Verhältnisse in den Städten, in denen sich industrielles Gewerbe ansiedelte oder die mit den neuen Maschinenwaren handelten, waren so unerträglich, weil dort die alten Regeln der zünftig-ständischen Gesellschaft nicht mehr galten, es aber noch keine neuen gab. Das massive Anwachsen der Einwohnerzahl, die in den Industriestädten versorgt, untergebracht und ernährt werden mussten, ließ sich nicht mit den traditionellen Strukturen der Verwaltung und durch Formen zünftiger Abhängigkeit regeln. Neue Regulierungen des Bauens und Wohnens entstanden bis auf Ausnahmen wie London erst im Laufe des 19. Jahrhunderts. Sie waren von heftigen Konflikten begleitet und fielen unterschiedlich aus, je nachdem, ob sich die Städte in obrigkeitlich-zünftig bestimmten Ländern befanden oder in der Neuen Welt Amerikas, wo die Einwanderer darauf bestanden, von keinen obrigkeitlichen Regeln eingeschränkt zu werden, frei über Grund und Boden zu verfügen und ihr Recht mit der eigenen Waffe zu verteidigen.
Die europäische Stadt
Europäische Städte waren vor und noch lange während der Industrialisierung durch die zünftige Ordnung geprägt. Sie entwickelten sich innerhalb der Stadtmauern, in denen Gewerbe lediglich auf Grundstücken ausgeübt werden durfte, die über eine Gewerbeerlaubnis verfügten. Nicht der Staat bestimmte die soziale Ordnung und die Bebauung, sondern die Zunftmeister und Patrizier, die Handwerksmeister und Großkaufleute. Sie sorgten dafür, dass die Häuser in der Stadt einander glichen und nicht über den zünftigen Rahmen in Schmuck und Pracht hinauswuchsen. Auch als die Stadtmauern nach den napoleonischen Kriegen nicht mehr zum militärischen Schutz taugten, begrenzten diese sozialen Schichten bis zur Einführung der Gewerbefreiheit das Gebiet, auf dem zünftiges Gewerbe betrieben werden durfte und in das keine Waren von außen einführt werden sollten, die in der Stadt selbst hergestellt wurden. Bis ins 20. Jahrhundert hinein verhinderten fehlende politische Mitwirkungsmöglichkeiten, dass die Stadtregierungen auch für die neu hinzugekommenen Einwohner Lösungen fanden und Interessen der ärmeren Schichten berücksichtigten. Probleme in der Stadt waren also sozial unterschiedlich verteilt und drückten die politische Ohnmacht der Mehrheit der Bevölkerung in den Industriestädten aus.
Gewerbe, Fabriken und Industrie, die sich außerhalb dieser Stadtmauern angesiedelt hatten, begannen diesen Ordnungsrahmen zu gefährden und zu sprengen. Mit den nichtzünftigen industriellen Waren aus Manufakturen und Fabriken kamen Güter in Länder und Städte, die billiger waren als das zünftige Produkt, und die nicht einmal im eigenen Land, sondern ohne Zunftaufsicht fern vom Ort des Konsums hergestellt worden waren. Über die Hafenstadt Hamburg, die jahrhundertelang gute Beziehungen zum Mutterland des Kapitalismus Großbritannien pflegte, gelangten seit 1820 immer mehr in kapitalistischer Produktionsweise hergestellte Waren in deutsche Länder und nach Nord- und Osteuropa. Als Karl Marx im Frühjahr 1867 das Manuskript des ersten Bandes seines Hauptwerkes Das Kapital zu seinem Verleger Otto Meißner nach Hamburg brachte, hielten die meisten jene radikale Veränderung der Welt für undenkbar, die er mit Blick auf Großbritannien für alle anderen Länder voraussagte. Niemand ahnte in dem 200 000 Einwohner zählenden Hamburg etwas vom Wachstum der Stadt, das sich nach 1848 durch die anderwärts stattfindende industrielle Revolution einstellen sollte.
Von 1850 bis 1910 verfünffachte sich die Zahl der Einwohner Hamburgs auf eine Million – hauptsächlich durch Zuwanderung von Arbeitskräften, die den rasanten Zustrom von Waren bewältigen mussten, welche in neuen Produktionsverhältnissen hergestellt wurden und über Hamburg nicht nur in deutsche Lande gelangten. Auf diesen Wandel waren die politischen Strukturen und die Verwaltung der Stadt nicht vorbereitet. Obwohl auch in der Hansestadt nach 1814 die Stadtbefestigungen geschleift worden waren und Rampen den Zugang zu den Stadttoren erleichterten, standen immer noch Beamte und Vertreter der Zünfte an den Toren, die alle von außen kommenden Waren abwiesen, die auch in der Stadt produziert wurden. Auf eingeführte Waren erhoben sie eine Torsteuer oder eine nach deren Art und Gewicht angesetzte Akzise, eine indirekte Steuer, die den größten Teil der Einnahmen der Stadt darstellte. Bis 1860 bestand das Parlament Hamburgs aus der Urversammlung der Erbgesessenen Bürger, also aus Grundbesitzern mit einer Gewerbeerlaubnis und einem Geldvermögen, die mit den Zünften und Geistlichen über die Vorschläge des sich selbst ergänzenden Rates der Stadt beraten durften.
Bei einer Bevölkerung von über 200 000 Menschen waren es nur 5000 Bürger, die in einem langstieligen und undurchsichtigen Verfahren klärten, was in der Stadt geschehen sollte. Und sie konnten sich damit viel Zeit lassen, weil die meisten Angelegenheiten nicht von einer zentralen Regierung, dem Rat der Stadt, geregelt wurden, sondern von Zünften und Geistlichen in ihren jeweiligen Stadtteilen und Kirchspielen. Das konnte sich erst in dem Augenblick ändern, in dem ganz andere, freiere Wirtschaftsverhältnisse auf diese Städte in Form von Waren einwirkten, die außerhalb zünftiger Verhältnisse entstanden waren – aus staatlichen Manufakturen, aus kolonialem Anbau und aus der Fabrikproduktion. Die soziale Mechanik des Bauens konnte sich durchaus unterschiedlich entwickeln, je nach den historischen Erfahrungen einer Gesellschaft im Umgang mit Konflikten. In England und Schottland beruhten die Bauten auf einer Weiterentwicklung und Vervielfachung einer zünftig-ständischen Stadtstruktur, in der die Zünfte und die Obrigkeit darüber wachten, dass keines der Häuser aus der Reihe tanzte und durch zu viel Schmuck und Prunk auffiel. In den Industriestädten fielen sie eben nur enger und höher aus und türmten sich zu Mietskasernen.
Nach Nordamerika wanderten insbesondere nach der gescheiterten Revolution 1848 Menschen aus, die sich in keinerlei Hinsicht mehr Vorschriften machen lassen wollten, sei es nun religiös oder sozial. Sie wollten sich ihre Waffen vom Adel nicht nehmen lassen, ihre Angelegenheiten selbst regeln und der verfestigten feudalen Ordnung entfliehen. Ihr Umgang mit Grundbesitz war deshalb von vornherein ein anderer. Weil es vorgeblich keinen feudalen Grundbesitzer gab und die Eigenart der Eingeborenen in ihrem Umgang mit dem Land nicht anerkannt wurde, konnten nach dem amerikanischen Bürgerkrieg und mit dem Bau der Eisenbahn all diejenigen frei über Grund und Boden verfügen, die ihn nutzten und bezahlten. Dass 1885 in Chicago erste Hochhäuser entstanden, lag nicht daran, dass es in der weiten Ebene am Michigan-See, über die das Vieh in die Schlachthöfe getrieben wurden, keinen Platz gegeben hätte. Der hohe Preis für Innenstadtgrundstücke konnte nur bezahlt werden, wenn man Funktionen übereinanderstapelte und mehr Einnahmen erzielte. Als 1857 sichere Personenaufzüge mit Absturzsicherungen erfunden waren, die alle Stockwerke gleich erreichbar und damit gleich viel wert machten, wuchsen imponierende Bürogebäude in die Höhe, aus der man das Meer niedriger Siedlungshäuser auf der weiten Ebene ringsum überschauen konnte.
Lernen in Millionenstädten
In Europa erreichten in dieser Phase der ersten Industrialisierung keine anderen Städte auch nur annähernd so großen Zuwachs wie die Industriestädte – mit Ausnahme der Haupt- und Regierungsstädte, die sich in Millionenmetropolen verwandelten: Bereits um 1800 hatte London die Millionengrenze an Einwohnerschaft überschritten, Paris 1850, Wien und Berlin 1880, St. Petersburg 1890 und Hamburg erst um 1910. Von den fünf Städten in Europa, die am Ende des 19. Jahrhunderts über eine Million Einwohner hatten, waren es zwei, die alle anderen durch ihre Bedeutung und Entwicklungsdynamik überragten: London als das Zentrum des britischen Empire, des sen Einwohnerzahl von 1,1 Millionen um 1800 auf unfassbare 5,6 Millionen 1890 gestiegen war, und das politisch und kulturell bedeutsame Paris, das um 1800 nur eine halbe Million Einwohner zählte, nach 1850 aber zur europäischen Großstadt umgebaut wurde und 1890 schon 2,4 Millionen Einwohner aufwies. Wie in wachsenden Städten mit den neuen Verhältnissen und der freieren Verfügung über den Boden umgegangen werden konnte, ließ sich in Europa am Modell dieser beiden großen Städten lernen.
Und dieser Lernprozess war nicht nur nötig; da sich das Leben in den Städten stark von dem durch übersichtliche und patriarchalisch geordnete Dörfer geprägten Dasein auf dem Land unterschied, eröffnete er auch neue Chancen und Freiräume. Zum einen musste man erst begreifen, wie Menschen, die sich nicht kennen, miteinander umgehen, man musste lernen, niemanden zu grüßen, auch wenn er einen anschaut. Die Anonymität der Großstadt, die Herkunftslosigkeit und das unvermeidbare Zusammentreffen mit anderen Menschen ließen es zum andern aber auch zu, neue Rollen einzunehmen. Soziale Verhaltensformen, die es erlaubten, mit vielen Menschen auf engem Raum auszukommen, mussten erst entwickelt, weitergegeben und gelernt werden. Man musste üben, diejenigen zu vergessen, denen man nie wieder begegnen würde, und diejenigen zu finden, mit denen es sich lohnte, sich für die Vertretung gemeinsamer Interessen zu verbinden. Zwar spielte die Familie für Neuankömmlinge in der Stadt weiter eine große Rolle, ihre Feste und Feiern boten Zusammenhalt, hier erhielt man Rat und Hilfe, um der neuen Situation begegnen zu können. Aber solche Verlässlichkeit aufgrund der Herkunft brauchte eine Stütze durch soziale Beziehungen und Organisationen, die sich nicht allein auf Herkunft, sondern auf gemeinsame Interessen, Überzeugungen und gemeinsam zu bestehende Konflikte gründeten. Die Stadt, in der wandernde Handwerker und Flüchtlinge von solchen Zusammenschlüssen erfuhren, war Paris.
Paris – Hauptstadt der Politik
Paris war in einer Zeit als Hauptstadt ganz Frankreichs gewachsen, in der der absolute König alle feudalen Herren konzentrieren wollte und mit dem Geldausgeben für luxuriöse Manufakturwaren beschäftigte. Die Französische Revolution hatte den politischen Effekt dieser Zentralisierung königlicher Macht und Verwaltung neu justiert: Plötzlich herrschte ein bürgerlicher Kopf über ein Land, in dem die feudale Macht abgeschafft und bürgerliches Eigentum eingeführt war. Seit der Revolution wurde in Frankreich jedes gesellschaftliche Problem als ein politisches aufgefasst, für das die Zentralregierung Abhilfe schaffen musste. Im 19. Jahrhundert lernten Emigranten aus anderen Staaten in Paris eine bürgerliche Öffentlichkeit kennen, die in Zeitungen, Bibliotheken, Salons, Theatern und Restaurants diskutierte. Zugleich hatten sich aus den Geheimbünden der Revolutionszeit neue Formen der politischen Organisation entwickelt. Aus dem Bund der Geächteten, einer Organisation deutscher Emigranten in Paris, die soziale Interessen durch einen Putsch gegen die Regierung verwirklichen wollte, entstand beispielsweise 1838 unter Mitwirkung des Schneiders Wilhelm Weitling mit dem Bund der Gerechten eine politische Organisation von Handwerkerkommunisten, die sich um ein Programm scharten und ihre Überzeugungen wirksam verbreiten wollten. Die Auseinandersetzungen um den Aufstand der schlesischen Weber führten zu ersten Selbsthilfeorganisationen und schließlich 1847/48 zur Umbildung zum Bund der Kommunisten, für die Karl Marx das Kommunistische Manifest schrieb, das zur Unterstützung der bürgerlichen Revolution aufrief und zugleich die Frage des Eigentums an den Produktionsmitteln stellte.
Die Umgestaltung von Paris zu einer bürgerlichen Hauptstadt begann unter Louis Bonaparte III., dem Neffen Napoleons, der Ende 1848 nach der neuen Verfassung der Republik zum Staatspräsidenten gewählt worden war und sich nach einem Staatsstreich 1852 auf Lebenszeit zum Kaiser von „Volkes und Gottes Gnaden“ krönen ließ. In seinem Auftrag baute Georges-Eugène Haussmann (1809 –1891) die Riesenstadt um. Seit 1853 riss er zehntausende Häuser des alten Paris ab und ließ auf der größten Baustelle der Welt bürgerliche Wohnviertel entstehen. Über die Stadtgrenzen hinaus wurden Prachtboulevards errichtet, auf denen sich die bürgerliche Öffentlichkeit und der Konsum entfalten konnten. Die mit Gaslicht versehenen breiten Straßen erlaubten es auch, Truppen leichter zu verlegen, und sie konnten kaum durch Barrikaden gesperrt werden. Nach dem Vorbild von Paris verwandelte sich die zünftige Stadt auf gemäßigte Weise zur europäischen Stadt, in deren bürgerlichen Vierteln sich der neue Reichtum an den Fassaden der Häuser und der Ausstattung der Beletage ablesen ließ, auf denen der Hauseigentümer Besucher empfing. Selbstverständlich waren die Viertel der Wohlhabenden in den Wind gelegt, damit Industrieabgase und die Ausdünstungen der Arbeiterviertel nicht in die bürgerlichen Viertel gelangten. Je nach Windrichtung gab es wie in Hamburg ein East- und ein Westend, wo im Westen die reichen Bürger sich in der Sommerfrische aufhielten.
London – Hauptstadt des Handels und des Kommerzes
Die Größe und Vielfalt Londons beeindruckte noch jeden zeitgenössischen Besucher. London war die Hauptstadt eines überseeischen Empires, in dem die neuen Produktionsweisen entstanden waren; hier fand der Handel mit den Rohstoffen und Waren der aufkommenden Industrie statt. London war die Werkstatt für die ganze Welt und mit Börse und Bank Zentrum des Umgangs mit dem Geld und seinen neu entstandenen Institutionen. Während das britische Königreich zur ersten Industriemacht der Welt aufstieg, verfünffachte sich die Zahl der Einwohner Londons. Wie schon erwähnt, lebten 1890 hier 5,6 Millionen Menschen, teils in neuerbauten Vierteln, in prächtigen Häusern für Reiche, teils in schäbigen Reihenhäusern für die Armen. Sie alle lebten in einer Stadt, die dringend Lösungen für die Probleme der Versorgung, des Verkehrs und der sozialen Beziehungen finden musste – Lösungen, die andere Städte nachahmen konnten.
Die große Zahl von Einwohnern, die dichte Bebauung und die unzureichenden Verkehrswege und Infrastruktur zwangen dazu, neue technische Möglichkeiten zu finden und sie in der Stadt durchzusetzen. Die auf Schienen gesetzten Dampfmaschinen, eigentlich entstanden, um in den Bergwerken für Entwässerung zu sorgen, verbanden nun als Eisenbahnen die Städte und Viertel, sie wurden sogar in den Untergrund versetzt, bevor der elektrische Antrieb von Straßenbahnen und Untergrund bahnen den Menschen die Bewegung durch die Stadt erleichterte. Geschwindigkeit und Kosten des Transports bestimmten, wo die Einwohner günstig wohnen und dennoch ihren Arbeitsplatz erreichen konnten wie es Heinrich von Thünen 1842 für den Anbau von Nahrungsmitteln um den Konsumort vorausgesagt hatte. Das dichte Miteinander barg aber auch Gefahren. Ein Ausbruch der seit 1830 in Europa immer wieder auftretenden Cholera in London 1854 veranlasste den Arzt John Snow, die lokal unterschiedlichen Sterberaten in Verbindung mit der Trinkwasserversorgung zu bringen, wodurch sich Hypothesen bestätigten, dass sich der Krankheitserreger über das Trinkwasser verbreitet hatte. Water Closets mit geordneter Kanalisation und Klärung des Wassers in einer zentralisierten Wasserversorgung wurden jetzt in mehr Stadtteilen geplant und eingebaut.
Ständische Großstadt Hamburg
Als der britische Ingenieur William Lindley Hamburg besichtigte, um dort Kanalisation und Wasserversorgung zu planen, brach in der Nacht des 5. Mai 1842 ein Brand aus, der innerhalb von drei Tagen die Innenstadt zerstörte und dem nur durch Sprengungen von Häusern Einhalt geboten werden konnte. Der Brandkatastrophe von Hamburg offenbarte all die Mängel der städtischen Selbstverwaltung, die eine wirksame Brandbekämpfung verhindert hatten. Die Häuser bestanden aus Holz, sie hatten keine ausreichenden Brandmauern und waren zum Löschen unzugänglich, die Fleete steckten voller Müll, es gab nicht genug Wasser zum Löschen, die Ausrüstung der lokalen Feuerwehren war mangelhaft und eine Koordination der Löschaktionen nicht vorhanden. Nach dem Brand wurde die Innenstadt mit stärkeren Brandmauern und breiteren Straßen ausgestattet, in denen Wasserversorgung und Kanalisation verlegt waren. Aber diese Maßnahmen wurden nur in Neubaugebieten und jenen Stadtteilen ergriffen, die man nach dem Brand wiederaufbaute. Die städtische Verwaltung blieb insgesamt weiterhin zünftig-ständisch, so dass die Baumaßnahmen nicht einem gesamtstädtischen Plan folgten.
Als 50 Jahre später der erfolgreiche Aufbau Hamburgs gefeiert werden konnte, brach im Sommer 1892 eine Choleraepidemie aus, die vor allem die Bewohner armer Stadtteile dahinraffte. Sie hatten ihr Wasser noch immer aus öffentlichen Brunnen beziehen müssen, die von der Elbe versorgt wurden, in welche zugleich die Abwasserkanalisation mündete. Planungen einer Sandfiltrierung des Wassers auch für diese Stadtteile hatte der Senat aus Kostengründen unterlassen. Zunächst verleugnete die Stadtverwaltung die Seuche und ergriff keine systematischen Gegenmaßnahmen. Erst der Mediziner Robert Koch, der den Choleraerreger erforschte und aus Berlin in die Hansestadt geschickt worden war, erkannte das Ausmaß der Epidemie und setzte Gegenmaßnahmen durch. Während der Besichtigung der Innenstadt bemerkte er über die Erfolge Hamburger Stadtplanung: „Etwas Schlimmeres als die Arbeiterquartiere im Gängeviertel habe ich weder im Judenviertel in Prag noch in Italien kennengelernt. In keiner anderen Stadt habe ich solche ungesunden Wohnungen, Pesthöhlen und Brutstätten angetroffen.“ Die engen Gassen und heruntergekommenen Gebäude, die schmutzigen Höfe und stinkenden Gerinnsel in den Straßen erinnerten ihn offenbar an Alexandria und Kalkutta. 1892 äußerte er jenen Satz, der die herrschenden Klassen des Deutschen Reichs in ihrem imperialistischen Hochgefühl ins Mark traf: „Meine Herren, ich vergesse, daß ich in Europa bin.“
Die Vernachlässigung der Arbeiterquartiere lässt sich durch die Organisation der Hamburger Stadtverwaltung erklären. In der seit 1859 gewählten Bürgerschaft Hamburgs waren die Armen nicht vertreten. Zuvor hatte es weder ein Parlament noch einen gewählten Rat gegeben. Eine demokratische freie Verfassung der Hansestadt, die 1848/49 ausgearbeitet worden war, scheiterte am Widerstand der Erbgesessenen Bürgerschaft und eines Rats, der sich selbst ergänzte. Und so blieb die ständische Ordnung von 1710 erhalten, bis die erste Weltwirtschaftskrise, die 1856 Hamburg als Handelsstadt für Garn, Tuche und Textilien besonders traf, erkennen ließ, dass in eine gewählte Bürgerschaft auch Personen gehören, die etwas von Wirtschaft verstehen. Seit 1859 konnten wohlhabende Bürger, die in erheblichem Umfang Grundbesitz und Vermögen besaßen und darauf Steuern bezahlten, eine Bürgerschaft wählen, die zusammen mit dem gewählten Rat der Stadt Gesetze und die Verwaltung der Stadt beriet.
Das blieb in Hamburg so bis 1918/19, als im Deutschen Reich für den Reichstag längst das Männerwahlrecht galt und es Bismarck gelungen war, einen modernen bürgerlichen Staat mit einem Monarchen an der Spitze durchzusetzen, in dem die alte herrschende Schicht – der Adel – in Regierung und Diplomatie, als Offiziere in der Armee und als Großgrundbesitzer und Schwerindustrielle eine zwar wichtige, aber veränderte Rolle spielte. Aufgrund des geringen Drucks der Arbeiter und Armen auf die Politik gab es in Hamburg erst mit der Entstehung eines größeren deutschen Staates, des Deutschen Reichs 1871, ein entwickeltes Volksschulwesen mit einer Schulbehörde, das die unkontrollierten Privatschulen für die Armen ersetzte. Zwar wurde 1875 in Hamburg ein Baupolizeigesetz erörtert und eingeführt, das die schädlichsten Folgen billigen Bauens für alle regeln sollte. Aber die Versorgung mit Wohnraum, Verkehrs- und Lebensmitteln blieb so unzureichend organisiert, dass es vier Jahre nach der Choleraepidemie erneut knallte. Die Einweihung des neuen Hamburger Rathauses verzögerte sich um einige Monate, weil die Hafenarbeiter 1896 gegen die unerträglichen Zustände, geringen Lohn und lange Arbeitszeit streikten. Zwar erlitten sie nach einem monatelangen Kampf eine Niederlage gegen die organisierten Arbeitgeber, aber es wurde deutlich: In der städtischen Verwaltung musste sich etwas ändern.
Der Hafenarbeiterstreik von 1896/97 war ein Warnsignal für Bürgerschaft und Senat, die auf Druck der Industriellen den Verkehr und die Versorgung in einer Großstadt zu planen begannen. Im Hafen entstanden die ersten Kantinen – „Kaffeeklappen“ –, zudem wurden neue Kaischuppen mit Sanitäranlagen versehen und der Weg für die Arbeiter der Werften verkürzt. Hamburg baute eine U-Bahn als Ring um die Alster, die auch zum neuen Elbtunnel unter der Elbe führte, und nahm mit der HADAG den Fährverkehr über die Elbe in staatliche Hand. Weitere Sanitäranlagen an den Kaischuppen, eine Hochbahn und ein Tunnel unter der Elbe wurden geplant. Bereits zuvor aber hatte die Hamburger Arbeiterbewegung den Impuls aufgenommen, den Friedrich Engels mit der Schilderung der Lebensverhältnisse in Manchester gegeben hatte, nämlich sich selbst durch eigene Organisationen und Unternehmen zu helfen. Bereits 1846 waren Selbsthilfeeinrichtungen der Arbeitenden entstanden, um Lohnabhängige auszubilden, ihnen Wohnraum und günstige Lebensmittel zu verschaffen und in Notlagen, bei Krankheit und Alter zu versorgen. Diese Einrichtungen, die Hamburg um die Jahrhundertwende zur Hauptstadt der Genossenschaftsbewegung machten, funktionierten so gut, weil sich die Einwohner der Arbeiterviertel sehr früh darum gekümmert hatten, eine Veränderung unerträglicher Wohn- und Lebensverhältnisse in die eigenen Hände zu nehmen und nicht auf die säumige Stadtverwaltung zu warten, auf die sie kaum Einfluss nehmen konnten.
Der Historiker Eric Hobsbawm bemerkt in Das Zeitalter der Extreme, seinem Großwerk über das 20. Jahrhundert, dass an dessen Anfang die Mehrheit der Weltbevölkerung auf dem Land gelebt hatte, an dessen Ende aber die Mehrheit in der Stadt wohne und Lohnarbeit nachgehen muss. Bei der Bewegung vom Land in die Stadt, von der persönlich gebundenen Arbeit zur Lohnarbeit, die in weiten Gebieten der Erde stattgefunden hat und immer noch stattfindet, begegnen die Menschen in den sehr viel größeren Megastädten der Welt jenen Bedingungen, die Engels geschildert hatte, dem Elend und Schmutz, der Unbehaustheit und Vernachlässigung elementarer Lebensbedürfnisse. Der Wandlungsprozess von einem Leben auf dem Land zu einem Leben in der Großstadt findet heute noch statt und betrifft sehr viel mehr Menschen als zu Beginn der Industrialisierung. Aus der Geschichte der Stadt während der Industrialisierung könnten wir lernen, welche Mittel helfen, welche Organisationen entstehen müssen, wie sich die Betroffenen selbst helfen können, um aus dieser Lage herauszukommen und Hoffnung auf ein besseres Leben in den Städten zu gewinnen.
Autor: Dr. Jürgen Bönig
geb. 1953, ist Technikhistoriker und war fast drei Jahrzehnte als wissenschaftlicher Mitarbeiter im Museum der Arbeit in Hamburg unter anderem für Ausstellungen im Grafischen Gewerbe und zur Mobilität verantwortlich. Forscht weiter über die Entstehung von Karl Marx’ Buch „Das Kapital“ und über dessen Hamburger Verleger Otto Meißner.
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