Bücher Das Imperium aus weiblicher Sicht Dass Geschichtsschreibung lange Zeit – bis in die moderne Geschichtswissenschaft hinein – durch eine männliche Perspektive geprägt war (ist?), ist geradezu eine Binse. Umso sinnvoller ist es, insbesondere auch einem breiteren Publikum aufzuzeigen, wie viel mit methodisch sauberer Arbeit aus der schwierigen Quellenlage über weibliche Erfahrungen und Rollen zu gewinnen ist. Die britische Althistorikerin Emma Southon geht dieses Unterfangen für die römische Geschichte anhand von 21 Beispielen von der Frühzeit bis in die Spätantike an. Zwar hätte die getroffene Auswahl – und mehr noch manche Auslassung – bisweilen besser begründet werden können; aber geschenkt, denn die Zusammenstellung funktioniert. Kenntnisreich arbeitet Southon mit den relevanten, manchmal etwas abseitigen Quellen und entfaltet ein breites Panorama, indem sie etwa die Garnisonskommandantengattin Sulpicia Lepidina, die christliche Märtyrerin Perpetua oder auch die Romfeindin Boudicca – die allesamt bislang wohl nur einem Fachpublikum bekannt sind – porträtiert. Trotz der nicht rein fachlichen Zielgruppe kommt Southon auch zu interessanten Ergebnissen. So bezeichnet sie Galla Placidia als letzte Römerin – in Anlehnung an die Bezeichnung, die Gallas Zeitgenossen Flavius Aëtius in der Forschung oft zuteilwurde. Leider bleibt das Lesevergnügen alles andere als ungedämpft. So leistet sich die deutsche Übersetzung nicht nur gelegentlich sprachliche, sondern vor allem auch fachliche Fehler – das Zeitalter des Augustus etwa wird üblicherweise als das augusteische, nicht das augustinische bezeichnet. Das kann der Autorin nicht angelastet werden und ließe sich mit dem Griff zum englischen Original vermeiden. Einige Sachfehler unterlaufen Southon dagegen – so macht sie
den erwähnten Aëtius, einen Römer des 5. Jahrhunderts, zu einem Mitglied der Prätorianergarde, was kaum möglich ist, nachdem Kaiser Konstantin diese bereits 312 aufgelöst hatte. Aber auch dies ließe sich – wie auch ihr etwas veraltet positiv wirkendes Bild vom Adoptivkaisertum des 2. Jahrhunderts – noch verschmerzen oder als didaktische
Emma Southon, Eine Geschichte des Römischen Reiches in 21 Frauen. Aufbau Verlag, Berlin 2024, 495 Seiten, € 28,–.
Vereinfachung leidlich erklären. Bereits nach wenigen Seiten wird allerdings ein Vorgang während des bekannten Raubs der Sabinerinnen mit den Worten beurteilt: „Kranker Scheiß.“ Und derlei zieht sich durch das gesamte Buch. Der saloppe Tonfall ist dabei nicht das Problem und mehr eine Geschmacksfrage. Ärgerlich daran ist vielmehr die Beurteilung historischer Vorgänge anhand eines modernen Wertekanons. Diesem wird man gesellschaftspolitisch kaum widersprechen wollen. Zur historischen Erkenntnis trägt er aber nichts bei, sondern verstellt im Zweifel mehr, als er erhellt. Woher etwa das Frauenbild der männlichen römischen Geschichtsschreiber stammt – außer aus ihrem Mannsein –, wird nicht klar. Dem selbstgesteckten Ziel, zu zeigen, dass Frauen im alten Rom mehr als Zierde waren, wird das Buch so am Ende nicht gerecht. Allein auf die Stärken der Wissenschaft – wie: transparente Methodik, Faktenorientierung, Wahrheitsanspruch, Überprüfbarkeit – zu bauen, hätte mehr gezündet. Dr. Philipp Deeg





