Ferdinand Magellan durchquerte als erster Europäer den Pazifik. Auf den Philippinen wurde er am 27. April 1521 von Indigenen getötet (Stich, 18. Jahrhundert). · Foto: akg-images / Album / Kurwenal / Prisma
Als der spanische Konquistador Vasco Núñez de Balboa im Jahr 1513 als erster Europäer den Pazifik erblickte, in die Fluten stieg und sie für den König von Kastilien in Besitz nahm, nannte er das endlose Blau mar del sur – „südliches Meer“, weil er den Isthmus von Panama in südlicher Richtung durchquert hatte, um die angeblich sagenhaft reichen Gestade jenseits der „Neuen Welt“ zu finden.
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Dass sich Balboas „Südmeer“ tatsächlich über unvorstellbare 15 000 Kilometer von der Antarktis bis nach Alaska erstreckte, konnte der Spanier nicht ahnen. Es blieb James Cook vorbehalten, den Pazifik mehr als 250 Jahre später zwischen den extremen Breiten von 66 Grad Süd und 66 Grad Nord systematisch zu befahren.
Seinen irreführenden spanischen Namen mar pacifico erhielt der besonders in den Tropen alljährlich recht stürmische „Stille Ozean“ indes von Europas erstem Weltumsegler: Als schön und still, glatt und funkelnd empfand Ferdinand Magellan die See, als er Ende November 1520 die naturgemäß noch unkartierte, später nach ihm benannte Magellanstraße an der Südspitze Südamerikas nach mehrfachen Anläufen passiert und endlich den Pazifik erreicht hatte. Ein Meilenstein für das Abendland: der Aufbruch in ein Weltmeer, das mit seinen 168 Millionen Quadratkilometern größer ist als die gesamte Landfläche der Erde.
Magellan sah den Stillen Ozean jedoch vor allem als eine Art Durchfahrtsschneise zu seinem eigentlichen Ziel: den Molukken, den indonesischen Gewürzinseln zwischen Sulawesi und Neuguinea. Genauer gesagt waren es die ausschließlich hier wachsenden Gewürze Muskat und Nelke, die in Europa als höchst begehrenswertes Statussymbol erachtet wurden.
Auf dieser 1589 entstandenen Karte von Abraham Ortelius ist Magellans Flaggschiff „Victoria“ beim Durchqueren des Pazifik zu sehen. Auffällig ist die riesige Landmasse des Südkontinents Terra Australis, die sich jedoch als Legende entpuppte. · Foto: Bridgeman Images / Granger
Die Jagd nach Gewürzen sporntzur Weltumsegelung an
Für Nelken und Muskat zahlte man in Amsterdam um 1600 verglichen mit indischem Pfeffer das Fünf- bis Zwölffache, weshalb Portugiesen, Spanier und Niederländer eifrig um den Zugang zu den Molukken konkurrierten. Während Portugals König sich mit päpstlicher Zustimmung den östlichen Seeweg zu den Molukken über den Indischen Ozean sichern konnte, sollte Magellan 1519 im Auftrag der spanischen Krone mit einer Flottille aus fünf Schiffen und 270 Seeleuten die Gewürzinseln – falls denn möglich – von Westen her über den Pazifik erreichen.
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Drei Jahre nach Magellans Aufbruch kehrte im Jahre 1522 einzig das Schiff „Victoria“ mit wenigen Überlebenden nach Spanien zurück. Unter ihnen war Antonio Pigafetta, der italienische Chronist der Reise, der als Augenzeuge den Tod Magellans auf den Philippinen hatte miterleben müssen. Was Pigafetta unter dem Datum des 27. April 1521 als „Schlacht von Mactan“ östlich der Insel Cebu beschrieb, bei der sein Admiral im flachen Wasser durch Speere von zahlenmäßig weit überlegenen Kriegern getötet wurde, nimmt vieles der späteren Berichte von gewaltsamen Zusammenstößen zwischen Europäern und den Menschen Ozeaniens vorweg.
Bemerkenswert ist die Überlieferung des Namens des feindlichen Herrschers – Lapulapu –, jenes Mannes, der mit dem tödlichen Angriff auf Magellan einer spanischen Unterjochung seiner Insel zuvorkommen wollte. Lapulapu sollte über Jahrhunderte einer der ganz wenigen indigenen Namen bleiben, die aus dem Pazifik nach Europa drangen. Indes setzte Pigafettas Reisebericht auch den typisch europäischen Ton, was die Herabsetzung der Menschen Ozeaniens betrifft: Er billigte ihnen zwar Tapferkeit, Mut und Geschicklichkeit zu, bezeichnete sie aber zugleich als unzivilisiert und gesetzlos, wild und barbarisch.
Die Molukken blieben lange Dreh- und Angelpunkt der Pazifikunternehmungen der Europäer. Seit 1571 aber nutzten die Spanier den Stillen Ozean mit der Einrichtung eines Handelsstützpunkts auf den Philippinen zudem als Handelsstraße für ihre Galeonen, die nun regelmäßig zwischen Manila und den spanischen Kolonien an der amerikanischen Pazifikküste verkehrten, um mit Silber aus den Gruben Boliviens Seide, Porzellan und Gewürze in Asien einzuhandeln.
Die Gewürze der Molukken weckten die Begehrlichkeiten der Europäer. Sie wollten sich einen direkten Zugang zu den Inseln bei Indonesien sichern (Karte aus einem Manuskript der „Cosmographie universelle“ von Guillaume Le Testu, 1555). · Foto: Bridgeman Images
Terra Australis Incognita – Suche nachdem mysteriösen Südkontinent
Der prosperierende Pazifikhafen Acapulco im heutigen Mexiko wurde so auch zum Ausgangspunkt weiterer spanischer Pazifikerkundungen. Von hier aus stach 1567 und erneut 1595 der Seefahrer Álvaro de Mendaña gleich zweimal in See, um nach einem ominösen Südland, der Terra Australis Incognita, zu suchen, von dem man sich nicht nur in Spanien enorme Reichtümer versprach.
Mendaña konnte bei seiner Südlandsuche im Pazifik als erster Europäer die Marquesas-Inseln, den Archipel der Salomonen und die Santa-Cruz-Inseln entdecken. Hier versuchte er 1595, eine dauerhafte spanische Kolonie zu gründen, was mehrwöchige Kämpfe mit den Bewohnern der Insel und zahlreiche Tote zur Folge hatte.
Ganz ähnlich erging es seinem Nachfolger Pedro Fernández de Quirós 1606 mit einer Kolonie auf der von ihm im Norden Vanuatus entdeckten Insel Austrialia del Espíritu Santo. Auch diese Gründung scheiterte nach wenigen Wochen am gewaltsamen Widerstand der Inselbewohner. Dass die heidnischen Einheimischen sich der Taufe entzogen, verfinsterte das Bild von den unchristlichen Barbaren im Pazifik weiter. In Europa fachte de Quirós – der eigentlich als fähiger Kartograph galt – mit der fehlerhaften Einschätzung, sein Austrialia del Espíritu Santo sei Teil des gesuchten Südkontinents, die Sehnsucht nach der Terra Australis für weitere Jahrhunderte an.
Bei der Südlandsuche im Stillen Ozean wollte auch die niederländische Vereinigte Ostindische Kompanie (VOC) nicht das Nachsehen haben. Daher ermunterte sie Angestellte ihrer Filiale in Batavia – der heutigen indonesischen Hauptstadt Jakarta –, entsprechende Pazifikexpeditionen zu starten. 1642 machte sich daher Abel Tasman von Batavia aus auf den Weg, Jacob Roggeveen folgte ihm 1721 mit gleichem Auftrag. Beide versäumten es nicht, auf ihrer Fahrt in den Südpazifik die Molukken anzulaufen – Gewürze standen noch immer hoch im Kurs.
Der Rostocker Carl Friedrich Behrens, der an der Entdeckungsfahrt von Jacob Roggeveen teilnahm, beschrieb 1722 als Erster die beeindruckenden Steinskulpturen der Bewohner der Osterinsel, die moai. · Foto: akg-images / Horizons
Imposante Steinskulpturenauf der Osterinsel
Jacob Roggeveen konnte 1722 schließlich die abgelegene Osterinsel entdecken. Es blieb ihm aber infolge einer Erkrankung versagt, diese selbst zu betreten, sodass sein Rostocker Steuermann Carl Friedrich Behrens die Erkundung der Insel ausführte. Diesem guten Chronisten verdanken die Europäer ihre erste Kenntnis von Basaltsäulen „mit riesigen steinernen Köpfen und Figuren, so groß, dass es unmöglich scheint, dass Menschen sie errichtet haben“. Es war das erste Mal, dass hier mit den moai eine polynesische Skulptur Erwähnung fand.
Abel Tasman dagegen konnte für sich in Anspruch nehmen, als erster Europäer die Küsten sowohl Tongas als auch Fidschis kartographiert und besonders große Landmassen im Südpazifik entdeckt zu haben: 1642 zunächst Tasmanien, das er nach dem Chef seiner Handelskompanie Van Diemen’s Land taufte, und schließlich Neuseeland.
Doch wie für seinen Landsmann Roggeveen war es auch für Tasman unmöglich, an Land zu gehen und den Strand der halbmondförmigen Bucht von Tai Tapu zu betreten, die er am 13. Dezember 1642 auf der Südinsel Neuseelands vor sich sah. Noch bevor die zum Anlanden bereiten Matrosen einer ersten Schaluppe die Küste erreichten, wurden sie von einem Langboot der Maori gerammt, und vier von Tasmans Männern wurden erschlagen.
Der Niederländer vermied daher jeden weiteren Landgang auf Neuseeland und zeichnete den Tatort auf seiner Karte als „Moordenaers Baai“ ein – als „Mörderbucht“, eine Bezeichnung, die das europäische Bild von den wilden Barbaren der Südsee weiter befestigte.
Der Niederländer Abel Tasman mit seiner Familie. Das heutige Tasmanien ist zwar inzwischen nach ihm benannt, er selbst hatte die Insel allerdings Van Diemen’s Land getauft (Ölgemälde von Jacob Gerritsz. Cuyp, 1637). · Foto: akg-images / De Agostini Picture Library
Historisch gesehen waren die Europäer späte, dafür aber umso aggressiver auftretende Ankömmlinge im Pazifik – anders als die Erstbezwinger der größten Wasserfläche unseres Planeten: die Polynesier. Sie waren schon vor etwa 4000 Jahren von den Küsten Taiwans und den Inseln Südostasiens aus in See gestochen – wie inzwischen auch durch DNA-Tests nachgewiesen werden konnte –, um einen gigantischen Navigationsraum zu besiedeln.
Die Polynesier überwindendie riesige Wasserfläche
Moana – „offenes Wasser“ – nennen die Polynesier den Pazifik, ganz gleich ob sie auf Tahiti oder Samoa, im Tonga-Archipel oder auf den Tuamotus, den Cook-Inseln, der Osterinsel oder auf den Marquesas leben. Ein junger Deutscher, Georg Forster, der sprachbegabte naturwissenschaftliche Begleiter von Captain Cooks zweiter Weltumsegelung (siehe Artikel Seite 32), überlieferte eine weitere indigene Bezeichnung für den Stillen Ozean: „das große Inselmeer“. Denn Stück für Stück – Insel für Insel – dehnten die begnadeten polynesischen Navigatoren ihren Siedlungsraum über die Jahrhunderte aus.
Grundlage dieser Expansion war eine Flotte aus Doppelrumpfkanus, die monatelange Fahrten in unbekannte Gewässer ermöglichte. Die Bauweise dieser pahi genannten Katamarane bot einen doppelten Vorteil: zum einen wenig Gewicht. Der Rumpf wurde aus Hölzern wie Brotfrucht- und Miroholz, die Segel aus Pandanusfasern und die Seile aus Kokosfasern gefertigt.
Diese Leichtigkeit erhöhte auf hoher See die Geschwindigkeit: Polynesische Kanus waren bis Ende des 18. Jahrhunderts schneller als französische Fregatten oder britische Sloops (kleine Kriegsschiffe) – trotz der ausgeklügelten Takelage der Europäer. Letztere waren schon aufgrund ihrer Bauteile aus Metall – von Beschlägen aus Kupferplatten am Bug über eiserne Anker und Ankerwinden bis hin zu Kanonen – viel schwerer als Überseekanus.
Die erste Begegnung der Tasman-Expedition mit den Maori Neuseelands im Jahr 1642 endete tödlich. Die Zeichnung der „Mörderbucht“ stammt vom mitgereisten Künstler Isaack Gilsemans. · Foto: Bridgeman Images / Pictures from History
Captain Cook jedenfalls war von den Kanus beeindruckt. 1769 führte ihn der tahitische Priester-Navigator Tupaia, Cooks indigener Reisebegleiter auf der ersten Weltumsegelung (siehe Artikel Seite 24), auf seiner Heimatinsel Raiatea zu einer Bootswerft, in der die Herstellung von Überseekanus genauer inspiziert werden konnte: „Sie sind mit großer Kunst gebaut und außerordentlich gut zum Segeln geeignet“, notierte der britische Seefahrer in sein Tagebuch. Auch Joseph Banks, der führende Naturwissenschaftler auf der ersten Reise von James Cook, hob die „unglaubliche Cleverness“ der Erbauer der überseetauglichen Doppelrumpfkanus hervor.
Den Briten entging nicht, dass die Boote mit einer Länge zwischen zwölf und 30 Metern aus zwei Rümpfen konstruiert wurden, die man mit großen hölzernen Plattformen verband, sodass zusätzliche Stabilität auf hoher See und reichlich Stauraum entstand. Der Wert dieser „Ladefläche“ war für die polynesische Besiedlung des Pazifik kaum zu überschätzen. Denn jede Bootsgemeinschaft, die zur Inbesitznahme einer unbekannten neuen Insel „ins Blaue hinein“ segelte – in der Regel 20 bis 50 Menschen auf jedem Überseekanu –, musste sich für das waghalsige Unternehmen nicht nur mit einer Vielzahl von Bambusrohren voller Trinkwasser und Körben mit vergorenem Brotfruchtbrei ausrüsten, sondern aus der alten Heimat vor allem einen „lebenden Vorrat“ für den Neustart auf der fernen Insel mitnehmen.
„Sie haben in ihren Kanus die nützlichsten Pflanzen ihres Landes mitgeführt, wie den Brotfruchtbaum, die Kokospalme, die Banane, den Taro und das Zuckerrohr“, würdigte Johann Reinhold Forster, der Kopf der wissenschaftlichen Expedition auf Cooks zweiter Weltumsegelung, die strategische Transferleistung der Polynesier.
Neben ihren sorgsam ausgewählten „Kanupflanzen“, zu denen auch einige Heilpflanzen, etwa der psychoaktive Rauschpfeffer Kava (Piper methysticum) und die spirituell bedeutsame Ti-Pflanze (Cordyline fruticosa), zählten, gingen planmäßig Hühner, Schweine und Hunde mit an Bord. Und Ratten natürlich – vermutlich so unerwünscht wie unvermeidlich.
· Foto: DAMALS-Graphik / Karl Marx, Vorlage: Peter Palm, Berlin
Als Ergebnis dieser maritimen Migration entstand im Pazifik bis zum 13. Jahrhundert ein kulturell erstaunlich homogener Großraum: das sogenannte polynesische Dreieck. Es umfasst rund zehn Millionen Quadratkilometer und reicht nördlich des Äquators bis nach Hawaii, im Südwestpazifik mit Neuseeland in subantarktische Gewässer und streckt sich Richtung Osten mit der Osterinsel der chilenischen Küste entgegen.
Obwohl die Distanz zwischen diesem östlichsten Zipfel Polynesiens und der Küste Südamerikas rund 3700 Kilometer beträgt, kam es um 1150 dennoch zu ersten Begegnungen zwischen den Bewohnern beider Hemisphären, wie jüngste DNA-Untersuchungen belegen. Demnach können rund acht Prozent des polynesischen Erbguts als südamerikanisch ausgewiesen werden. Ob aber die präkolumbischen Südamerikaner weit in den Pazifik hinein oder umgekehrt polynesische Seefahrer bis nach Amerika und zurück reisten, ist noch offen.
Fest steht: Eine anhaltende Migrationsbewegung über einen so gewaltigen Navigationsraum bedingte schon aufgrund des Anpassungsdrucks an neue Lebensräume viele Veränderungen. So breitete sich in Ozeanien seit 1600 v. Chr. mit den aus Südostasien kommenden frühen Seefahrern und Siedlern die sogenannte Lapita-Kultur aus: mit typischen Steinwerkzeugen und Muschelschmuck, Auslegerbooten und Vorratshaltung, vor allem aber mit fein verzierter Lapita-Keramik.
Tontöpfe zum Kochen werdendurch Erdöfen ersetzt
Archäologen fanden Spuren dieser Töpferware nicht nur in ganz Melanesien, vom Bismarck-Archipel bis nach Neukaledonien und Fidschi, sondern auch auf Samoa und Tonga, den historischen Zentren der polynesischen Kultur. Und doch verschwand diese Keramik etwa 500 v. Chr. plötzlich wieder. Statt in Tontöpfen garten die Polynesier ihre Speisen nunmehr in Erdöfen, in denen durch erhitzte Steine in Blätter gehüllte Lebensmittel im eigenen Saft gedünstet wurden.
John Webber, ein Künstler, derJames Cook auf seiner dritten Reise begleitete, fertigte 1777 auf Tahiti diese Aquarellstudie eines hochseetauglichen Doppelrumpfkanus an. · Foto: Bridgeman Images / British Library archive
Ethnologen vermuten in diesem Wechsel der Kochkultur eine Alltagsanpassung an limitierte Ressourcen auf neuen Inseln – womöglich fehlte es dort an geeignetem Ton. In jedem Fall verbreitete sich der Erdofen in ganz Polynesien.
Georg Forster, der auf Cooks zweiter Weltumsegelung 1772 an einem Festmahl auf Tahiti teilnehmen konnte, hielt die Zubereitung der Speisen in einem solchen Erdofen „für unendlich besser als unsre Art zu kochen. Denn das Fleisch bleibt zart und aller Saft beisammen“.
Die Formensprache der Lapita-Keramik ging aber auch nach dem Verschwinden der Tongefäße nicht verloren. Ihre abstrakten Gestaltungsmuster finden sich bis heute als Tätowierungen auf der Haut, als Ornament in Holzschnitzereien und als Stempelsegment auf den Rindenbaststoffen der Polynesier. In der klassischen polynesischen Hochkultur – seit dem 10. Jahrhundert bis zur Ankunft der Europäer im Pazifik – kam solchen abstrakten Mustern auch eine soziale Funktion zu. Sie markierten Herkunft und Abstammung polynesischer Adliger, die sich als Nachfahren der Götter verstanden. Damit waren diese Dekors aber für die niedrigste der drei Kasten der Polynesier – für die „Gewöhnlichen“ (manahune) wie Bauern, Fischer und Handwerker – innerhalb der streng hierarchisch aufgestellten polynesischen Gesellschaft tapu. Von diesem polynesischen Begriff leitet sich das deutsche „Tabu“ bzw. das Adjektiv „tabu“ ab.
Tatsächlich durchdrangen drastische Taburegeln alle Aspekte des täglichen Lebens. Den manahune war so auch das Tragen von Rindenbaststoff verboten; ein Kleidertabu, das mit dem wichtigsten spirituellen Konzept der Polynesier korrespondierte: dem Gebot, die von den göttlichen Ahnen verliehene spirituelle Kraft – das mana – zu akkumulieren.
James Cook besuchte auch eine religiöse Zeremonie mit Menschenopfer in einem der marae genannten Tempelbezirke der Gesellschaftsinseln (aquarellierte Zeichnung von John Webber, 1780–1784). · Foto: Bridgeman Images / Mitchell Library, State Library of New South Wales
Dieser Vorstellung folgend wurde etwa bei der Herstellung von Rindenbaststoffen mana erzeugt, wenn die Endfertigung der Textilien auf rituelle Weise von Damen des Adels ausgeführt wurde. Das dann im Stoff inkarnierte mana – so lehrten es die polynesischen Priester – fiele bei Berührung durch Wesen ohne göttliche Aura, also Angehörige niedriger Stände, einer Entwertung anheim. Für manahune war der Stoff daher tabu, während adlige Männer und Frauen aufgrund ihrer göttlichen Herkunft mit Rindenbaststoffen ihr mana mehren und so ein religiöses Gebot erfüllen konnten.
Götter sind in der polynesischenKultur allgegenwärtig
Die Götter waren in der klassischen polynesischen Hochkultur so allmächtig wie allgegenwärtig: Tangaloa, der Gott der Schöpfung und des Meeres auf Hawaii, der Menschenopfer fordernde Kriegsgott Oro auf Tahiti oder der Schutzgott der Natur und des Bootsbaus Tane auf den Marquesas. Hinzu kommt eine Vielzahl von Ahnengöttern, denen die Priester an Zeremonialplätzen – wie den marae auf Tahiti – Opfergaben darbrachten: gesottene Spanferkel, die als erlesene Speise sonst nur den Herrschern vorbehalten waren, die besten Fische eines Tagesfangs oder saisonal besonders begehrte Früchte.
In seltenen Fällen – zur Weihung eines neuen marae oder zur Inthronisierung eines neuen Herrschers – wurden auch Menschen geopfert. Offiziell waren es die Götter, die dem Priester die zu tötende Person bezeichneten: häufig einen Angehörigen der niedrigsten Kaste oder einen Kriegsgefangenen. Der Reinigungszeremonie auf dem marae schloss sich die Tötung des gefesselten und rituell „geweihten“ Opfers an, meist durch Erdrosseln.
Anschließend folgte die entscheidende Zeremonie: Der Priester setzte in einem großen Gebetsritual das mana des Opfers frei – jene spirituelle Kraft, die die Gemeinschaft stärken, den Herrscher legitimieren und die göttliche Ordnung sichern sollte.
Eine Tanzaufführung der religiösen Kultgemeinschaft der Arioi, die zu ihren „Auftritten“ mit dem Kanu anreiste (aquarellierte Zeichnung von John Webber, 1780–1784). · Foto: Bridgeman Images / Mitchell Library, State Library of New South Wales
Bis ins 18. Jahrhundert hinein differenzierten sich die religiösen Vorstellungen und Rituale in den verschiedenen Inselreichen Polynesiens weiter aus. Auf Neuseeland spielte ritueller Kannibalismus infolge größerer kriegerischer Konflikte der Maori eine zunehmende Rolle – der polynesischen Kriegslogik folgend ließ sich durch Verzehr des Kriegsgegners auch sein mana übernehmen. Zur gleichen Zeit wurden auf Tonga und Hawaii Menschenopferrituale stärker formalisiert.
Religiöse Kultgemeinschaft tourtmit dem Kanu von Insel zu Insel
Nahe Tahiti, auf den Gesellschaftsinseln, stieg seit dem 15. Jahrhundert mit dem marae Taputapuatea auf Raiatea ein neues spirituelles und politisches Zentrum auf, das eng mit dem Kult um den Kriegsgott Oro verbunden war. Durch die Ausbildung von Priester-Navigatoren und Besuche hochrangiger Herrscher und Hohepriester bildeten sich neue Überseeverbindungen nach Hawaii, Neuseeland und zu den Cook-Inseln heraus.
Seit dem 17. Jahrhundert ging von Taputapuatea aus auch die religiöse Kultgemeinschaft der Arioi mit Kanuflotten auf Überseetourneen – eine Art Erweckungsbewegung für den Gott Oro. Göttermythen und Ahnenlegenden, Theatervorführungen, Gesänge und Tänze der jungen Männer und Frauen schlossen auch Erotik ein, um die Fruchtbarkeit, Liebe und göttliche Kraft Oros zu zelebrieren.
In den orgiastischen Festivals der Arioi auf den Kultplätzen der Gesellschaftsinseln gelangte die polynesische Hochkultur noch einmal zu höchster Blüte. 1772 war Captain Cook als Ehrengast des marae Taputapuatea einer der Letzten, der ein großes Fest der Arioi auf Raiatea miterleben konnte. Doch mit der Ankunft der Europäer hatte die Götterdämmerung für die alte Welt der Polynesier schon eingesetzt.
Literatur
Frank Vorpahl, Aufbruch im Licht der Sterne. Wie Tupaia, Maheine und Mai Captain Cook den Weg durch die Südsee erschlossen. Berlin/Köln 2023.
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