Rudolf Gruber
Rationalität hieß das Zauberwort. Die „Frankfurter Küche“ sollte die Hausfrauenarbeit effizienter machen. Dazu bedurfte es eines kompakten Raumes, der für eine Person, die Köchin, konzipiert war. Die Möbel wurden zentimetergenau den räumlichen Maßen angepasst, Gerätschaften waren mit einem Handgriff erreichbar, die Arbeitsgänge auf wenige Schritte verkürzt. Abfälle wurden durch einen Ausschnitt neben der Spüle rasch beseitigt. Unter einem Fenster war eine Holzplatte installiert, auf der die Köchin auch sitzend Tätigkeiten verrichten konnte.
Ernst May, Leiter des Frankfurter Hochbauamts, war für das Siedlungsprojekt „Neues Frankfurt“ auf der Suche nach einem preiswerten Modell, das sich in Serie für bis zu 20 000 Wohnungen herstellen ließ. Die Wiener Architektin Margarete Schütte-Lihotzky erwies sich als kongeniale Partnerin, auch politisch: Als Feministin hatte sie starkes Interesse, Frauen die ihnen zugedachte Arbeit zu erleichtern. May lernte sie über den Wiener Architekten Adolf Loos kennen, für den sie arbeitete.
Rückblickend bewertete Schütte-Lihotzky ihre Erfindung in ihrer Autobiographie eher abgeklärt: Die Frankfurter Küche solle „nicht für das Heute propagiert werden“, schrieb sie; was damals noch als „vorbildlich progressiv“ galt, tauge für heutige Ansprüche nicht mehr. Im Übrigen sei die Bezeichnung Frankfurter Küche „irreführend“, denn es handle sich keinesfalls um die Gestaltung einer Küche, sondern um ein Modell, das May aus Marketinggründen so genannt hatte. Mit einem feministischen Seitenhieb fügte sie hinzu, dass es kein Zufall gewesen sei, eine Frau mit der Planung zu beauftragen: Es habe damals eben der bürgerlichen (männlichen) Vorstellung entsprochen, dass Frauen hauptsächlich „am häuslichen Herd arbeiten“.
Trotz internationaler Bekanntheit störte es Schütte-Lihotzky, dass die Frankfurter Küche zu ihrem Identitätsmerkmal geworden war: „Hätte ich gewusst, dass ich ein Leben lang über diese verdammte Küche sprechen muss, hätte ich sie nicht gebaut.“ Gleichwohl wurde die Einbauküche jahrzehntelang als großer Fortschritt gefeiert: Sie ersparte der öffentlichen Hand nicht nur enorme Baukosten, sondern auch den Familien den Kauf von teuren Küchenmöbeln. Und nicht zuletzt ermöglichte die Zeitersparnis Frauen, leichter als zuvor beruflich tätig zu sein oder zu studieren.
Info
Margarete Schütte-Lihotzky, 1897 in Wien geboren, wuchs in einer bürgerlichen Familie auf, deren Wurzeln in der Bukowina, dem östlichsten Zipfel der Habsburgermonarchie, lagen. 1915 begann sie Architektur zu studieren – als eine der ersten Frauen überhaupt. Sie sagte, damals habe man Frauen nicht zugetraut, Häuser bauen zu können. „Ich hab’s selber nicht geglaubt“, meinte sie selbstironisch. Die Nazis verurteilten die Kommunistin wegen Hochverrats zu einer langjährigen Gefängnisstrafe. Nach 1945 musste sie lange auf öffentliche Anerkennung warten. Schütte-Lihotzky war fast 100 Jahre alt, als Wien sie mit der ersten Ausstellung über ihr Gesamtwerk ehrte. Sie starb im Jahr 2000.





