Prof. Dr. Volker Reinhardt
Die einzige Krittelei an diesem opulent ausgestatteten Buch sei, so wenig störend wie möglich, an den Anfang gestellt: Ob es eine „Renaissance“, verstanden als eine Epoche der Geschichte, überhaupt und speziell in England gegeben hat oder nicht, wird hier nicht beantwortet und in einer dreiviertelseitigen Einleitung auch gar nicht näher erörtert. Dass die neuere historische Forschung hier im Allgemeinen wie im Besonderen mehr als skeptisch ist, muss den Verfasser als herausragenden Kenner der englischsprachigen Literatur der Neuzeit auch gar nicht bekümmern, denn er hat statt theoretischer Erörterungen dieser Art reizvolleres Textmaterial zu bieten.
Leserinnen und Leser sollten daher alle Bedenken gegen die hier vorgenommene Ausdehnung von „Renaissance“ bis zum Jahr 1700 und die ebenfalls längst widerlegten Thesen vom freudigen Aufbruch „Renaissance-Europas“ in eine angeblich verlockende Zukunft getrost zurückstellen. In diesem Sinne sollten sie amüsiert zur Kenntnis nehmen, dass auf Seite 126 Berninis heilige Teresa von Ávila, ein Hauptwerk des europäischen Barock, in einer Anthologie von „Renaissance-Literatur“ steht, all diese überflüssigen, da untauglichen Begriffe über Bord werfen und dem Autor auf dem Parcours seiner wunderbar lebendigen, von kurzen Einführungen begleiteten Übersetzungen literarischer und wissenschaftlicher Textausschnitte willig und fasziniert nachfolgen.
Die 30 jeweils von solchen signifikanten Quellenauszügen unterfütterten Themeneinheiten umfassen alle Bereiche der damaligen Lebenswelten, Erfahrungen und Wahrnehmungen: Kirche und Konfession, die Erschließung neuer Kontinente, erste Ansätze einer noch tastenden naturwissenschaftlichen Methodik, Reflexionen über bildende Künste und Musik, Auszüge aus den Dramen von Shakespeare und seinen Zeitgenossen, Entwürfe von Utopien, Diskurse zum Verhältnis der Geschlechter, Beschreibungen von Berufen und Freizeitbetätigungen, Abhandlungen über den Umgang mit Fremden, Aufrufe zur Hexenjagd und Analysen zu Pest und Syphilis, um nur einige der wichtigsten Schwerpunkte aufzuführen.
Großzügigerweise kommt dabei auch ein Gast wie der Süditaliener Giordano Bruno zu Wort, gewissermaßen als Ehrenrettung dafür, dass er bei seinem Vortrag über die Unendlichkeit des Kosmos in Oxford von den dortigen Aristoteles-Nachbetern erbarmungslos ausgebuht und obendrein des Plagiats geziehen wurde (kleine Korrektur zum Bruno-Kommentar: Roberto Bellarmin war nie römischer „Großinquisitor“).
In der Summe lässt sich durch die prächtig illustrierten Übersetzungen und ihre Präsentation ein Prozess nachvollziehen, den Voltaire einige Jahrzehnte später neidvoll auf den Punkt brachte: wie aus einem anfangs peripheren und in manchem rückständigen Land die führende Kulturnation Europas wurde, führend sogar vor Frankreich. Fazit: ein ideales Geschenk für ein kulturhistorisch interessiertes Publikum, das auch selbsternannten Kennern mancherlei Überraschungen zu bieten hat.





