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Entscheidung in den Abruzzen
In der Palentinischen Ebene, nahe der Ortschaft Tagliacozzo, endete am 23. August 1268 der Versuch des 16-jährigen Konradins von Hohenstaufen, das Königreich Sizilien zu erobern. Dabei hatte der spätere Sieger der Schlacht, Karl von Anjou, im Vorfeld gravierende taktische Fehler gemacht.
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Drei Tage und Nächte lang habe er die Truppenbewegungen der Staufer genau verfolgt, berichtete Karl von Anjou am Abend nach der Schlacht in seiner Siegesmeldung an Papst Clemens IV. (1265–1268). In Wirklichkeit war ihm erst am Tag zuvor gemeldet worden, dass feindliche Truppen am Fuß des Monte Carce in der Palentinischen Ebene (in der heutigen Region Abruzzen) erschienen waren. Im Eiltempo ließ Karl seine Ritter in voller Rüstung aufmarschieren, um den Gegner abzufangen – und durfte sich glücklich schätzen, dass sich seine Männer noch eine Nacht von den Strapazen des Tages erholen konnten. Doch das konnte er dem Papst schlecht schreiben – er wollte ja im besten Licht erscheinen.
In der Schlacht von Tagliacozzo entschied sich das Schicksal zweier Thronanwärter. Sowohl Karl von Anjou als auch Konradin sahen sich als legitime Herrscher des Königreichs Sizilien, welches nicht nur die Insel, sondern den gesamten Süden Italiens umfasste. Konradins Großvater, Kaiser Friedrich II., hatte bei seinem Tod am 13. Dezember 1250 ein riesiges Reich hinterlassen – und große politische Probleme, denn der „größte unter den Fürsten der Erde“ hatte das Papsttum gegen sich aufgebracht.
Nachdem Innozenz IV. (1243–1254) den Kaiser auf dem Konzil von Lyon (1245) hatte verurteilen lassen, gab es im Reich einen Gegenkönig (1246/1247 den Ludowinger Heinrich Raspe IV., 1248 bis 1254 Wilhelm von Holland). Zudem galt das Königreich Sizilien als heimgefallenes Lehen, das der Papst neu vergeben konnte. So musste sich Friedrichs Sohn Konrad, der noch zu Lebzeiten des Vaters zum römisch-deutschen König gewählt worden war, sein Erbe erkämpfen. 1251 nahm er Abschied von seiner schwangeren Frau Elisabeth von Wittelsbach und zog nach Italien. Nach anfänglichen Schwierigkeiten konnte er sich in Sizilien behaupten, ehe er am 21. Mai 1254 im Heerlager in Lavello an Malaria starb. Seinen am 25. März 1252 auf der Burg Wolfstein bei Landshut geborenen Sohn hat er nie kennengelernt.
Der Enkel Friedrichs II. sucht nach einem Reich
Der „kleine Konrad“ (Konradin, vom italienischen Diminutiv Corradino) erbte die Ansprüche seines Vaters auf die Königreiche Sizilien und Jerusalem sowie das Herzogtum Schwaben – doch de facto besaß er nichts. Als Vormund vertrat sein Onkel Ludwig II., „der Strenge“, seine Interessen. Der Pfalzgraf bei Rhein und Herzog von Bayern gehörte zu den mächtigsten Fürsten im Reich, das sich seit dem Tod Friedrichs II. im Interregnum befand, der königslosen Zeit, die bis zur Wahl Rudolf von Habsburgs 1273 andauern sollte. Konradins Ausbildung übertrug Ludwig an Albero von Bruckberg und Volkmar II., „den Weisen“, von Kemnat. Elisabeth heiratete unterdessen den als Emporkömmling geltenden Graf Meinhard II. von Görz und Tirol. Der war zwar keine standesgemäße, aber mit Blick auf die sizilianischen Ambitionen ihres Sohnes eine gute Wahl, denn er kontrollierte den wichtigsten Alpenübergang.
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Während Ludwig die Interessen seines Mündels in den staufischen Kernlanden in Schwaben zu wahren vermochte, konnte er in Italien wenig Einfluss ausüben. Gleich mehrere Päpste versuchten, Edmund Crouchback, den zweiten Sohn des englischen Königs Heinrich III. (1216–1272), für ein „sizilianisches Abenteuer“ zu gewinnen. In der Zwischenzeit regierte in Sizilien Manfred, der Sohn von Friedrich II. und Bianca Lancia, die der Kaiser unmittelbar vor ihrem Tod geehelicht hatte. Manfred gab zunächst vor, für die Interessen Konradins einzustehen, ehe er den alten Vertreter der Staufer in Sizilien, Berthold von Hohenburg, ausschaltete und das Gerücht verbreiten ließ, Konradin sei gestorben. Am 19. August 1258 ließ er sich zum neuen König von Sizilien krönen.
Da Edmund keine Anstalten machte, zu einem Feldzug aufzubrechen, suchte Papst Urban IV. (1261–1264) Ersatz und fand Karl von Anjou, den jüngeren Bruder Ludwigs IX. von Frankreich. Manfred hatte seine Herrschaft inzwischen stabilisiert und verkannte die Gefahr. In Ruhe baute Karl ein Heer auf. Am 6. Januar 1266 wurde er in Rom von Papst Urbans Nachfolger, Clemens IV., gekrönt. Karl nahm nun Manfred, den Feind des Papstes, ins Visier. Von den Geschehnissen alarmiert, zog dieser ihm entgegen – und fand am 26. Februar in der Schlacht von Benevent den Tod.
Die meisten der Mächtigen Siziliens arrangierten sich mit Karl, aber nicht alle. Den Kern der Opposition bildeten zwei Brüder Biancas, Friedrich und Galvano Lancia, sowie Galvanos Sohn Galeotto, der aus dem Gefängnis entflohene Konrad von Antiochien und die Brüder Konrad und Marino Capece. Sie alle setzten ihre Hoffnung in den jungen Konradin.
Der 14-Jährige setzt alles auf eine Karte und zieht nach Italien
Dem 14-Jährigen fehlte eigentlich alles, was man für einen Italienzug brauchte: Geld, Ritter, Macht. Doch die Gelegenheit war günstig. Also versammelten sich seine Anhänger im Oktober 1266 auf einem Hoftag in Augsburg, um die Sache zu beraten. Unter den Teilnehmern waren die Bayernherzöge Ludwig und Heinrich, Konradins Stiefvater Meinhard II., der Bischof Eberhard von Konstanz, Abt Berthold von St. Gallen, Graf Rudolf von Habsburg sowie der landlose Herzog Friedrich von Österreich und der Steiermark, der nur drei Jahre älter war als Konradin und sich nach der Annektierung seiner Lande durch König Ottokar II. von Böhmen in einer ähnlichen Situation wiederfand. Die sizilianische Frage wurde diskutiert – und angesichts der besonderen Lage beschlossen, das Abenteuer zu wagen.
Konradin setzte sein Testament auf und verpfändete fast alle seine Besitztümer an seinen Onkel Ludwig. In Schwaben warb er um Anhänger und Söldner und konnte im Folgejahr bei Augsburg, dem Aufmarschplatz für Italienzüge, ein stattliches Heer versammeln. Entscheidend war jedoch die Hilfe der sizilianischen Adeligen. Also vergab er großzügig Posten an sie, über die er in Zukunft würde verfügen können. Mit Erfolg: Konrad Capece reiste sofort ab, um für Konradins Projekt zu werben. Dann ging es auch für Konradin über den Brenner und nach Verona.
In Verona fanden sich weitere Ghibellinen (Anhänger der Staufer) aus Sizilien und Oberitalien ein. Doch hatten nach der Schlacht von Benevent in den meisten Städten Italiens die Feinde der Ghibellinen, die Guelfen, die Oberhand gewonnen. Ein Vorstoß nach Brescia blieb erfolglos, die Kriegskasse schrumpfte, und bald rieten Ludwig und Meinhard zur Umkehr – und reisten ab.
Dem mächtigen Bayernherzog ist sein Rückzug von der älteren Forschung gerne zum Vorwurf gemacht worden. Ludwig konnte das königslose Reich jedoch nicht für längere Zeit verlassen, zumal ihm der Papst mit der Verhängung des Interdikts drohte und mit Ottokar II. ein Feind der Wittelsbacher nach der römisch-deutschen Königswürde strebte. Auf einen waghalsigen Feldzug nach Sizilien durfte er sich nicht einlassen. Für Konradin hingegen gab es kein Zurück. Würde er jetzt umkehren, hätte er seine sizilianischen Unterstützer ein für allemal verprellt.
Diese leisteten ganze Arbeit: Konrad Capece sprach bei den alten Verbündeten Friedrichs II. in Nordafrika vor, erwirkte beim Sultan von Ägypten eine Empfehlung für Konradin mit Blick auf die sizilianischen Sarazenen und erhielt vom Emir von Tunis ein voll ausgerüstetes Schiff. Mit einer kleinen Truppe, die noch von spanischen Rittern um Friedrich von Kastilien ergänzt wurde, der schon für Manfred gestritten hatte, landete Capece auf der Insel Sizilien und stiftete Unruhe.
Ein Bruder Friedrichs von Kastilien, Heinrich, zeigte ebenfalls Interesse an einem Bündnis. Heinrich war ein schillernder Charakter und diente gerade als Senator von Rom. Er hatte Karl von Anjou bei seinem Zug gegen Manfred unterstützt. Doch dieser war ihm den Lohn schuldig geblieben. So schwor Heinrich von Kastilien Rache und wechselte die Seiten.
Im Januar 1268 verließ Konradin Verona und zog nach Pavia, ehe er sich mit einigen hundert Rittern von Vado nach Pisa einschiffte, während Friedrich von Österreich den Rest des Heeres auf dem Landweg führte. Am 2. Februar wagten dann die von Friedrich II. in Lucera angesiedelten Sarazenen den Aufstand gegen Karl.
Auf einmal lief es gut für Konradin: Im Arnotal nahm Friedrich von Österreich Karls Marschall Jean de Braiselve gefangen, unterdessen segelte Friedrich Lancia mit einer pisanischen Flotte in Richtung Sizilien. Konradin selbst nahm San Gimignano ein und zog weiter nach Siena. Karl versuchte zunächst, den Aufstand in Lucera niederzuschlagen, brach das Vorhaben jedoch bald ab. Er wollte Konradin so bald wie möglich zur Schlacht stellen.
Während sich der Papst in Viterbo verschanzte, zog Konradin am 14. Juli in Rom ein. Feierlich wurde er von Heinrich von Kastilien empfangen. Am 18. August verließ er die Stadt wieder, verstärkt um Heinrich und 300 spanische Ritter. Über die Via Valeria ging es nach Osten – wo Karl bereits wartete.
Schon zwei Wochen zuvor hatte Karl bei Scurcola Stellung bezogen. Doch das staufische Heer bog am 19. August bei Carsoli unvermutet von der Hauptstraße ins Gebirge ab. Karl musste sein Lager aufgeben und zog nach Ovindoli, ehe er am 22. August die Meldung erhielt, dass Konradins Heer in der Palentinischen Ebene aufgetaucht war.
Karl von Anjou will dem jungen Staufer eine Falle stellen
Der unerwartete Schlenker Konradins hatte Karls Plan zunichte gemacht: Statt mit ausgeruhten Truppen zu warten und die Bedingungen für den Kampf zu diktieren, hatte er seine Truppen in sommerlicher Hitze im Eilmarsch hin- und her verlegen müssen. Karl hatte zudem ein weiteres Problem: zahlenmäßige Unterlegenheit. Glücklicherweise verfügte er über einige sehr erfahrene Ritter in seinen Reihen. Der Dichter Dante Alighieri (1265–1321) schreibt in seinem „Inferno“ vor allem Érard de Valery eine entscheidende Rolle beim Ausgang der Schlacht zu. Érard hatte mit Karl am Kreuzzug Ludwigs IX. (1248–1254) teilgenommen, war gerade erst von einer weiteren Reise ins Heilige Land zurückgekehrt und gut vertraut mit der dortigen Art der Kriegsführung.
Der „Chronik von Morea“ zufolge riet auch Wilhelm von Villehardouin, der Herrscher von Achaia, zu einer unorthodoxen Herangehensweise: „Euer Majestät wollen nicht Krieg führen wie die Franken und die Schlacht verlieren, weil sie zahlreicher sind als wir. Sondern wir wollen sie angreifen mit List und Tücke, wie die Türken und die Romäer in der Romania kämpfen.“ Ergebnis der Beratungen war eine Hinterhalt-Taktik. Karl wollte mehrere Schlachtreihen, sogenannte Treffen, hintereinander anordnen: Die ersten beiden Treffen aus Provenzalen, italienischen Guelfen und französischen Söldnern sollten den Feind in die Hügellandschaft im Hinterland locken, wo Karls beste Ritter lauern würden.
Einen weiteren taktischen Kniff könnte der englische Ritter Guy de Montfort beigetragen haben, der in Karls drittem Treffen kämpfte. Er hatte an der Schlacht von Lewes (1264) teilgenommen, in der sein Vater, Simon de Montfort, die Truppen der rebellierenden englischen Barone angeführt hatte. Simon hatte bei Lewes Verwirrung gestiftet, indem er sein Fahnenzeichen an einer Stelle aufstellte, an der er sich gar nicht befand.
Da der im ersten Treffen postierte Marschall von Frankreich, Henri de Courances, genau wie Karl die französischen Lilien an Pferd und Rüstung trug, bot sich eine ähnliche Taktik an. Sein Feldzeichen sollte den Feind zu der Annahme verleiten, dass Karl sich auf dem Schlachtfeld befände. Tatsächlich postierte sich Karl mit dem dritten Treffen in hügeligem Gelände, etwa zwei Kilometer entfernt.
Das staufische Heer stellte sich ebenfalls in drei Treffen auf. Im ersten Treffen standen deutsche Ritter und Toskaner. Das zweite Treffen bestand aus den spanischen Rittern Heinrichs von Kastilien und römischen Ghibellinen, und im dritten Treffen versammelten sich Lombarden sowie Konradin und Friedrich von Österreich mit ihrer jeweiligen Leibwache.
Die Armeen begegneten sich an einer hölzernen Brücke, die über einen riale führte, einen kleinen Bach mit steiler Böschung, der für die schwer bewaffneten Ritter nicht zu überwinden war. Zunächst warteten beide Seiten ab, denn niemand wollte die Brücke überqueren und mit dem Gewässer im Rücken kämpfen. Karls Plan sah zudem gerade nicht vor, in die Offensive zu gehen, sondern den Feind ins Hinterland zu locken.
Schließlich ritten Heinrich von Kastilien und seine spanischen Ritter, gedeckt von der Uferböschung, den Bach entlang, fanden eine Furt, griffen die ersten beiden Treffen Karls von der Seite an und schlugen sie in die Flucht. Heinrich hatte es auf Karl persönlich abgesehen – bzw. auf den, den er für Karl hielt – den Marschall von Frankreich, Henri de Courances. Es gelang ihm, den vermeintlichen Anführer zu stellen und zu töten.
Trotz dieser Täuschung war Karls Plan zu diesem Zeitpunkt in sich zusammengebrochen. Statt eine Flucht nur vorzutäuschen, waren seine ersten beiden Treffen tatsächlich vom Schlachtfeld vertrieben worden. Doch er bewies Nervenstärke und wartete ab. Bei den Staufern löste sich inzwischen die Anspannung. Aus ihrer Sicht war der Feind besiegt, Karl mutmaßlich im Kampf gefallen. Die Ritter sattelten ab, erfrischten sich und begannen mit der Plünderung der Leichen.
Die vermeintlichen Siegerwerden überrumpelt
In dieser Situation traf sie der Angriff von Karls drittem Treffen unerwartet. Der Träger des Kreuzbanners ergriff die Flucht, der Träger des Adlerbanners wurde getötet. Doch noch immer war die Schlacht nicht geschlagen. Heinrich von Kastilien hatte die Verfolgung der ersten Treffen Karls eingestellt und kehrte zum Schlachtfeld zurück. Érard de Valery erzwang schließlich die Entscheidung, indem er die Spanier mit einer Scheinflucht auseinanderzog. Auch Heinrich floh. Konradin hatte das Schlachtfeld längst verlassen.
Die Annalen von Piacenza berichten von 4000 Toten, die der Tag gefordert habe – angesichts des wechselnden Schlachtenglücks eine realistische Annahme. Die wichtigsten Schlüsselfiguren der Staufer hatten jedoch überlebt. Zwar wurde Heinrich von Kastilien bei Rieti gefangengenommen und sollte die nächsten 23 Jahre in Gefangenschaft verbringen, aber Konradin, Friedrich von Österreich sowie Galvano und Galleotto Lancia waren entkommen.
Noch war die Lage für sie nicht aussichtlos. Friedrich Lancia und Konrad Capece hatten auf der Insel Sizilien Erfolge erzielt, eine provenzalische Flotte und ein Heer von Karls Statthalter Fulco de Puy-Richard besiegt. Nach einem Zwischenstopp in Rom gelang es Konradin, sich mit wenigen Begleitern an die Küste durchzuschlagen und bei Torre Astura ein Schiff zu bekommen. Als jedoch der römische Adelige Giovanni Frangipani Wind von der Sache bekam, ließ er die Flüchtenden verhaften und lieferte sie an Karl von Anjou aus.
Galvano und Galeotto Lancia wurden sofort als Hochverräter hingerichtet, Konradin und Friedrich nach Neapel gebracht, wo ihnen der Prozess gemacht wurde. Das Urteil stand von vornherein fest: Karl von Anjou musste den Staufer ein für alle Mal loswerden. Am 29. Oktober 1268 wurden Konradin und sein Freund Friedrich von Österreich auf der Piazza del Mercato in Neapel hingerichtet.
Im Königreich Karls von Anjou kehrte Ruhe ein – für eine kurze Weile zumindest. 1282 erhoben sich seine Untertanen in der sogenannten Sizilianischen Vesper, die zum Verlust der Insel an Peter III. von Aragón führte, der als Schwiegersohn Manfreds Ansprüche stellen konnte. Der unglückliche Konradin war da als letzter Staufer schon zum Mythos geworden.
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