Eine etwas andere Geschichte der Royal Navy schildert Julia Angster in ihrer Monographie „Erdbeeren und Piraten. Die Royal Navy und die Ordnung der Welt 1770-1860“. Mit dem gewählten Zeitraum bewegt sich die Kasseler Historikerin in der Ära des sogenannten „informal Empire“. Mit dem endgültigen Verlust der nordamerikanischen Kolonien im späten 18. Jahrhundert wandelte sich Großbritanniens außenpolitische Ausrichtung von einer territorial begrenzten Siedlungspolitik mit starker militärischer Präsenz in den Kolonien hin zu einer indirekteren Wahrung seiner internationalen Interessen. Neuer Schwerpunkt der Einflussnahme waren „weichere“ Formen der Machtausübung: Handelsbeziehungen und Finanzströme, Netzwerke von Wegen und Stützpunkten sowie der Aufbau von staatlichen und gesellschaftlichen Kommunikationsverbindungen. Die britische Marine wurde damit zunehmend zum Träger ziviler und politischer Interessen weltweit. Die militärischen Voraussetzungen hierfür waren durch die siegreiche Schlacht von Trafalgar 1805 und der daraus resultierenden Hegemonie der Royal Navy auf den Weltmeeren geschaffen worden. Die „Europäisierung der Welt“ ging in dieser Zeit maßgeblich von den Schiffen mit dem Union Jack aus. Dabei versuchte man britische Gesellschafts-, Wirtschafts- und Rechtsvorstellungen im globalen Maßstab zu etablieren, wobei sich der Fokus im beginnenden 19. Jahrhundert vom Atlantik in den indischen Ozean verlegte. Militärische Interventionen sollten nur dann nötig sein, wenn sich einzelne Staaten oder Völker partout nicht „zivilisieren“ lassen wollten. Einen ganz wesentlichen Bestandteil der von den Ozeanen aus betriebenen Ordnungspolitik bildete das systematische Sammeln von Informationen über Topographie, Natur und Menschen in „Übersee“. Denn Wissen bedeutete Macht. Kartographen, Mathematiker und Naturwissenschaftler bildeten fortan einen integralen Bestandteil der Expeditionsmannschaften. Die erworbenen Erkenntnisse wurden nicht nur militärisch und administrativ genutzt, sie dienten in manchen Regionen der Welt auch der botanischen Neugestaltung der naturgegebenen Bedingungen im Sinne des Empires. So wurden allerlei Nutzpflanzen vom einen Ende der Erde zum anderen transportiert, um dort der Umgestaltung der Lebensbedingungen im britischen Interesse zu dienen. Zu Berühmtheit gelangte beispielsweise Captain Blighs „Bounty“. Durch eine Meuterei konnte die eigentliche Mission, Setzlinge der Brotfruchtpflanze von Tahiti nach Jamaika zu bringen, um dort die stetig steigende Anzahl der Sklaven billig ernähren zu können, erst im zweiten Anlauf erfüllt werden. Angsters Studie zu einem bislang wenig beachteten Kapitel der Royal Navy ist nicht nur interessant, sondern auch gut geschrieben und somit auch historischen Laien zu empfehlen.
Rezension: Andreas Thörel





