Einen dieser Texte hatte Freytag einem schmalen, 1854 in Frankfurt am Main erschienenen Band entnommen, der erst durch diese Übernahme breitere Beachtung fand: „Der Chronist Friedrich Lucä. Ein Zeit- und Sittenbild aus der zweiten Hälfte des siebenzehnten Jahrhunderts“. Ebenso wie andere Autoren und Wissenschaftler nach ihm beurteilte Freytag den Text als das authentische Selbstzeugnis eines frühneuzeitlichen Theologen, das von einem Nachfahren, fußend auf der in Familienbesitz überlieferten Handschrift, wortgetreu herausgegeben worden sei. Diese Einschätzung aber entpuppt sich nun nach jahrelangen Forschungen, die am Lehrstuhl für Geschichte der Frühen Neuzeit an der Universität Stuttgart durchgeführt wurden, als folgenschwerer Irrtum.
Erste Zweifel an der Authentizität des 1854 vorgelegten Textes kamen einem mit älteren handschriftlichen Quellen bestens vertrauten Kirchenhistoriker, der sich für den reformierten Protestantismus in Mitteleuropa interessierte und den Autor Friedrich Lucae bereits aus anderen religiösen und historischen Schriften kannte, schon vor mehr als einem Jahrhundert. Wilhelm Bickerich war es damals gelungen, den Besitzer der Handschrift zu ermitteln und eine Abschrift mehrerer Blätter zu erhalten.
Der Vergleich dieser Abschrift mit der Druckausgabe fiel ernüchternd aus. Der Herausgeber habe, wie Bickerich 1907 schrieb, „in der Absicht, das Werk dem grossen Publikum schmackhaft zu machen, nicht bloss die Schreibweise modernisiert, sondern auch sachliche Veränderungen und Verkürzungen der Lebensbeschreibung vorgenommen, die den Wert der gedruckten Ausgabe als Geschichtsquelle vermindern“. Sein Mahnruf fand jedoch kein Gehör, und auch Hinweisen auf das Vorhandensein einer bereits im 18. Jahrhundert angefertigten Abschrift der originalen Handschrift wurde nicht mit dem notwendigen Nachdruck nachgegangen.
Die aktuellen Forschungen zu Lucae, die im Zusammenhang mit Studien zur Mobilität und Kommunikation der Reformierten im frühneuzeitlichen Europa stehen, begannen kurz nach der Jahrtausendwende. Die wichtigste Voraussetzung, das Auffinden der eigenhändigen Aufzeichnungen des Theologen, erwies sich als unerwartet schwierig. Über viele Umwege gelang es schließlich, den heutigen Besitzer der Handschrift zu ermitteln und mit ihm eine Nutzungsvereinbarung abzuschließen. Nicht minder aufwendig war es, die Entstehung der Aufzeichnungen selbst zu rekonstruieren. Recherchen in Archiven und Bibliotheken der einzelnen Wirkungsorte Lucaes brachten manchen wichtigen Fund.
Der Durchbruch gelang jedoch erst durch die Einsichtnahme in das Privatarchiv der Familie Lucae, einer unerwartet reichen, öffentlich auch weiterhin nicht zugänglichen Sammlung in der Schweiz. Das dort vorgefundene Material, darunter zum Beispiel das handschriftliche Testament Lucaes selbst, hat nicht nur höchsten Wert für die engere Forschung zu Leben und Werk des reformierten Theologen. Es erlaubt auch Rückschlüsse auf die bisherige Nutzung der Handschrift und vor allem auf die Entstehung jener eigenwilligen Ausgabe von 1854.





