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Erlösung aus dem Wohnungselend
In den molochartigen Industriestädten des ausgehenden 19. Jahrhunderts mussten die Arbeiter zumeist in lichtlosen, ungesunden Slums hausen. Als Lösung für die drängenden Probleme wurde die Idee der Gartenstadt entwickelt. Sie versprach ein Wohnen, das Arbeit, Natur und Kultur vereinte.
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Etwa 41 Prozent der Deutschen leben heute in einem Ort mit über 50 000 Einwohnern. Je größer die Städte sind, je mehr Arbeitsplätze sie bereitstellen, umso lauter werden die Klagen über Immobilienspekulation, über unbezahlbaren Wohnraum für Mittel- und Kleinverdiener. In Berlin wurde ein „Mietendeckel“ beschlossen, während andernorts über den Rückkauf von Grundstücken in städtisches Eigentum beraten wird und überall Sozialwohnungen fehlen. Zugleich wächst angesichts der Bodenversiegelung in den Asphaltschluchten die Sehnsucht von Großstadtbewohnern nach mehr Grün in ihrem Umfeld; „urban gardening“ wurde zum Trend. Während die einen das Klima durch Fassadenbegrünung verbessern wollen, beschwören Entwickler von neuen Wohngebieten allein durch deren Benennung als „Parks“ oder „Höfe“ Landlust in der Stadt. Und trotz aller Individualisierung ist Nachbarschaft gefragt, wie Studien ausweisen.
Die Suche nach der lebenswerten Stadt ist kein neues Problem. Es stellte sich zuerst in England, dem Vorreiter der Industrialisierung. Hier hatten sich Städte wie London, Manchester, Liverpool oder Birmingham zu wahren Molochen entwickelt, die sich, so die Zeitgenossen, wie ein Krebsgeschwür ausbreiteten. London etwa hatte 1851 2 263 000 Einwohner, 1891 waren es schon fast vier Millionen. Das Heer der Arbeiter, das für den rasanten Aufstieg der Industrieproduktion gebraucht wurde, war vom Land in die Städte geströmt und hauste nun in Slums mit unhygienischen, lichtlosen, überteuerten und zu kleinen Wohnungen. Wasserverschmutzung durch unzureichende Kanalisation hatte zwischen 1831 und 1854 zu verheerenden Cholera-Epidemien mit über 100 000 Toten geführt. Dazu war die Luft in den Industriestädten katastrophal schlecht und schädigte die Gesundheit zusätzlich. Das Land dagegen, von den jungen, arbeitsfähigen Menschen verlassen, schien vielen verwaist, man sprach von „Landflucht“.
Unternehmer verlegen Produktionsstätten und Wohnsiedlungen aufs Land
Um diesem Missstand abzuhelfen, gab es verschiedene Ansätze, die sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts verdichteten. So verlegten die aus einer Quäkerfamilie stammenden Schokoladenfabrikanten George und Richard Cadbury 1879 ihre Fabrik etwa sechs Kilometer südlich von Birmingham aufs freie Feld, nicht nur, um in Bournville, wie sie den Ort nannten, zu expandieren, sondern auch, um ihren Arbeitern bessere Wohn- und Lebensbedingungen zu bieten. Später vermachten die Cadburys das Land ihren Arbeitern und öffneten die Hälfte der Häuser für firmenfremde Arbeiter. 1888 entstand das ästhetisch ambitionierte Port Sunlight des Seifenfabrikanten W. H. Lever. Diese Arbeitersiedlungen entstanden nicht allein aus Philanthropie; die Unternehmer hatten Befürchtungen, dass die sich immer entschiedener formierenden Arbeiter aufbegehren würden.
Wenig später publizierte ein Autodidakt, der Londoner Parlamentsstenograph Ebenezer Howard, Reformideen, die den Nerv der Zeit trafen. Sein Stadtplan, den er in seinem Buch „Tomorrow. A Peaceful Path to Real Reform“ 1898 veröffentlichte (Neuauflage 1902, nun mit dem Titel „Garden Cities of Tomorrow“), sah Wohnhäuser mit großzügigen Gärten, aber auch Fabriken, Handwerksbetriebe, Landwirtschaft und Gärtnereien sowie kulturelle Gemeinschafts- und Wohlfahrtseinrichtungen vor. Die Gartenstadt war geboren.
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Der 1850 geborene Howard hatte zunächst ein Siedlungsprojekt mit zwei Freunden in den USA begonnen. Es schlug fehl, da keiner der drei etwas von Landwirtschaft verstand, doch Howard gab nicht auf. Seine Inspiration schöpfte er aus diversen Quellen, etwa aus der englischen „Arts and Crafts“-Bewegung um John Ruskin und William Morris. Diese wollten unter Ausbeuterverhältnissen produzierte Industrieware durch qualitätvolles Handwerk ersetzen und entwickelten dazu die Vision eines schönen, gesunden und ökologischen Wohnens. Auch die genossenschaftliche Utopie des Bostoners Edward Bellamy wirkte anregend. Howard wollte die Bewegungsrichtung umdrehen und statt der Landflucht neue, attraktive kleinere Städte schaffen, die Metropolen damit entvölkern und schließlich einen Ausgleich zwischen Stadt und Land herstellen. Die Gartenstadt sollte weder Schrebergartenkolonie noch Vorort sein, sondern eine selbständige Gemeinde mitten im Grünen. Nach dem Vorbild der griechischen Kolonisation sollte eine „innere Kolonisation“ durch lebensfähige, attraktive Landstädte die Vorteile von Stadt (Arbeit und Kultur) und Land (Schönheit der Natur, gesunde Luft, niedrige Mieten) vereinen. Eine Zentralstadt sah er umgeben von einem Ring kleinerer Städte mit je etwa 32 000 Einwohnern, deren Wachstum er strikt begrenzen wollte. Entscheidend war Mobilität: Jede Stadt sollte einen Eisenbahnanschluss haben.
Doch nicht nur ein neuer Städtebau war Howards Anliegen, sondern eine veritable Sozialreform, denn um Boden- und Immobilienspekulation zu vermeiden, sollten sich Grund und Boden in der Gartenstadt in gemeinschaftlichem Besitz befinden. Zugleich ermöglichte dieser Ansatz die Finanzierung des kühnen Vorhabens: Gekauft wurde in einer Anfangsinvestition günstiges Ackerland, das durch die Bebauung an Wert gewann und eine höhere Pacht abwerfen konnte. Die daraus entstehenden Kapitalerträge sollten zur Tilgung des Schuldzinses bzw. für die Gemeinschaftseinrichtungen verwendet werden. Für Alte und Kranke übernahm die Gemeinde die Miete.
Statt die Arbeiter vom Arbeitgeber abhängig zu machen, sollen sie mitbestimmen
Howards Modell war also, im Gegensatz zu den Initiativen der meisten Unternehmer, nicht paternalistisch gedacht. Während die Arbeiter in deren Städten mit dem Verlust ihres Arbeitsplatzes auch ihre Wohnung verloren, also total vom Arbeitgeber abhängig waren, sollten die Bewohner der Gartenstadt durch ihren Genossenschaftsanteil mitbestimmen und waren nicht kündbar. Howards Ziel war eine friedliche Reform der Lebensverhältnisse jenseits von Kapitalismus, aber auch von Kommunismus.
Sein kreisförmiges Schema, das er je nach den örtlichen Gegebenheiten variiert sehen wollte, sieht ein Zentrum mit einem Garten vor, um den sich Rathaus und Kultureinrichtungen gruppieren. Im nächsten Kreis gibt es einen „Central Park“ und an dessen Rand einen Kristallpalast, eine große Markthalle, in dem die Geschäfte, deren Auswahl die Konsumenten selbst bestimmen, ihren Platz finden. An der „großen Avenue“ liegen Kirchen, Schulen, Kranken- und Waisenhäuser usw. An den nun folgenden, durch Grünstreifen getrennten Avenuen befinden sich die Reihenhäuser mit ihren Gärten. Außen umgibt ein Gewerbegürtel mit Fabriken, Handwerksbetrieben und Landwirtschaft die Stadt. Diese Grundstücke grenzen von außen an die Eisenbahn, so dass die Produzenten ihre Produkte direkt in die anderen Städte liefern können.
Von der Idee zur Wirklichkeit: Letchworth wird gebaut
Howards Motto war: „Soll etwas geschehen, so muss man es selbst tun“, und so blieben seine Ideen keine graue Theorie; sie fielen in einer Zeit großer Reformfreudigkeit auf fruchtbaren Boden. Um seine Gartenstadt wirkungsvoller propagieren zu können und an Geld von Förderern zu kommen, gründete Howard mit seinem Mitstreiter Frederic Osborn die „Garden City Association“, später „Town and Country Planning Association“ (TCPA), deren erster Kongress nicht zufällig in Bournville abgehalten wurde. Und tatsächlich konnte 1903 nach den Plänen von Barry Parker und Raymond Unwin die Gartenstadt Letchworth rund 50 Kilometer nördlich von London gegründet werden. Ein Bericht von 1912 lobt die qualitätvollen Handwerksbetriebe der Stadt sowie ihr Theater- und Musikangebot. Andere sahen die Zusammensetzung ihrer Bewohner, unter denen viele Weltverbesserer, Vegetarier, Antialkoholiker und Naturapostel seien, eher kritisch, denn die kamen meist aus der Mittelschicht – eine Lösung für die Slums in London stelle Letchworth wohl kaum dar. Auch vor Howards Augen fand die neue Gartenstadt wenig Gnade: Letchworth war ihm zu grün, zu wenig Stadt. So konnte kein wirksamer „Landmagnet“ entstehen, um die Bevölkerung anzuziehen. Auf eigene Kosten erwarb er daher mit bereits 71 Jahren einen großen Teil des Landes für eine zweite Gründung. Nach Plänen von Louis de Soissons entstand Welwyn Garden City, 35 Kilometer nördlich von London gelegen. Mit seinem stärkeren städtischen Anspruch und seiner erfolgreichen Industrie entsprach es besser Howards Vorstellungen. Hier lebte der inzwischen Hochgeehrte bis zu seinem Tod 1928.
Seine Vision jedoch wurde nicht wahr: Der „Stadtmagnet“ blieb stets stärker, und London wurde keineswegs entvölkert, sondern breitete sich immer weiter aus, so dass sich Letchworth und Welwyn in den 1950er Jahren zu Schlafstädten entwickelten. Nicht lebensfähige Landstädte, sondern begrünte Vororte setzten sich in breiter Front durch. Und dennoch: Howard wurde zu einem der einflussreichsten Städteplaner überhaupt, denn seine Ideen verbreiteten sich rund um den Globus, in Europa, den USA und Australien. So ist etwa die 1913 gegründete Hauptstadt Australiens Canberra stark von der Gartenstadt-Bewegung inspiriert.
Die Lebensreform-Bewegung ebnet der Gartenstadt-Idee den Weg
In Deutschland, wo sich in den Industriestädten das Wohnungselend überdeutlich zeigte, fanden Howards Vorstellungen einen idealen Nährboden. Als Reaktion gegen Spekulanten gab es hier seit 1888 Bodenreform-Bestrebungen, dazu hatte der Genossenschaftsgedanke in Deutschland eine lebendige Tradition. Und nicht zuletzt ebnete die Lebensreform-Bewegung, die an Handwerk und Volkskunst anknüpfte und das Heile und Gesunde in der Natur suchte, Howards Gartenstadt-Idee den Weg nach Deutschland. Enthusiastisch aufgenommen und verbreitet wurde sie von der 1902 gegründeten Deutschen Gartenstadt-Gesellschaft, bestehend aus Reformern, deren Vorstellungen ein großes Spektrum zwischen Anarchismus und Deutschtümelei abdeckten und die sich um die Brüder Paul und Bernhard Kampffmeyer bzw. Heinrich und Julius Hart scharten. Bis 1938 entstanden etwa 80 Siedlungen, die sich mehr oder weniger am Modell der Gartenstadt orientierten. Die wenigsten entsprachen allerdings dem Gesamtkonzept Howards, sei es, dass sie von vornherein als Vorort geplant waren, keine Industrie vor Ort besaßen, oder sei es, dass sie nicht auf Genossenschaften beruhten. So hielt etwa die Margarethenhöhe, die die Unternehmergattin Margarethe Krupp 1909 in Essen-Rüttenscheid errichten ließ, ihre Bewohner in strikter Abhängigkeit vom Betrieb. Die Mustergartenstadt par excellence aber wurde das 1906 konzipierte und von 1909 an erbaute Hellerau.
Ihr Gründer Karl Schmidt, den man den „Holz-Goethe“ nannte, ein gebildeter, an sozialen Reformen interessierter Mann, betrieb im lebensreformbewegten Dresden eine Möbelfabrik, die „Dresdner Werkstätten für Handwerkskunst“ (später „Deutsche Werkstätten für Handwerkskunst“). Großen Erfolg hatte er mit neuentwickelten maschinengefertigten Möbeln, die Langlebigkeit und Funktionalität mit kunsthandwerklicher Qualität verbanden. Dazu arbeitete Schmidt mit Künstlern zusammen, die an dem Verkaufserlös der Möbel beteiligt wurden, und verfolgte damit moderne Ansätze, die er in den 1907 gegründeten „Deutschen Werkbund“ einbrachte. Der Zweck des Werkbundes, zu dem sich Künstler und Unternehmer zusammenschlossen, war die „Veredelung der gewerblichen Arbeit im Zusammenwirken von Kunst, Industrie und Handwerk“. Schmidt verfolgte zudem die Ideen der Gartenstadt und plante seit 1906 die Verlegung seines expandierenden Betriebs vor die Tore Dresdens. Er beauftragte den bedeutenden Architekten und Kunsthandwerker Richard Riemerschmid, der zuvor schon Möbel für ihn entworfen hatte, mit der Gesamtkonzeption von Hellerau. In diese flossen auch die durch einen Fragebogen erhobenen Wohnvorstellungen seiner Arbeiter ein, ein absolutes Novum. Für Hellerau maßgebend wurde zudem der Tischler, Ökonom, Philosoph und Maler Wolf Dohrn. Er beschrieb den Anspruch Helleraus: „Die architektonisch geschlossene Siedlung soll auch der Ausdruck einer neuen, besseren Zeit sein.“
1908 gründete Schmidt die gemeinnützige, alle Bodenspekulation ausschließende „Gartenstadt-Gesellschaft Hellerau GmbH“ und gab damit seine Entscheidungsgewalt über das Bauprojekt ab. Grund und Boden wurden Gemeineigentum. Richard Riemerschmid entwarf eine Siedlung aus vier Bestandteilen: den Werkstätten, dem Kleinhausviertel, in dem deren Arbeiter wohnten, dem Landhausviertel, das der betuchtere Mittelstand und die Künstler beziehen sollten, sowie Flächen für den Gemeinbedarf. Auch andere namhafte Architekten wie Hermann Muthesius und Heinrich Tessenow wurden herangezogen; über die Einheitlichkeit des „Gesamtkunstwerks“ wachte eine „Bau- und Kunstkommission Hellerau“. 1909 erfolgte der erste Spatenstich.
Als Kontrapunkt zur Mietskaserne entwarf Riemerschmid flache, gemütlich-kleinstädtisch wirkende Reihenhäuser mit Gärten, während Tessenows Häuser sachlicher, puritanischer daherkamen. Zwar war die Jahresmiete im Kleinhausviertel verhältnismäßig gering (230 bis 380 Mark), doch für einfache Arbeiter immer noch hoch, auch wenn die Hellerauer Häuser als die billigsten galten, die man damals in Deutschland bauen konnte. Ein Markt mit einem großen Gasthaus und einer Vielzahl von Geschäften wurde ebenfalls realisiert, während unter anderem das Rathaus aus finanziellen Gründen nicht mehr gebaut werden konnte. Zwar waren die „Deutschen Werkstätten für Handwerkskunst“ das wirtschaftliche Zentrum Helleraus, doch sie wurden, Howard folgend, an die Peripherie verlegt und ähneln eher einem ländlichen Gutshof als einer Fabrik. Der Grundriss der Hauptgebäude mit ihren hellen und luftigen Räumen ließ das Symbol des Zusammenhalts erkennen: eine Schraubzwinge. Die Arbeiter erhielten zusätzlichen Fachschulunterricht, um auch ihnen „den edlen Geist der Künstler“ einzuhauchen. 1911 überzeugte Schmidt das Innenministerium, eine Straßenbahnverbindung von Dresden nach Hellerau zu bauen. Das war attraktiv: Die Einwohnerzahl des Ortes stieg bis 1913 auf 1900 Personen.
Hellerau wird zum Laboratorium der Moderne
Was Hellerau jedoch weltberühmt machte, war der ästhetisch-pädagogische Anspruch, der hier umgesetzt wurde. Steinernes Zeugnis dafür ist bis heute das imposante, tempelartige Festspielhaus, 1911 erbaut von Heinrich Tessenow. Sein Dreiecksgiebel trug als Wahrzeichen das Yin-und-Yang-Motiv, sein multifunktionaler Saal wurde während der zwischen 1911 und 1913 veranstalteten Festspiele Schauplatz avantgardistischer Tanz- und Opernaufführungen, die europaweit Aufsehen erregten und Zuschauer von Sergei Rachmaninow über George Bernard Shaw und Franz Kafka bis Max Reinhardt anzogen. Wolf Dohrn war es gewesen, der den Schweizer Musikpädagogen Émile Jaques-Dalcroze nach Hellerau holte, wo dieser sein Ausbildungsinstitut für rhythmische Gymnastik gründete und zu dem auch der Bühnenbildner Adolphe Appia stieß. Jaques-Dalcroze und Appia beeinflussten mit ihrer Bühnengestaltung, den Kostümen und der Körperschulung des Balletts maßgeblich die moderne Tanzkunst. Mary Wigman, die Schöpferin des modernen Ausdruckstanzes, war Schülerin Jaques-Dalcrozes.
Der Kriegsausbruch 1914 bedeutete allerdings eine tiefe Zäsur für Hellerau; Jaques-Dalcroze verließ den Ort, und mit Wolf Dohrn, der bei einem Skiunfall starb, verlor die Gartenstadt einen wichtigen Geldgeber und Visionär. Während die Tanzschule noch einige Jahre in Dalcrozes Sinn fortgeführt wurde, fanden weitere Reformschulen und Ausbildungsstätten, darunter die reformpädagogische Versuchsschule Hellerau und die internationale „Neue Schule Hellerau“, Platz in der Gartenstadt. Von 1921 bis 1923 unterrichtete hier Alexander Sutherland Neill, der sich der antiautoritären Pädagogik verschrieben hatte und später „Summerhill“ gründete.
Nach dem Ersten Weltkrieg erreicht Hellerau den alten Glanz nicht mehr
An die großen Zeiten aber konnte Hellerau nach 1919 kaum anknüpfen; zunehmend geriet die Genossenschaft in finanzielle Schwierigkeiten und begann, Grundstücke zu verkaufen. Auch die künstlerischen Impulse versiegten. 1938 wurde im Festspielhaus gar eine Polizeischule der Nazis eingerichtet, nach 1945 befand sich hier ein Lazarett der Roten Armee. Im Dreiecksgiebel prangte statt Yin und Yang bis 1992 der rote Stern. Erst nach der Wiedervereinigung wurde das Festspielhaus restauriert und zeigt heute wieder modernes Theater und Tanzkunst.
Hellerau hat nicht nur Begeisterung ausgelöst, sondern auch Kritiker gefunden. Während die Bauhäusler um Walter Gropius die Architektur Riemerschmids als „Bauernromantik“ geißelten, bemängelten andere, dass die Wohnungen für ärmere Schichten unerschwinglich blieben. Die Ausrichtung der Wohnungen auf die Kleinfamilie wiederum, so andere Kritiker, zementiere ein konservatives Familienmodell. Der „Sündenfall“ des Grundstücksverkaufs aber verriet das Genossenschaftsprinzip. Nicht übersehen sollte man zudem, dass unter den Reformern, die sich in Hellerau tummelten, auch völkisch Gesinnte waren, die sich mit dem Leben im Grünen zum „Hüter deutscher Scholle“ aufschwangen und einem international und demokratisch ausgerichteten Ideal ein nationalistisches, reaktionäres Denken entgegensetzten. So gründete etwa der Schriftsteller Bruno Tanzmann 1919 in Hellerau den völkischen Hakenkreuz-Verlag.
Bei aller Kritik an Hellerau sollte jedoch nicht vergessen werden, dass dessen sozialreformerisches Modell, getragen von Aufbruchsgeist, bewundernswerter Risikobereitschaft und Experimentierwillen, noch immer aktuell ist, weil es der Bodenspekulation wirksam entgegentreten kann und ein gesünderes Wohnen erlaubt. Die Idee der Gartenstadt strahlt bis in unsere Gegenwart aus, die noch immer auf der Suche nach dem Städtebau der Zukunft ist.
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