Talent, Ehrgeiz und gute Verbindungen brachten ihn zunächst in den Umkreis des kaiserlichen Hofes. Als Agrippina für ihren Sohn Nero einen Rhetoriklehrer suchte, nutzte Seneca die Chance. Die ersten fünf Jahre von Neros Herrschaft, als Seneca zusammen mit dem Prätorianerpräfekten Burrus faktisch die Geschäfte des Reiches führte, gelten manchen noch heute als eine Phase guter Regierung. Doch in einem so hochgradig anstrengenden System, das strukturell eine Differenz von Schein und Sein voraussetzte, auch noch den jugendlichen Herrscher zu lenken, ähnelte dem Ritt auf einem Rasiermesser.
Seneca wurde zum reichsten Mann des Imperiums nach dem Kaiser, und als dieser seine eigene Mutter ermorden ließ, glaubte der Berater dies noch als einen Akt der Staatsräson rechtfertigen zu müssen. Wenige Jahre später war jedoch offenkundig, wie wenig sich der Künstler-Autokrat noch steuern lassen wollte. Seneca zog sich ins Privatleben zurück.
Seine philosophische Schriftstellerei in dieser Phase, zwischen 62 und dem erzwungenen Selbstmord im Jahr 65, brachte die „Epistulae morales ad Lucilium“, die „Briefe über Ethik an Lucilius“, hervor, von denen 124 erhalten blieben. Die Briefform ist insofern authentisch, als der Absender sich ehrlich um den Adressaten bemüht und beinahe im Plauderton seine Gedanken mit ihm teilt. Dennoch handelt es sich um fiktive Briefe. Sie befassen sich jeweils nur mit einem einzigen Thema und tragen durchweg einen lehrhaft-erzieherischen Charakter.
Nietzsche höhnte einst über Seneca, dieser produziere ein „unausstehlich weises Larifari“, und das Schreiben komme bei ihm immer vor der Reflexion. Doch das dürfte ein Fehlurteil sein, war doch Philosophieren in der Antike in hohem Maß als Prozess der Selbsterziehung zu verstehen. Seneca doziert nicht aus der luftigen Höhe einer durch Wissen erworbenen Tugend, wiewohl die von ihm aufgegriffene Lehre der Stoa dieses sokratische Bemühen um die Tugend teilte.
Jede Rigorosität fehlt; statt starrer Wahrheitssätze finden sich in den Briefen alltägliche Szenen, Beispiele und Sentenzen, sind Anekdoten, Exkurse, rhetorische Beschwörungen eingestreut. Nicht wenige Stücke werden auch immer wieder als Fundgrube für die Alltagswelt ausgebeutet: So reflektiert Brief sieben über die Gefahren des Eintauchens in die Masse am Beispiel der Gladiatorenspiele. Brief zwölf handelt vom Nutzen und Nachteil des Alters und wartet auf mit Maximen wie: „Derjenige ist ein überglücklicher und sorgloser Besitzer seiner selbst, der das Morgen ohne ängstliche Unruhe erwartet; jeder, der abends gesagt hat, ‚ich habe gelebt‘, steht täglich zu seinem Gewinn auf.“
Die handliche Ausgabe bietet neben der aus der „Universalbibliothek“ des Verlags übernommenen Übersetzung außerdem für Laien hilfreiche Erklärungen, ein Glossar der Namen und ein knappes Nachwort.





