In einem ersten Abschnitt skizziert der Autor den Aufbau der Gesellschaft mit ihrem Dualismus von Freien und Unfreien und den verschiedenen Ständemodellen, gefolgt von einem Abschnitt „Herrschaft im Wandel“, der die Rolle von Kirche und Königsherrschaft umreißt. Nachdem so der politische Rahmen abgesteckt ist, wird uns der Mensch des frühen Mittelalters nahegebracht: seine Einstellung zur eigenen Person, zu Leib und Seele, seine Emotionen, seine Frömmigkeit, sein Verhältnis zu Sterben und Tod.
Insbesondere aus klösterlichen Quellen erfahren wir viele Einzelheiten über Essen und Trinken (Wein war durchaus erlaubt, nicht aber der Genuss „vierfüßiger Tiere“), über Hygiene (regelmäßiges Waschen, das Bad aber vorrangig als therapeutische Maßnahme), über Ruhe und Schlaf (Benedikt erlaubte im Sommer den Mittagsschlaf). Ganz anders als heute war das Verhältnis zum Tod: Sterben bedeutete nicht nur das Ende des Lebens, sondern vor allem Übergang in die jenseitige Welt, das erstrebte ewige Leben. Vor allem aber: Man wurde in der letzten Stunde nicht allein gelassen, Familie und Freunde waren anwesend.
Denn Leben im Mittelalter hieß in erster Linie „Leben in der Gemeinschaft“: Der so überschriebene Abschnitt zeigt uns den Menschen in Familie und Verwandtschaft, in der oft größeren Hausgemeinschaft, den Mönch in der ebenfalls als familia aufgefassten Klostergemeinschaft (der Abt als Vater, die fratres als seine Söhne) und vieles mehr.
Schließlich geht es um Mensch und Umwelt: Wie erfuhr der frühmittelalterliche Mensch Zeit und Raum? Genauere Zeitmessung war unnötig, denn der Rhythmus der Natur bestimmte die Arbeitszeiten der fast ausschließlich agrarisch lebenden Menschen; lediglich die Mönche bedienten sich zur Einhaltung der Stundengebete der Sonnen- und Wasseruhren oder primi‧tiverer Kerzenuhren. Wie war das Verhältnis zur Natur, zu Tieren und Pflanzen? Es ging darum, im „Buch der Natur“ richtig zu lesen, um den Sinn der göttlichen Schöpfung zu erkennen und daraus dann den praktischen Nutzen für den Menschen zu verstehen. Wie deutete man die Gestirne, was vermochte man schon naturwissenschaftlich zu erklären? All das wird verständlich dargestellt und an konkreten Beispielen verdeutlicht, wobei die zahlreichen Quellenaus‧züge zur Veranschaulichung beitragen.
„Unübersehbar ist die uns fremdartig erscheinende, ste‧tige Präsenz christlicher Glaubensinhalte in Kultur und Mentalität der Zeit“: In vielem ist uns das frühe Mittelalter fremd, aber die im Buch an vielen Beispielen demonstrierten kulturellen Leistungen der Epoche sollten das Gerede vom „finsteren Mittelalter“ endgültig verstummen lassen. Eine Fülle gut reproduzierter, meist farbiger Abbildungen (deren Erläuterung man sich zuweilen etwas ausführlicher gewünscht hätte) rundet den durchaus gelungenen Band ab.





