Er soll Territorialansprüche begründen oder die Diskriminierung anderer legitimieren, der Mythos von den europäischen Nationen. Dabei sind die heutigen europäischen Völker keinesfalls so alt, wie es manch Politiker gern darstellt. Patrick J. Geary macht sich in seinem Buch “Europäische Völker im frühen Mittelalter” auf die Suche nach der Entstehung und den Wandlungen der Begriffe “Volk” und “Nation”. Die Volks-Identität der Römer etwa war gar nicht an eine ethnische Zuordnung gebunden. Römisch war, wer in einer gewissen kulturellen Tradition aufgewachsen war, wer bereit war, sich in eine bestimmte politische Tradition einzugliedern und wer das Bürgerrecht besaß. Durch die Wanderbewegungen von der Spätantike bis zum ersten nachchristlichen Jahrtausend kam es dann zu einem intensiven Durchmischungsprozeß der Völker, hohe Dynamik kennzeichnete die frühmittelalterlichen Gesellschaften. Und noch bis zur Frührenaissance stand eine vielseitig bestimmte Gruppenidentität im Vordergrund, bei der die Zugehörigkeit zu einer Nation lediglich eines von mehreren Identitätskriterien war. Damit erweist sich das vielbeschworene und in graue Vorzeiten vorverlegte “Werden der Nationen” als Konstrukt des 19. Jahrhunderts, aus dem dann Nationalismus und Ethnozentrismus entstehen konnten.
Rezension: Deck, Yvonne





