Dieser Ansatz liegt auch dem von Étienne François und Thomas Serrier herausgegebenen, zuerst 2017 auf Französisch erschienenen Werk „Europa. Die Gegenwart unserer Geschichte“ zugrunde. Die Herausgeber wollen Europa „neu denken“, es in seinen zeitlichen, bis in das Mittelalter und die Antike reichenden Dimensionen erfassen und schließlich Europa „gemeinsam denken“.
Der erste, von Valérie Rosoux und Akiyoshi Nishiyama verantwortete Band unter dem Titel „Lebendige Vergangenheit“ nimmt die Gegenwart der Geschichte in den Blick. Präsentiert werden unter der Überschrift „Brandmale“ die Wunden der Kriege, die Verwüstungen und Massaker, „die Europa verheert haben“ und die dem europäischen kollektiven Gedächtnis eingebrannt sind. Der Abschnitt „Geschichten“ thematisiert dann europäische Debatten mit universeller Ausstrahlung etwa über Humanismus, Aufklärung oder Demokratie. Die „Wiege“ führt zurück in die Antike, und der „Nahkampf“ widmet sich Konflikten der neueren Geschichte.
Der zweite Band, herausgegeben von Pierre Monnet und Olaf B. Rader, thematisiert die Vielfalt und die Widersprüche der Erinnerung in Europa, stellt ausgewählte Personen vor und geht den „Landschaften und Imaginationen“ nach. Unter „Leidenschaften und Zaubereien“ sind Teufel, Faust oder Fußball als europäische Erinnerungsorte versammelt. Auf Beiträge über Grenzen oder Mauern folgen „Übergänge und Zusammenflüsse“, das Mittelmeer oder die Ostsee, Venedig und St. Petersburg. Den Abschluss dieses Bandes bildet das Kapitel „Wörter und Ablagerungen“ mit Beiträgen über die Sprachen Europas sowie verschiedene Städte.
Der dritte, von Jakob Vogel verantwortete Band geht den globalen Verflechtungen des europäischen Gedächtnisses nach, indem er das „Erobern“, „Benennen“ und „Exportieren“ sowie den „Austausch“ als europäische Akte thematisiert.
Im Schlusswort zur deutschen Ausgabe betonen die Herausgeber, dass die europäischen Erinnerungskulturen „niemals einheitlich und einvernehmlich“ sind, dass Europa mehr ist als die Europäische Union und dass die „Gegenwart unserer Geschichte“ über den europäischen Kontinent hinausgreift. Auf über 1500 Seiten und in 133 Beiträgen von jeweils unterschiedlicher Stringenz und Relevanz, geschrieben von 24 Autorinnen und 81 Autoren aus verschiedenen Ländern – doch mit Schwerpunkt auf Frankreich und Deutschland –, wird ein breites Panorama zur europäischen Erinnerungskultur aufgefächert.
Hervorzuheben ist schließlich, dass sich das Werk von vornherein jeder identitätspolitischen Versuchung widersetzt hat – Geschichte wird nicht instrumentalisiert.
Rezension: Prof. Dr. Ulrich Wyrwa





