In seltener Übereinstimmung schildern uns zeitgenössische Quellen Tschingis Khan nicht nur als charismatische Persönlichkeit, auch seine eindrucksvolle physische Präsenz heben sie hervor. „Der Herrscher der Tatan, Temüdschin [so sein persönlicher Name], ist von hohem und majestätischem Wuchs, seine Stirn ist breit, sein Bart lang. Sein Mut und seine Kraft sind außergewöhnlich“, berichtet der chinesische Gesandte Chao Hung 1221. „Dein Sohn ist ein Knabe mit Feuer in den Augen und Glanz im Gesicht“, sagt Dai Setschen zu Temüdschins Vater Yisügei in der „Geheimen Geschichte der Mongolen“, dem ältesten eigenständigen Zeugnis der mongolischen Geschichte aus dem 13. Jahrhundert. Mit den gleichen Worten wird auch Dai Setschens zehnjährige Tochter Börte charakterisiert, die zukünftige Braut Tschingis Khans und erste lebenslange Hauptgemahlin an seiner Seite.
Über sein Gefühlsleben wissen wir wenig. Wie es das Vorrecht des Herrschers war, wurden ihm aus allen siegreichen Feldzügen die schönsten Mädchen und Frauen zugeführt; einige behielt er für sich, andere verschenkte er an Verwandte und verdiente Kampfgefährten. Nach dem persischen Chronisten der Mongolen, Raschid ad-Din (1247–1318), zählte Tschingis Khans Harem 500 Frauen und Konkubinen; 39 Namen sind uns aus der offiziellen Geschichte der Mongolen-Dynastie (1260–1368), dem „Yuan Shih“, überliefert: Danach entstammten sie vorwiegend turko-mongolischen Stämmen. Eine Lieblingsfrau pflegte den Herrscher bei allen seinen Unternehmungen zu begleiten: Khulan etwa zog 1215 mit ihm nach Westen gegen Choresmien, und Yisüi war im letzten Feldzug gegen das Tangutenreich von Xixia 1226/27 an seiner Seite. Von irgendeiner besonderen Liebesgeschichte in seinem Leben erfahren wir nichts. Wollen wir daher ein annähernd verläßliches Bild von Tschingis Khans Verhältnis zu Frauen gewinnen, müssen wir die Frage in einen größeren Zusammenhang stellen.
In der mongolischen Gesellschaft des 13. Jahrhunderts, deren wichtigste wirtschaftliche Grundlage die extensive nomadische Viehzucht war, mußten Frauen in gleicher Weise „ihren Mann“ stehen wie die Männer. Die Zukunft der Familie, des Klans, des ganzen Stammes, hing von der Einigkeit der Mitglieder ab. Stets war es die Mutter, die über die Eintracht wachte, in ihrer Hand lag die Erziehung der Kinder, sie bestimmte den Ton des Hauses: „Wenn der Mann zur Jagd oder in den Krieg zieht, soll die Frau das Haus in guter Ordnung halten, damit der Bote oder der Gast, der dort absteigt, alles wohlgeordnet findet … Auf diese Weise sichert sie offenkundig den guten Ruf ihres Gemahls“, so noch einmal Raschid ad-Din. Schöne Beispiele solch starker und kluger Frauen, welche gewiß auch auf das Leben Tschingis Khans prägend wirkten und sein Frauenbild mit bestimmten, finden wir in fremden Zeugnissen ebenso wie in den mongolischen Quellen.




