Vor rund tausend Jahren bildete der Chaco Canyon in New Mexico das Zentrum einer blühenden Zivilisation. Vorfahren der Pueblo-Indianer errichteten hier im zehnten und elften Jahrhundert monumentale Felswohnungen und mehrstöckige Großhäuser. Bis zu 30.000 Menschen lebten damals wahrscheinlich im Einflussbereich des Chaco Canyon. Doch wie die Gesellschaft dieser präkolumbischen Kultur strukturiert war, ist bisher nur in Teilen bekannt.
War die Töpferei Frauensache?
“Eine der vielen im Bezug auf die Chaco-Ära diskutierten Fragen ist, in welchem Grad dort Arbeitsteilung herrschte und welche Rolle das Geschlecht für die religiöse, soziopolitische und wirtschaftliche Organisation spielte”, erklären John Kantner von der University of North Florida in Jacksonville und seine Kollegen. Das Problem: Weil es an direkten archäologischen Belegen für diese eher immateriellen Kulturmerkmale fehlt, sind Forscher meist auf indirekte Schlüsse oder Hinweise aus Nachfolgekulturen angewiesen.
Im Falle der Chaco-Canyon-Kultur berufen sich Archäologen meist auf die Praktiken der heutigen Pueblokulturen im US-Südwesten und auch Aufzeichnungen der ersten europäischen Eroberer. “Diesen Beobachtungen nach gibt es eine Arbeitsteilung, in der Frauen für die Herstellung der Tongefäße zuständig waren – und dies wurde auf die archäologischen Daten übertragen”, berichten Kantner und sein Team. Doch es gebe auch ethnografische Aufzeichnungen, die auf eine weniger geschlechtsspezifische Rollenteilung und geteilte Verantwortlichkeiten in vielen Handwerksbereichen hindeuteten.
Fingerabdrücke verraten das Geschlecht
Um mehr Klarheit über die Rolle von Frauen und Männern bei der Töpferei der Chaco-Canyon-Kultur zu bekommen, haben Kantner und sein Team eine für die Archäologie eher neue Methode genutzt: Fingerabdrücke. Denn die Muster der Rillen und Grate an den Fingerspitzen erlauben nicht nur die Identifizierung einzelner Personen, sie verraten auch das Geschlecht. “Studien zeigen, dass die Breite der Grate sich zwischen Männern und Frauen signifikant unterscheidet”, berichten die Forscher. “Dies ermöglicht die Identifizierung des Geschlechts zu 80 bis 90 Prozent genau.”
Die Töpferwaren der Chaco-Canyon-Kultur sind in dieser Hinsicht besonders gut geeignet und “verräterisch”: Die typischen Kochgefäße wurden hergestellt, indem die Töpfer übereinander gelegte Tonrollen mit den Fingern zusammendrückten und zu einer Gefäßwand vereinigten. “Als Folge dieser Praktik sind viele dieser Gefäße mit den Teilabdrücken der Töpfer übersät”, so Kantner und sein Team. Für ihre Studie haben sie die Abdrücke von 985 Scherben solcher Gefäße aus einem Dorf des Chaco Canyon nun analysiert.





