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Fluch oder Segen des 19. Jahrhunderts?
Im Jahr 1817 begann in Aachen das Zeitalter der Dampfmaschine. In der Stadt gab es zahlreiche traditionsreiche Textilmanufakturen. Die Konkurrenz untereinander war groß. Da hatte der Tuchfabrikant Edmund Kelleter eine Idee: Statt wie üblich mit Wasserkraft wollte er die Webstühle seiner Fabrik von einer der neuen,…
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von Christoph Nonn
Die Aachener Bürger waren schon im Vorfeld misstrauisch: Der Kohlenrauch werde „die Luft verderben“, meinten einige. Weil bei Fabrikant Kelleter die stark schwefelhaltige Fettkohle aus dem benachbarten Eschweiler Revier verfeuert wurde, erweckte nach Inbetriebnahme der Dampfmaschine der Kohlenrauch tatsächlich viel Unmut. Denn deren Rauch, klagten die Anwohner, „verpestet nicht nur die ganze Nachbarschaft und incommodiert jedermann, sondern verdirbt auch alle in unseren Gärten und so weiter zu trocknende Leinwand“. Einige Jahrzehnte später hatte man sich an die inzwischen allgegenwärtigen Dampfmaschinen offenbar gewöhnt. Deren Emissionen erschienen schon geradezu harmlos gegenüber denen der immer größer werdenden chemischen Fabriken und Montanbetrieben. Statt Sicherheitsbedürfnissen und Beschwerden über schmutzige Wäsche gerieten nun zunehmend Umweltschäden an Menschen, insbesondere aber Tieren und Pflanzen in den Vordergrund. Im Aachen benachbarten Stolberg siedelten sich Mitte der 1830er Jahre große Zink- und Bleihütten an. Deren Bedarf an Rohmaterial wurde zunehmend mit schwefelhaltigem Erz gedeckt.
Bei der Metallverarbeitung bliesen sie deshalb Schwefeldioxid in die Luft. Daher lehnte der Stolberger Gemeinderat 1846 erstmals die Erweiterung eines der Werke ab, „wegen zu großer Nähe desselben an den Gärten und Wohnungen und der hieraus für die Gesundheit der Menschen und das Gedeihen der Vegetation zu befürchtenden Nachteile“.1857 protestierten Gemeinderat und Bürger erneut: Feldfrüchte und Obstbäume wüchsen nicht mehr, selbst die Wälder im Umkreis der Zinkhütten verkümmerten. Die „Schädlichkeit der schwefligsauren Dämpfe“ sei offensichtlich. Waldbesitzer und Bauern verklagten reihenweise die Inhaber der Fabriken auf Entschädigung. Die Fabrikanten mussten beträchtliche Entschädigungssummen zahlen, aber ihre hohen Profite machten das möglich. Ende der 1870er Jahre verglichen Mediziner die Sterberaten durch Erkrankungen der Atmungsorgane in Städten und ländlichen Gemeinden des Rheinlands und Westfalens.
Das Ergebnis, 1882 im Centralblatt für allgemeine Gesundheitspflege veröffentlicht, fassten sie in dem Satz zusammen: „Die Sterblichkeit an Luftröhrenentzündung und Lungenkatarrh ist in den Stadtgemeinden um mehr als das Doppelte größer als in den Landgemeinden.“ Besonders hoch sei die Zahl der Todesfälle daran in den Städten „mit massenhaften Steinkohlenfeuerungen“. Angesichts der Klagen von Medizinern und Anwohnern begannen die Fabriken schließlich höhere Schornsteine zu bauen. Seit den 1880er Jahren galten diese unter Ingenieuren zunehmend als Königsweg, um das Problem der Umweltschäden durch Abgase zu lösen. Durch hohe Schornsteine ließen sich die Emissionen weiträumiger verteilen und verdünnen. Substanzen wie Schwefeldioxid würden damit in höhere Luftschichten transportiert und ihre Konzentration zumindest auf unschädliche Werte gesenkt. Vereinzelt gab man sich sogar der Hoffnung hin, das „unendliche Meer der Lüfte“ verfüge über Selbstreinigungskräfte wie die großen Gewässer. Tatsächlich senkte der Bau von höheren Schornsteinen im späten 19. Jahrhundert die Abgasbelastung dort, wo diese entstand, und machte sie erträglicher. Die Schornsteine erhöhten damit die Akzeptanz von Industrieansiedlungen auch in dichtbesiedelten Städten. Industrielle Arbeitsplätze und Gewerbesteuereinnahmen von Industriebetrieben waren nun zu haben, ohne übermäßige Kollateralschäden durch Abgase dafür in Kauf nehmen zu müssen. Andererseits verteilten sie Rauch, Ruß und Schadstoffe großflächig.
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Aus lokalen wurden so regionale Probleme: Im Aachener Raum, um Bielefeld, im Siegerland, am Rhein und schließlich auch an der Ruhr entwickelte sich die Dunstglocke aus industriellen Emissionen nicht zuletzt deshalb zunehmend zum Dauerphänomen. Der Himmel war selbst bei Sonnenschein nicht mehr blau, sondern von einem fahlen Grau. 1891 erklärte ein Beamter der preußischen Verwaltung in Arnsberg: „In den dicht bevölkerten Theilen des Regierungsbezirks und namentlich in den Städten mit vielen industriellen Anlagen bildet der aus den Dampfkessel-Schloten austretende Rauch eine wahre Plage, die von Jahr zu Jahr empfindlicher wird.“ Um 1890 hielten sich die Umweltzerstörungen selbst im Ruhrgebiet allerdings immer noch in Grenzen. Der in Schalke geborene Hans Klose erinnerte sich ein Vierteljahrhundert später daran, wie es damals dort aussah: Über den Eisenwerken im Ortszentrum hingen zwar grauschwarze Rauchfahnen im Wind.
Aber wo die Häuserreihen aufhörten, hinter den Kohle- und Schutthalden am Ortsrand, gab es im Norden und Westen „noch weiteste Flächen, vor denen die städtische und industrielle Entwicklung vorläufig Halt gemacht hatte. Saubere Bauernhöfe niedersächsischer Bauart, aus Fachwerk mit großem Einfahrtstor, inmitten freundlicher Eichenkämpe, lagen zwischen Wiesen und Kornfeldern verstreut; an Bach und Graben dufteten die Spiräen, und in manchen Gehölzen konnte man Maiglöckchen finden.“ 1914 dagegen waren auch diese ländlichen Idyllen weitgehend verschwunden. Die Industrie hatte sich weiter ausgebreitet und mir ihr die Umweltschäden: „Ganze Abschnitte waren verbaut und unzugänglich, und nur weniges erinnerte an die Zeit vor fünfundzwanzig Jahren. Bis auf etliche Weideflächen war alles Ansprechende verschwunden … Alles fließende Wasser war tintenschwarz. Im kahlen Lande standen noch einige Bauernhäuser … nur wenige Bäume waren geblieben … Die Rauchfahnen senkten sich erdwärts, und die Luft war erfüllt mit jenem teerähnlichen Geruch, der vielen Teilen des Gebiets eigentümlich geworden war. Der bedeckte Himmel aber war dunstig und trüber, als er anderswo an Regentagen aussieht.“ Die ersten Flugzeuge, die am Vorabend des Ersten Weltkriegs das Ruhrgebiet überfliegen wollten, gerieten in so dicke Rauch- und Dunstschwaden, dass sie jede Orientierung verloren.
Wachstum auf Kosten der Nachhaltigkeit
Die Industrialisierung ging mit nie dagewesenen Umweltschäden einher. Aber sie ermöglichte auch Quantensprünge wirtschaftlichen Wachstums und Konsums. Vorindustrielle Gesellschaften hatten notgedrungen „nachhaltig“ gelebt – weil die Menschen in ihnen nicht mehr Ressourcen verbrauchen konnten, als die Sonne in überschaubaren Zeiträumen wachsen ließ. Mit der Nutzung fossiler Energien änderte sich das. Eine Tonne Steinkohle liefert etwa ebenso viel Energie wie die Menge von Holz, die jährlich in einem Hektar Wald wächst. Im Ruhrgebiet wurde 1840 knapp eine Million Tonnen Steinkohle gefördert. Das war zu diesem Zeitpunkt bereits etwas mehr als der jährliche Zuwachs an Holz in allen Wäldern auf dem Gebiet des heutigen Nordrhein-Westfalen. 1866 lieferten die Ruhrkohlenzechen aber schon zehnmal so viel Energie wie die Wälder der Region. 1912 war es dann weit über hundertmal so viel.
Gewaltig erhöhte Energiemengen aus fossilen Quellen wurden nicht allein im Gewerbe, sondern auch in der Landwirtschaft eingesetzt, um die Produktion zu erhöhen. Mit fossiler Energie angetriebene Maschinen ersetzten im Agrarsektor seit dem 19. Jahrhundert mehr und mehr die Muskelkraft von Menschen und Tieren. Mit Kohle betriebene Dampfdreschmaschinen traten an die Stelle von Landarbeitern mit Dreschflegeln. Das Säen, Düngen und Ernten übernahmen ebenfalls zunehmend Maschinen. Ochsen- oder Pferdegespanne vor dem Pflug machten dem Traktor Platz. Selbst im Stall wich die Bäuerin auf dem Melkschemel der Melkmaschine. Wie im Gewerbe stieg dadurch der Energieverbrauch auch in der industrialisierten Landwirtschaft steil an. Moderne Agrarbetriebe gehen mit Energie geradezu verschwenderisch um. Ihre Energiebilanz ist tatsächlich deutlich schlechter als die von Bauernhöfen vor der großen Transformation der Industrialisierung: Der Energieaufwand der Landwirtschaft ist seitdem deutlich schneller gestiegen als ihr Ertrag. Allerdings ist dieser Ertrag in absoluten Zahlen pro Flächeneinheit heute auch um ein Vielfaches höher als im 18. Jahrhundert. Und ohne einen – freilich überproportional höheren – Energieverbrauch von Maschinen, für die Produktion von Kunstdünger und Pflanzenschutzmitteln, für Verarbeitung und Verteilung von Lebensmitteln wäre das nicht möglich. Die Erhöhung der Lebensmittelproduktion erweiterte schließlich den Nahrungsspielraum für die Menschen. Der massive Einsatz fossiler Energien in der Landwirtschaft schuf damit die Grundlage für ein Bevölkerungswachstum, das sich im 19. Jahrhundert immer weiter beschleunigte. Als das Rheinland und Westfalen 1815 komplett zu Preußen kamen, zählten die beiden Provinzen zusammen nicht ganz drei Millionen Einwohner. Hundert Jahre später waren es mit nahezu zwölf Millionen viermal so viel.
Mehr Menschen bedeuteten mehr Umweltbelastung – zumal spätestens seit der Mitte des 19. Jahrhunderts nicht nur deren Zahl, sondern auch ihr Lebensstandard sich beträchtlich erhöhte. Weil die landwirtschaftliche Produktivität wuchs, gehörten Hungersnöte bald der Vergangenheit an. Nicht nur der Verbrauch von Lebensmitteln, auch der anderer Konsumgüter stieg deshalb steil an. Wohnungen wurden größer, Städte wucherten ins Umland hinaus, der Bedarf an Bau- und Heizmaterial nahm zu und auch der Abfall aller Art. Neben den Städten waren es schließlich die expandierenden industriellen Gewerbe, von denen in bisher ungekanntem Ausmaß Abgase in die Luft gepustet und Abwässer in Flüsse eingeleitet wurden – und die am meisten öffentliche Aufmerksamkeit auf sich zogen. Im frühen 21. Jahrhundert ist das immer noch so, auch wenn sich Art und Wahrnehmung von Umweltproblemen in mancher Hinsicht verändert haben.
Während die Industrie Energieverbrauch und Emissionen relativ gesenkt hat, sind mittlerweile Privathaushalte und Verkehr die wichtigsten Verursacher von Belastungen der Umwelt. Nicht mehr so sehr schwefliger Rauch in der Luft und Schwermetalle oder Säuren in Gewässern, sondern Mikroplastik im Wasser und Feinstaub in der Luft erregen heute die Gemüter. Aus lokalen und regionalen sind nationale und globale Probleme geworden: Kaum etwas findet mittlerweile mehr Aufmerksamkeit als der Ausstoß von Kohlendioxid und anderen Treibhausgasen. Der dadurch bewirkte Temperaturanstieg auf dem gesamten Planeten und dessen katastrophale Folgen sind das Umweltthema Nummer eins. Die dramatischsten Auswirkungen hat der rasante Klimawandel außerhalb Deutschlands – im globalen Süden, wo riesige Landstriche sich in unbewohnbare Wüsten zu verwandeln drohen, und in Küstengebieten, die durch den Anstieg des Meeresspiegels bedroht sind. Was hierzulande lange für die „Politik der hohen Schornsteine“ galt, gilt nun für die meisten Emissionen: Ihre ökologischen Folgen muss man allenfalls teilweise selbst ertragen. Größtenteils werden sie exportiert. Der Kreis der Geschädigten hat sich erweitert. Unter den Schadstoffen, die im 19. Jahrhundert vor allem durch Industrieschornsteine geblasen wurden, litten damals anfangs vor allem die Anwohner. Heute tragen hauptsächlich die Treibhausgase aus Individualverkehr und Privatwohnungen zu den gewaltigen Problemen bei, die vom Klimawandel im globalen Maßstab ausgehen.
Die Ursache ist freilich immer noch die gleiche: ein schier unaufhaltsam wachsender Hunger nach fossiler Energie, um Wachstum und Konsum zu ermöglichen. Neben dem Verbrauch von Kohle hat besonders nach dem Zweiten Weltkrieg auch der von Erdöl und Erdgas massiv zugenommen. Für diese fast explosionsartige Zunahme ist von dem Historiker Christian Pfister der Begriff des „1950er Syndroms“ geprägt worden. Billiges Öl und Gas hat damals nicht nur die Massenmotorisierung der Bevölkerung in den Industriestaaten ermöglicht. Auch ein bis dahin ungekannter Boom von Plastikverpackungen wurde dadurch ausgelöst, der bis heute ungebremst anhält und dessen unabsehbare ökologische Folgen erst langsam ins öffentliche Bewusstsein dringen. Zum „1950er Syndrom“ gehört schließlich ebenfalls der massierte Einsatz von Kunstdünger in der Landwirtschaft, um nach den Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs eine schnell wachsende, hungernde Weltbevölkerung zu ernähren. Dadurch ist der Agrarsektor neben Verkehr, Privathaushalten und Energiewirtschaft mittlerweile zu einem der größten Verursacher von Umweltproblemen geworden. Aber nicht allein der Verbrauch von fossilen Energien hat zugenommen. Seit Anfang der 1970er Jahre verbraucht die Menschheit weltweit jedes Jahr mehr Ressourcen als gleichzeitig global nachwachsen – mit steigender Tendenz. Mittlerweile müsste es eigentlich schon eindreiviertel Erden geben, um den menschlichen Bedarf an Rohstoffen dauerhaft nachhaltig zu befriedigen. Wie in den meisten Ländern Europas und Nordamerikas ist in Deutschland der Raubbau an den natürlichen Ressourcen sogar noch deutlicher ausgeprägt: Die Deutschen verbrauchen jährlich dreimal so viel, wie in ihrem Land nachwächst. Hierzulande werden seit Jahren bereits Anfang Mai die Grenzen eines nachhaltigen Konsums überschritten.
Die Holznot und das Scheitern des Obrigkeitsstaats
Freilich ist die Übernutzung von natürlichen Ressourcen in der Geschichte der Menschheit nichts grundsätzlich Neues – auch wenn ihre Ausmaße seit dem Beginn der Industrialisierung und insbesondere nach dem Zweiten Weltkrieg im globalen Maßstab wohl einzigartig sein dürften. Vor der Ära von Kohle, Öl und Gas wurde der Energiebedarf der Menschen hauptsächlich durch Holz gedeckt. Diese zentrale vorindustrielle Ressource war, folgt man zeitgenössischen Klagen, nahezu ständig von Übernutzung und Erschöpfung bedroht. Eine „Holznot“ malten die Zeitgenossen in der frühen Neuzeit wiederholt an die Wand. Im Kurfürstentum Köln etwa wurde deshalb schon 1590 eine Waldordnung erlassen: Denn es sei „der Waldt dermassen beschädigt und verwüstet, daß wofern demselbigen länger zugesehen werden sollte, in die Längde an Holtz Mangel erscheinen würde“. Die von der Obrigkeit im gleichen Atemzug verkündete Lösung des Problems schien ebenso einfach wie wegweisend: Der Wald wurde zum Staatsbesitz erklärt. Ohne obrigkeitliche Genehmigung durften niemand mehr dort Holz schlagen. Um dieses Waldmonopol der Obrigkeit zu rechtfertigen, formulierten Wissenschaftler und Forstbeamte in staatlichen Diensten schließlich das Prinzip der Nachhaltigkeit: In einem Gemeinwesen sollte nicht mehr Holz aus dem Wald entnommen werden, als im gleichen Zeitraum nachwachsen konnte, damit die Versorgung auch künftiger Generationen sichergestellt blieb. In Ansätzen war dieses Prinzip hier und da lokal schon seit dem späten Mittelalter praktiziert worden. Nun wurde es für ganze Herrschaftsgebiete verkündet und mit den gewachsenen Machtmitteln des frühmodernen Staates durchzusetzen versucht. Nachhaltiges Wirtschaften ist seitdem zum Kernbestand modernen ökologischen Denkens geworden.
Aber war die frühmoderne Politik der nachhaltigen Waldwirtschaft tatsächlich effektiv? Wurde eine Übernutzung der Ressource Holz dadurch dauerhaft verhindert? Offenbar nicht wirklich. Nicht nur, aber auch im Kurfürstentum Köln rissen nämlich die Klagen über „Holznot“ trotzdem jahrhundertelang nicht ab. Ein Dreivierteljahrhundert nach der Verkündung der kurfürstlichen Waldordnung von 1590, im Jahr 1666, wiederholte die Verwaltung des Kurfürsten diese Ordnung Wort für Wort. Noch einmal ein Menschenleben später hieß es dann 1741, man habe „mißfälligst wahr genohmen“, dass „viele Waldungen gäntzlich ausgerottet“ seien. 1786 wurde der „an vielen Orten schon vorhandene Holzmangel“ erneut zum Anlass für behördliche Ermahnungen und Verbote. Jahrhunderte hinweg wurde also immer wieder über denselben Missstand lamentiert, und zwar in immer gleichem Ton, wenn nicht sogar mit identischen Worten. Alle Erlasse und Verbote zeigten offensichtlich keinerlei Wirkung. Erst im 19. Jahrhundert ging die öffentliche Sorge über Raubbau am Wald zurück, und die Klagen über die „Holznot“ hörten schließlich auf. Denn im Lauf dieses Jahrhunderts verlor Holz seinen Platz als wichtigste Energieressource. Die fossilen Lagerstätten der Kohle, von den Zeitgenossen bezeichnenderweise vielfach der „unterirdische Wald“ genannt, übernahmen diese Rolle jetzt. Der bis dahin stetige Nachfragedruck auf die Holzvorräte ließ nach. Stattdessen begann der „unterirdische Wald“ nun den explosiv wachsenden Energiehunger der entstehenden Industriegesellschaft zu stillen.
Die Geschichte der vormodernen „Holznot“ ist ein instruktives Beispiel dafür, wie ein ums andere Mal Versuche scheiterten, die sich aus Wachstums- und Konsumorientierung ergebenden Umweltprobleme „von oben“, mit den autoritären Mitteln des Obrigkeitsstaats in den Griff zu bekommen. Wirklich effektiv haben sich Umweltprobleme bisher nur dann lösen lassen, wenn der Druck dafür „von unten“, als aus der betroffenen Bevölkerung selbst kam. Erstmoderne Demokratien sind erfolgreich darin gewesen, tatsächlich nachhaltige Lösungen für die ökologischen Folgen von kontinuierlichem Wirtschaftswachstum und Konsum zu finden. Die Umweltgeschichte Deutschlands nach 1945 veranschaulicht das sehr deutlich – wie auch die konkreten Voraussetzungen dafür, Ökologie und Ökonomie in Einklang miteinander zu bringen. Die ersten Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg waren für Natur und Umwelt hierzulande keine gute Zeit. Am Ende des Kriegs fielen Elend und Hunger, unter denen die von Deutschen besetzten Teile Europas jahrelang gelitten hatten, auf ihre Urheber zurück. Aufrufe zur Bewahrung natürlicher Ressourcen fanden unter diesen Umständen kaum ein Echo.
Die Winde der Nachkriegszeit bliesen Natur- und Umweltschützern ins Gesicht. Angesichts der als vorrangig empfundenen Notwendigkeit, ein kriegszerstörtes Land wiederaufzubauen, blieben sie mit ihren Anliegen einsame Rufer in der Wüste. In den späten 1940er Jahren kam es zu einem Raubbau an den Wäldern, der noch jahrzehntelang deutliche Spuren hinterlassen sollte. Denn anderes Heizmaterial als Holz gab es zunächst nicht mehr. Auch im folgenden Jahrzehnt war Umweltbewusstsein „ein absolutes Fremdwort“, wie Zeitgenossen sich später erinnerten: „Geradezu mit Jubel wurde jeder neue rauchende Schornstein begrüßt.“ Denn in der Zeit des Wiederaufbaus galten rauchende Schornsteine als Garanten dafür, dass es nach den Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs wieder aufwärtsging. Jede erneut in Betrieb genommene, Rauch und Abgase ausspuckende Fabrik versprach dazu beizutragen, nach den Entbehrungen der Kriegs- und „Trümmerjahre“ die Wirtschaft wieder ans „Brummen“ zu bringen. Mit den rauchenden Schloten verband sich die Hoffnung, allen Menschen in Deutschland wieder ein Dach über dem Kopf und dann auch einen möglichst reich gedeckten Tisch zu verschaffen.
1951 beschloss der Bundesrat als Ländervertretung des zwei Jahre zuvor gegründeten westdeutschen Staats sogar vorübergehend, die nationale Zentralstelle für Naturschutz aufzulösen: Denn der Naturschutz „hemme den Wiederaufbau“. Vereinzelte Proteste gegen besonders eklatante Fälle von Luft- und Wasserverschmutzung verhallten wirkungslos. Sogar im Ruhrgebiet hatten die Menschen sich, wie ein Zeitgenosse registrierte, „mit ‚ihrer‘ Industrieluft nolens volens abgefunden.“ Einige Experten verstiegen sich während der 1950er Jahre sogar zu der Vermutung, industrielle Emissionen seien für den Menschen vielleicht sogar gesund. Der Duisburger Stadtmedizinaldirektor etwa spekulierte, ob nicht die aus den Schornsteinen der Betriebe geblasenen Schadstoffe in der sie umgebenden Luft zu „homöopathischen Dosen“ verdünnt würden, die unter Umständen „einen Nutzen für die Gesundheit darstellen“ könnten. Schließlich erreichten Menschen, „die von Geburt an ‚Industrieluft‘ geatmet“ hätten, „doch oft ein sehr hohes Alter“.
An der Wende von den 1950er zu den 1960er Jahren änderte sich das zumindest in der Bundesrepublik Deutschland. Über Luft- und Wasserverschmutzung wurde in der Öffentlichkeit plötzlich gesprochen und geschrieben wie nie zuvor. Die Wahrnehmung dessen, was gesellschaftlich erwünscht war, verschob sich dadurch fundamental. Das lässt sich am Beispiel der Phoenix-Rheinrohr- Hütte in Duisburg eindrucksvoll veranschaulichen. Die Phoenix AG hatte 1957 eine Reihe neuer Stahlkonverter in Betrieb genommen. Jeder dieser Konverter blies täglich mehrere Tonnen Staub in die Luft über der Stadt. Der Staub überzog dann Duisburgs Häuser, seine Gemüsebeete und seine Einwohner mit einem grauen Film. Das war durchaus vermeidbar; es gab Filteranlagen, die den Staub zurückhielten. Doch Staubfilter kosteten viel Geld, welches das Unternehmen lieber sparen wollte. Dafür brachte das Gewerbeaufsichtsamt 1957 volles Verständnis auf. Wachstum und wirtschaftliche Rentabilität des Unternehmens hatten oberste Priorität. Die Stahlkonverter durften mit öffentlicher Genehmigung ohne Filter betrieben werden. 1959 begann die Lage sich langsam zu ändern.
Wegen zunehmender Beschwerden der Anwohner wollte die Stadt Duisburg eine Nachbarschaftsklage gegen die Phoenix AG unterstützen, damit Staubfilter in die Konverter eingebaut würden. Doch noch sah das staatliche Gewerbeaufsichtsamt keine Möglichkeit zum Einschreiten. Drei Jahre später aber, nach der Verabschiedung des nordrhein-westfälischen Immissionsschutzgesetzes von 1962, hatte sich die Situation von Grund auf gewandelt. Phoenix musste nicht nur beim Bau eines neuen Stahlwerks überall Staubfilter einbauen. Das Gewerbeaufsichtsamt erzwang jetzt auch mit der Drohung, sonst das neue Werk nicht zu genehmigen, den nachträglichen Einbau von Filtern in sämtlichen alten Stahlkonvertern des Duisburger Unternehmens. Der gesundheitliche Schutz der Menschen erhielt Vorrang vor größtmöglicher Rentabilität der Wirtschaft. Zu Beginn der Sechzigerjahre entdeckten auf einmal alle Parteien das von ihnen bisher recht stiefmütterlich behandelte Problem Umweltschutz. Während die Politik sich für das Thema sensibilisierte, intensivierte sich auch die wissenschaftliche Forschung dazu. Seit den späten 1950er Jahren nahm die Zahl von Publikationen zu Umweltfragen sprunghaft zu. Die Experten machten sich zudem nun nicht mehr Gedanken darüber, ob Industrieabgase gesundheitsschädlich seien. Stattdessen ging es jetzt in den Veröffentlichungen überwiegend um die Frage, wie man Schäden durch bestimmte Substanzen verhindern könne – und das zum Teil bereits, bevor überhaupt die Schädlichkeit wirklich belegt worden war. Die Öffentlichkeit nahm daran regen Anteil. Das galt vor allem für die Presse. Von ihr wurden die Politiker frühzeitig aufgefordert, sie sollten angesichts der gesundheitlichen Gefahren für die Bevölkerung „nicht schlafen“.
Rauchende Schornsteine, in den ersten Nachkriegsjahren noch jubelnd begrüßt, wurden nun auf einmal als Belästigung empfunden. Das hatte offenbar weniger mit der Zunahme der Schornsteine zu tun, wie viele Zeitgenossen zunächst glaubten, sondern vorrangig mit einem Wechsel der Werte. Denn die materielle Notlage der Nachkriegszeit war überwunden. Und damit verschoben sich die Prioritäten. Weil die materiellen Bedürfnisse befriedigt waren, gewannen nichtmaterielle Interessen für die Masse der Bevölkerung an Bedeutung. Jetzt trat das Bestreben nach einer Verbesserung der Lebensqualität in den Vordergrund. Unter anderem die Sauberkeit der Umwelt wurde deshalb zum Politikum ersten Ranges. Seit den 1970er Jahren verbesserten sich die Umweltbedingungen für die Menschen im Westen Deutschlands deshalb spürbar. Ja, in mancherlei Hinsicht waren diese Verbesserungen geradezu spektakulär. Die Dunstglocke aus Rauch und schwefligen Gasen, die jahrzehntelang die industriellen Ballungszentren einhüllte, ist verschwunden. Im Rhein und seinen Nebenflüssen, die Ende der 1960er Jahre biologisch tot waren, schwimmen heute wieder Fische.
Um 1970 drohten Müllprobleme den westdeutschen Städten buchstäblich über den Kopf zu wachsen; heute sind sie weitgehend unter Kontrolle. Das alles war nicht zuletzt die Folge von Protesten aus der Bevölkerung, die über die Transmissionsriemen eines demokratischen Gemeinwesens – Parteien, Parlamente, Presse – ein Umdenken der politischen Entscheidungsträger bewirkte. In der DDR gab es durchaus vergleichbare Protestbewegungen „von unten“, aber die demokratischen Transmissionsriemen nach „oben“ fehlten. Während die Umweltbedingungen sich im Westen Deutschlands verbesserten, verschlimmerten sie sich im Osten noch. 1989 trug der Unmut darüber schließlich zum Zusammenbruch des autoritären politischen Systems in der DDR und zur Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten bei. Welche Schlüsse lassen diese historischen Erfahrungen mit den ökologischen Kollateralschäden von Wachstum und Konsum zu? Zweierlei Lehren für die Zukunft können daraus gezogen werden. Die erste betrifft die Bedingungen, unter denen Umweltprobleme gelöst oder zumindest unter Kontrolle gehalten werden können. Die zweite betrifft das Verhältnis von Ökologie und Ökonomie.
Die nachhaltige Meisterung von Umweltproblemen kann offenbar nur in demokratischen Systemen gelingen. Alle Anläufe zu „Ökodiktaturen“ sind dagegen bisher gescheitert. In der DDR gab es zwar schon früher als in der Bundesrepublik Deutschland ein Umweltministerium. Die Prioritäten der ostdeutschen Machthaber lagen freilich woanders, und gegenüber dem wachsenden Unmut der Bevölkerung über die sich zunehmend verschlechternde Ökobilanz blieben sie taub. Die Nationalsozialisten waren zwar die ersten, die 1935 in Deutschland ein Naturschutzgesetz einführten. Auch ihre Prioritäten – Aufrüstung und Krieg – waren freilich andere, ja standen den Notwendigkeiten einer ökologischen Politik entgegen. In der frühen Neuzeit scheiterte der Versuch der Obrigkeiten, per Verordnung eine nachhaltige, staatliche monopolisierte Waldwirtschaft zu erzwingen, jahrhundertelang an der Sabotage breiter Bevölkerungsschichten, die ihre Interessen damit nicht gewahrt sah. Nur wo die breite Masse der Bevölkerung eine aktive Umweltpolitik mitträgt, ja sie – wie seit den 1960er Jahren in der Bundesrepublik Deutschland – anstößt und aktiv einfordert, ist diese bisher gelungen.
Auch in der Zukunft wird sie wohl, wenn überhaupt, nur dort gelingen, wo eine solche breite Unterstützung gegeben ist. Voraussetzung dafür ist allerdings, das zeigt die historische Entwicklung ebenfalls, ein gerütteltes Maß an materiellem Wohlstand. Wirtschaftswachstum, dadurch ermöglichter Konsum und ökologisches Denken sind keine Gegensätze. Vielmehr bedingt ökonomischer Fortschritt den ökologischen. So populär Aufrufe zu Verzicht auch oberflächlich erscheinen mögen: Die unverzichtbaren demokratischen Mehrheiten für eine nachhaltige Umweltpolitik werden sich jetzt und in absehbarer Zukunft nach allen gemachten Erfahrungen damit nicht gewinnen lassen. Für die Propheten des Verzichts mag das desillusionierend sein. Ein Anlass zum Verzweifeln ist es keineswegs. Denn nicht nur bieten regenerative Energien und die Entkoppelung von Wirtschaftswachstum und Energieverbrauch seit den 1980er Jahren grundsätzlich die technischen Möglichkeiten, Ökonomie und Ökologie miteinander zu versöhnen. Vergleichbares gilt nach historischer Erfahrung auch in anderer Hinsicht. Wachstum und Konsum haben zwar, seit im 19. Jahrhundert die industrielle Transformation einsetzte, den Fluch massiver ökologischer Kollateralschäden mit sich gebracht. Sie haben aber auch die sozialkulturellen und politischen Voraussetzungen dafür geschaffen, diese einzuhegen und unter Kontrolle zu bringen.
Autor: Prof. Dr. Christoph Nonn
lehrt Neueste Geschichte an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf.
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