Während der Steinzeit kamen Neandertaler in weiten Teilen Europas und Asiens vor, von Sibirien bis Westeuropa. Auch auf der Iberischen Halbinsel lebten Neandertaler, wie verschiedene archäologische Spuren aus Spanien und Portugal belegen. Demnach wohnten diese Frühmenschen überwiegend in kleinen, familiären Gruppen in Höhlen und Camps an den Küsten. Dort fanden sie bis zur letzten Eiszeit ein vergleichsweise mildes Klima und viel Nahrung vor. Der Süden der Halbinsel, der äußerste Südwesten Europas, gilt daher als letztes Verbreitungsgebiet der Neandertaler, bevor sie vor etwa 40.000 Jahren ausstarben.

Seltene Neandertaler-Fußspuren aus Portugal
Wie ihr Leben am Atlantik aussah, haben nun Forschende um Carlos Neto de Carvalho von der Universität Lissabon anhand von neuen Funden rekonstruiert: An zwei steilen Abschnitten an der Algarve-Küste entdeckten sie fossile Fußabdrücke auf Felsen am Strand – bei Monte Clérigo und bei Telheiro. Die Abdrücke befanden sich einst in nassen und weichen Sandablagerungen oder Sedimentgestein, wurden dort durch Verkalkung versteinert und so konserviert, wie das Team erklärt. Durch Erosion und weil der Meeresspiegel seither deutlich gestiegen ist, sind solche Fußspuren heute nur noch selten erhalten oder auffindbar. Die Spuren in Portugal wurden wahrscheinlich durch Sandlawinen verschüttet und so vor Erosion bewahrt.

Die fossilen Fußabdrücke in den beiden ehemaligen Küstendünen sind etwa 78.000 Jahre und 82.000 Jahre alt. Zu dieser Zeit waren die Neandertaler die einzigen Vertreter der Gattung Homo, die auf der Iberischen Halbinsel lebten. Es ist daher sehr wahrscheinlich, dass die Fußabdrücke von diesen Frühmenschen stammen.
Das erste Ensemble besteht aus insgesamt 26 Fußabdrücken, verteilt auf fünf Laufreihen sowie vereinzelt platziert. Anhand der Spuren- beziehungsweise Fußgröße und ihrer Verteilung berechnete das Team, wer diese hinterlassen hat und in welcher Richtung. Demnach stammen sie von drei Personen: einem etwa 1,70 Meter großen Mann, einem etwa 1,10 Meter großen Kind im Alter von etwa acht Jahren sowie einem 0,70 Meter großen Kleinkind unter zwei Jahren. Dieses Dreiergespann hat offenbar zusammen mühsam die steilen Dünen bei Monte Clérigo erklommen. An der zweiten Fundstelle in Telheiro fanden die Archäologen nur einen einzigen Fußabdruck. Er könnte von einem etwa 1,50 Meter großen Teenager oder einer Frau stammen.
Jagdrevier in den Dünen
Im Gegensatz zu Knochen oder Werkzeugen, die möglicherweise transportiert oder am Strand zurückgelassen wurden, zeigen die Fußspuren unmittelbar, wo sich die Neandertaler an der Algarve aufhielten. Das erlaubt Rückschlüsse auf ihre Bewegungen und ihr Verhalten am Strand – „eine Momentaufnahme des Lebens vor Zehntausenden von Jahren“, so das Team. Anhand der Fußspuren ist beispielsweise erkennbar, ob die Neandertaler spazieren gingen, vor etwas flohen oder etwas jagten. Der Verlauf und Abstand der Spuren verraten zudem, wie sie sich an der Küste entlang bewegten und ob sie dabei angrenzende Wälder, Dünen, Lagunen oder Flüsse erkundeten.

Dies untersuchten auch Neto de Carvalho und seine Kollegen und stellten so fest: Die Neandertaler waren wahrscheinlich geübt darin, sich am unwegsamen Strand und auf den angrenzen Klippen geschickt fortzubewegen und zu jagen. Möglicherweise nutzten sie die Dünen und Felsen auch, um Wild in einen Hinterhalt zu locken oder sich anzupirschen. Dazu passt, dass die Archäologen im versteinerten Sand bei Monte Clérigo sowohl menschliche Fußabdrücke als auch die eines Hirsches fanden. Da sich dort auch Fußspuren von Kindern befanden, vermutet das Team, dass diese schon in jungen Jahren mit auf die alltägliche Jagd der Erwachsenen genommen wurden.
Aus anderen archäologischen Stätten an Küsten auf der Iberischen Halbinsel ist bereits bekannt, dass sich die Neandertaler in diesen Regionen hauptsächlich von Hirschen, Pferden und Hasen ernährten. Hinzu kamen offenbar Pflanzen sowie Tiere aus dem Meer oder Küstengebiet, wie Fische, Schalentiere, Vögel und weitere Säugetiere. Die neuen Funde aus Portugal legen nun nahe, dass die Neandertaler diese Nahrung auch direkt am Strand jagten und erbeuteten. „Dies deutet auf eine umfassende Nahrungssuchstrategie hin, die die lokale Biodiversität optimal nutzte“, schreibt das Team um Neto de Carvalho. Demnach hatten sie ihre Lebensweise besser an die Küstenumwelt angepasst als bisher angenommen.
Quelle: Universität Sevilla; Fachartikel: Scientific Reports, doi: 10.1038/s41598-025-06089-4





