Es war das goldene Zeitalter britischer Entdeckungsreisen. Auf dem ganzen Globus schickten sich britische Forscher und Seeleute an, den Wissensschatz des Empire zu vergrößern. Als 1845 eine Expedition in die Arktis aufbrach, um die Nordwestpassage zu durchsegeln, rechnete die Öffentlichkeit mit dem nächsten Triumph.…
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von DAVID NEUHÄUSER
Die Inuit waren beunruhigt, als sie die weißen Männer aus der Nähe betrachten konnten: abgemagerte Gestalten mit trockenen, schwarzen Mündern, gezeichnet vom Skorbut, der den Gaumen anschwellen und die Zähne ausfallen lässt. Die Fremden, 40 an der Zahl, schleppten sich durch die verschneite Einöde. Sie waren dem Tod nah. Fehlende Sprachkenntnisse machten die Kommunikation mit ihnen fast unmöglich. Ihr Anführer, ein großer Mann in mittleren Jahren, kaufte schließlich etwas Robbenfleisch. Dann zog der Trupp weiter in Richtung Süden. Was die Inuit nicht wissen konnten: In weiter Ferne, jenseits des Atlantiks, begann zu dieser Zeit eine gewaltige Suchaktion, deren Ziel es war, ebenjene ausgemergelten Männer zu finden. Die ganze Hoffnung des britischen Empire war es, dass die Teilnehmer der Franklin-Expedition noch lebten und gerettet werden konnten.
Als am 19. Mai 1845 die beiden Schiffe dieser Expedition, „HMS Erebus“ und die „HMS Terror“, ihre Anker gelichtet hatten, war die Welt noch eine andere gewesen: Aus den napoleonischen Kriegen, die 1815 mit der Schlacht von Waterloo zu Ende gegangen waren, traten die Briten als unangefochtene Herrscher der Meere hervor. Mit dem Frieden brach nun das goldene Zeitalter britischer Entdeckungsreisen an. Schiffe segelten fortan nicht mehr in die Schlacht, sondern überall dorthin, wo die Seekarten noch weiß waren.
Eine Generation von Forschern sucht die Nordwestpassage
Antreiber dieser Bewegung waren Joseph Banks (1743–1820) und John Barrow (1764–1848). Banks hatte mit James Cook (1728–1779) die Welt umsegelt und betätigte sich als Botaniker und Naturforscher. Sein Protegé Barrow wurde 1804 zum Zweiten Sekretär der Admiralität ernannt – ein Amt, das er 40 Jahre lang bekleiden sollte. Inspiriert von den Forschungsreisen Alexander von Humboldts (1769–1859), sammelten Banks und Barrow Wissenschaftler und Seefahrer um sich, mit dem Ziel, wissenschaftliche Expeditionen in alle Welt zu organisieren.
Ein besonders wichtiges Anliegen Barrows war es, die sogenannte Nordwestpassage zu finden – den Seeweg durch die Arktis vom Atlantik zum Pazifik. Er überzeugte die Royal Society, die im Jahr 1660 gegründete Akademie der Wissenschaften, ein Preisgeld von 20 000 Pfund für denjenigen auszuschreiben, der diesen Seeweg finden würde. Außerdem setzte er in der Admiralität durch, dass mit ebendiesem Ziel eine Expedition ausgerüstet werden sollte.
Zum Leiter der Expedition wurde John Ross (1777–1856) ernannt. Er erreichte den Lancaster-Sund, der – wie sich später herausstellte – der Zugang zur Nordwestpassage ist. Ross beging jedoch einen gewaltigen Fehler, als er gesichtete Wolkenberge für ein wahrhaftiges Gebirge hielt, das ihm den Weg versperrte. Er nannte das vermeintliche Gebirge Croker’s Mountains, nach dem Ersten Sekretär der Admiralität John Wilson Croker. Als herauskam, dass das Gebirge nicht existierte, schlugen Ross Hohn und Empörung entgegen.
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Der Nächste, der sein Glück versuchen durfte, war William Edward Parry (1790–1855). Bevor Packeis ihn zum Rückzug zwang, durchstieß er das imaginäre Gebirge und segelte tief in die Nordwestpassage hinein. Auch Ross bekam eine zweite Chance. Weil die Admiralität ihn fallengelassen hatte, suchte er sich einen privaten Financier, seinen Freund Felix Booth, einen Gin-Produzenten. Die Nordwestpassage fand Ross wieder nicht – dafür entdeckte sein Neffe, der stellvertretende Leiter der Expedition James Clark Ross (1800–1862), den magnetischen Nordpol.
Als sie schließlich umkehren wollten, verstellte ihnen Packeis den Weg. Sie waren gezwungen, den Winter in der Arktis zu verbringen, was ihnen nur mit einer Anpassung an das Leben der einheimischen Inuit gelang. Das Empire war von der erfolgreichen Heimkehr hingerissen. Ross war rehabilitiert und wurde zum Ritter geschlagen.
Sein Neffe James setzte unterdessen an, ihn zu überflügeln. Er durfte eine Rettungsmission leiten, die im Eis eingeschlossenen Walfängern zu Hilfe eilen sollte. Und schließlich wurde ihm eine eigene Expedition in die Antarktis anvertraut. Mit den Schiffen „Erebus“ und „Terror“, zwei umgebauten Kriegsschiffen, sogenannten Bombarden, machte er sich 1839 auf den Weg. Vier Jahre dauerte seine Expedition, die ihm nicht nur den Ritterschlag einbrachte, sondern auch bei Barrow und seinen Gleichgesinnten der Idee neuen Vorschub leistete, noch einmal den Kampf mit der Nordwestpassage aufzunehmen – am besten mit James Ross als Expeditionsleiter.
Ein neuer Anlauf unter John Franklin
Noch wichtiger als die Durchquerung der Nordwestpassage war diesmal überdies der Plan, magnetische Messungen durchzuführen, die in Zukunft eine bessere Navigation ermöglichen sollten. Doch Ross lehnte ab. Er hatte genug vom Abenteuer. Seine rechte Hand, der stets mit ihm segelnde Francis Crozier (1796 – spätestens 1850), wurde nun gebeten, das Kommando zu übernehmen. Crozier traute sich diese Aufgabe aber nicht zu. Barrow, der erneut die Organisation des Unternehmens übernommen hatte, wollte eigentlich, dass der Marineoffizier James Fitzjames die Leitung übertragen bekommen sollte. Die Polarhelden Ross und Parry setzten sich jedoch für einen anderen ein: John Franklin (1786–1847).
Franklin, Veteran ambitionierter Arktisreisen und Teilnehmer an diversen Seeschlachten, darunter die von Trafalgar 1805, war vor allem bekannt als „der Mann, der seine Stiefel aß“. Er hatte 1819 eine Expedition angeführt, die den Coppermine River in Kanada kartographieren sollte. Dabei war er zu spät umgekehrt, auch deshalb, weil er nicht auf seine Führer und die Einheimischen hören wollte. Einige seiner Führer starben, und die Hungernden, einschließlich Franklin selbst, gingen dazu über, ihre Mokassins zu essen. Die Tatsache, dass sie diese Strapazen überlebten, machte sie zu Helden. Und Franklins Buch über diese Expedition wurde zu einem Bestseller.
Nach weiteren Landexpeditionen wurde er zum Ritter geschlagen und bekam dann das Kommando über die „HMS Rainbow“, die im Mittelmeer patrouillierte. Franklin war beliebt bei seiner Mannschaft, an Bord ging es sehr entspannt zu, und das Schiff bekam den Spitznamen „Franklin’s Paradise“. Danach erhielt seine Karriere jedoch einen Knick: Er übernahm das Amt des Vizegouverneurs von Van-Diemens-Land (Tasmanien) und geriet dort in Konflikt mit dem Kolonialsekretär John Montagu, was schließlich zu seiner Abberufung führte. Gedemütigt und erzürnt, tat er nun alles, um sich wieder Geltung zu verschaffen – da kam die geplante Expedition durch die Arktis gerade recht. Parry schrieb, Franklin werde vor Enttäuschung sterben, wenn man ihn nicht ziehen lasse.
Und so bekam Franklin den Zuschlag. Die Schiffe „Erebus“ und „Terror“, die sich auf der Reise in die Antarktis bewährt hatten, lagen bereit. Crozier, der das Kommando abgelehnt hatte, wurde stellvertretender Leiter der Expedition und Kapitän der „Terror“. Fitzjames, Barrows Favorit, wurde die Nummer zwei auf der „Erebus“, die Franklin kommandierte. Gemeinsam mit dem Transportschiff „Barretto Junior“, das sie bis nach Grönland begleiten sollte, brachen sie nach Norden auf.
Die Mannschaft war frohen Mutes. An Bord der „Erebus“ sorgten nicht nur ein Hund und ein Affe für gute Laune, auch Franklins umgänglicher Führungsstil, den seine Untergebenen schon auf der „Rainbow“ so geschätzt hatten, zeigte seine Wirkung. Man glaubte, das Vorhaben binnen eines Jahres abschließen zu können. Falls etwas schiefgehen sollte, war man für drei Jahre im Eis gewappnet. Die Briefe und vor allem die Beobachtungen Fitzjames’, der oft bis tief in die Nacht schrieb, zeichnen das Bild einer siegessicheren Truppe. Noch vor der Abreise hatte er an Barrow geschrieben: „Ich sage, wir werden noch in diesem Jahr die Nordwestpassage durchqueren, und ich werde in Petropaulowski [auf der Halbinsel Kamtschatka] an Land gehen und Euch am 22. Februar 1846 die Hand schütteln.“ Seine letzten Wortmeldungen datieren aus der Zeit kurz vor dem Abschied der „Barretto Junior“, die am 12. Juli 1845 umkehrte und – wie sich erweisen sollte – die letzten Lebenszeichen der Franklin-
Expedition nach England brachte.
„Erebus“ und „Terror“ fuhren nun durch den Lancaster-Sund. Franklin musste aber bald erkennen, dass es unmöglich sein würde, noch vor Wintereinbruch einen Weg durch die Nordwestpassage zu finden. Sie ankerten also vor Beechey Island und überwinterten dort. Mit dem Sommerbeginn des Jahres 1846 lichteten sie die Anker und fuhren erst nach Nordwesten, fanden aber kein Durchkommen und wandten sich dann nach Süden. Sie fuhren durch den Peel-Sund, hindurch zwischen Somerset Island und Prince of Wales Island, bis sie vor King William Island steckenblieben. Ein weiterer Winter im Eis stand ihnen bevor. Das Jahr 1847 brach an, und im fernen England begann man, sich Sorgen zu machen.
John Ross hatte Franklin versprochen, er werde ihn suchen gehen, wenn bis Anfang 1847 keine Neuigkeiten von „Erebus“ und „Terror“ nach England gelangten. Nun trat er an die Admiralität und an die Royal Society heran, um eine Suchaktion auf die Beine zu stellen.
Erst im Winter 1847/48 werden Suchexpeditionen nach Franklin und seinen Männern losgeschickt
Doch seine Bitte wurde abgeschlagen. Begründung: Steckten Franklin und seine Mannschaft im Eis fest, setze man nur weitere Schiffe der Gefahr aus, wenn man sie nun suchen wolle. Auch Ross’ Neffe James sowie Edward Parry waren der Ansicht, Beunruhigung sei verfrüht. Man wartete also ab. Erst im Winter 1847/48 wurde die Admiralität aktiv, rüstete nun aber gleich drei Expeditionen aus, um herauszufinden, wie es um „Erebus“ und „Terror“ stehe. Auf Drängen von Franklins Frau Jane machte sich auch James Ross auf den Weg. Doch gefunden wurde nichts.
Weite Teile der britischen Öffentlichkeit waren nach all den Erfolgsmeldungen der vorangegangenen Jahre fast selbstverständlich von einem weiteren Triumph ausgegangen. Allmählich verbreitete sich nun die Ahnung, ein Desaster habe sich ereignet. Wie zum Trotz rollte eine gewaltige Spendenwelle an, um die Suche noch vehementer fortzusetzen. Weitere Expeditionen machten sich auf den Weg in die Arktis. Auch die US-Regierung stellte zwei Schiffe zur Verfügung.
Im Sommer 1850 fand man endlich erste Spuren der Expedition: zurückgelassene Kleidungsstücke und Verpflegung – aber keine Aufzeichnungen, keinen Hinweis, wohin Franklin und seine Leute weitergesegelt sein könnten. Drei nebeneinander ausgehobene Gräber wurden entdeckt; die ersten drei Toten der Franklin-Expedition lagen darin. Eine konkrete Spur gab es weiterhin nicht. Noch suchte man zu weit nördlich, wie sich später zeigen sollte, entlang der Route, die den Befehlen der Admiralität entsprach.
John Rae, ein Entdecker von den Orkney-Inseln, der ein gutes Verhältnis zu den Inuit pflegte und von ihnen gelernt hatte, wie man in der Arktis überleben kann, war der Erste, der zu Recht vermutete, dass die Expedition nach Süden abgedreht sein musste. Und während die Admiralität 1854 die Suche aufgab und die Vermissten für tot erklärte, erkundigte sich Rae auf seinen Reisen durch die Arktis immer wieder nach Ausländern, wenn er Inuit begegnete.
So erfuhr er von dem Zug der 40 sterbenden Männer. Und er erfuhr noch mehr: Die Inuit berichteten, Monate später habe man 30 Leichen auf dem Festland und fünf weitere auf einer nahegelegenen Insel gefunden. Die Leichen hätten klare Anzeichen von Kannibalismus gezeigt. Rae legte der Admiralität einen entsprechenden Bericht vor – ein Bericht, der kurz darauf in der „Times“ veröffentlicht wurde.
Kannibalismus? Diese Botschaft will in England niemand hören
Die Reaktion: zuerst Unglauben, und dann Hass – Hass auf Rae und Hass auf die Inuit, die mit ihren Worten offenbar das Andenken von „Helden“ beschmutzten. Der Autor Charles Dickens (1812–1870) gehörte zu denen, die am lautesten gegen Rae und seine Quellen wüteten: „Das edle und beispielhafte Verhalten dieser Männer und ihres großen Anführers überwiegen das Geschwätz einer groben Handvoll unzivilisierter Leute“, schrieb er. Jane Franklin blockierte die Auszahlung der Belohnung, die Rae zugestanden hätte.
Eine weitere Expedition machte sich auf den Weg, ausgestattet mit Hundeschlitten und unter der Führung von Kapitän Francis Leopold McClintock (1819–1907). Erneut wurden Inuit befragt, und so konnte McClintock ermitteln, dass ein Dreimaster westlich von King William Island untergegangen und ein zweiter dort gelandet war. Auf King William Island fand man schließlich nicht nur ein verlassenes Lager, sondern auch endlich eine Notiz, geschrieben von James Fitzjames, datiert auf den 28. Mai des Jahres 1847. Darin stand, der Mannschaft unter der Führung Franklins gehe es gut – eine mit Entschiedenheit unterstrichene Zeile.
Doch auf dem Zettel fanden sich noch weitere Informationen: Fast ein Jahr später, am 25. April 1848, hatte Fitzjames die ursprüngliche Notiz ergänzt. Man habe „Erebus“ und „Terror“ zurücklassen müssen. 105 Männer seien unter dem Kommando von Francis Crozier nun an Land gegangen. Neun Offiziere und 15 weitere Besatzungsmitglieder seien tot – darunter der Expeditionsleiter John Franklin; er war am 11. Juni 1847 gestorben. Crozier ergänzte, dass man am nächsten Tag in Richtung Black’s Fish River aufbrechen wolle. McClintocks Leute fanden noch weitere Leichen. Damit war die Katastrophe offiziell.
Drei lange Winter hatten die Männer, die Crozier 1848 südwärts führen wollte, in der Arktis zugebracht. Die Inuit sprachen von den „Jahren ohne Sommer“. Wie es den Briten in dieser Zeit erging, kann man nur vermuten. Lange waren sie wohl zuversichtlich. Ihre Expedition war besser ausgerüstet als alle vorangegangenen. An Bord konnten sie sich sicher fühlen. Es gab Bücher; es wurde Theater gespielt und gesungen; vielleicht wurde eine Bordzeitung herausgegeben. Der dritte Winter besiegelte dann allerdings ihr Ende. Ohne Vitamin C erkrankten die Männer an Skorbut. Auch Tuberkulose hatte sich ausgebreitet. Derart geschwächt, nahmen sie es nun zu Fuß mit dem Eis auf.
Den Inuit zufolge waren Anfang 1849 allerdings noch Männer an Bord zu finden. Demnach waren zumindest Teile des von Crozier geführten Zuges wieder zurückgekehrt. Während ihre Kameraden weiter in Richtung Süden gingen und einer nach dem anderen starben, überlebten sie einen weiteren Winter.
Spätestens Ende 1850 war von den 129 Männern der Expedition niemand mehr am Leben. Die letzten Tage und Wochen der Franklin-Expedition waren die schlimmsten, wie Untersuchungen in den 1980ern zeigten. Die Inuit hatten recht gehabt: Leichenfunde auf King William Island offenbarten ohne jeden Zweifel Spuren von Kannibalismus.
Seit Mitte der 1990er Jahre organisierte der kanadische Staat über 20 Expeditionen. Und besonderen Nachdruck erhielt die Suche, als Kanada offiziell Anspruch auf die möglicherweise bald eisfreie Nordwestpassage erhob. Am 1. September 2014 fand die Crew der „Sir Wilfried Laurier“ schließlich die „Erebus“ – so dicht unter der Oberfläche, dass ihre drei Masten aus dem Wasser geragt haben mussten, bevor sie gebrochen waren. Zwei Jahre später wurde auch die „Terror“ gefunden, dank High-Tech-Equipment und Inuit-Überlieferungen.
Nur 20 Prozent des Jahres ist das Meer in dieser Region eisfrei. Taucher nutzen diese Zeit Jahr um Jahr und bringen Gebrauchsgegenstände und Artefakte an die Oberfläche, 2022 zum ersten Mal auch ein Buch. Im Labor wird sich zeigen, ob Fragmente des Textes noch zu entziffern sind – und wenn ja, ob man so einen neuen Einblick in die dramatischen letzten Jahre und Monate der Franklin-Expedition erhalten wird.
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