Die Enttäuschungen vorweg: Bei dem unter dem Titel „Franz von Assisi“ erschienenen Buch von Jacques Le Goff handelt es sich weder um eine Biographie noch um eine neuere Arbeit des angesehenen französischen Historikers, neu ist lediglich das Vorwort. Vier andernorts schon veröffentlichte Texte aus den Jahren 1967 bis 1981 geben Einblick in Wirtschaft und Gesellschaft, Politik und Kirche der Welt, in der Franz von Assisi (1181/82–1226) seine entscheidenden Prägungen erhalten und in der er den bis heute größten Orden der katholischen Kirche gegründet hat. Anmerkungen, Zeittafel, Bibliographie und Personenregister ergänzen den Band. Der zweite Beitrag zeigt Franz als einen Mann mit Ecken und Kanten. In mehrjährigem innerem Ringen und nach heftigen Auseinandersetzungen mit seinen Mitmenschen hat er sich für ein Leben radikaler Armut entschieden. Frauen – unter ihnen die heilige Klara – und Männer sind Franz auf dem schweren Weg gefolgt; sie waren bereit zum Bruch mit ihrer Umgebung und zu einer als unzumutbar geltenden Unsicherheit. In dem Maße, wie die Zahl der Anhänger wuchs, kam es zu Spannungen und zur Spaltung des Ordens, zur Vernichtung von Quellen, zur Ver‧fälschung des Bildes, das die Nachwelt sich von Franz machen sollte. Der charismatische Wanderprediger, der Hunger und Kälte ertrug, der sich fröhlichen Sinnes über die in Kirche und Welt üblichen Spielregeln hinwegsetzte, trat zurück hinter der von Legenden verklärten Gestalt des Heiligen, der den Vögeln predigte und auf den unsere Weihnachtskrippe zurückgeht. Le Goff läßt die Vielschichtigkeit des Franz von Assisi und seiner Zeit deutlich werden und lädt zum Studium von Quellen und wissenschaftlicher Literatur ein. Ärgerlich ist allerdings, daß der Sinn des Gemeinten häufig auch nach mehrfachem Lesen dunkel bleibt: Was bedeutet etwa: „Hier rührt die Gnade an die Sprache und löscht dadurch die sozialen Kategorien aus oder sublimiert sie.“? Dazu kommen falsche Angaben; so heißt es zum Jahr 1205: „Franz I., König von Frankreich, war damals gerade 23 Jahre alt“ (Franz I. lebte im 16. Jahrhundert). Verwechselt werden die Heiligen Benedikt und Bernhard. Viele Fehler dürften sich mit dem unzumutbaren Zeitdruck erklären, unter dem heute Übersetzer und Lektoren stehen. Es bleibt nicht bei Verstößen gegen Rechtschreibung und Grammatik: Die „Legenda der drei Gefahren“ (statt: der drei Gefährten) oder „Hütten aus Rosen“ statt: aus Schilf, französisch roseau). Schade um die verpaßte Chance, eine Franz von Assisi angemessene Biographie zu präsentieren!
Rezension: Ohler, Norbert





