Blanning schaut sich sehr genau Friedrichs Persönlichkeit an, aus der er den König, sein Verhalten wie auch seine Handlungen erklärt. Was er erkennt, ist ein Mensch, der, dank der Bevormundung, der Gängelung sowie den Handgreiflichkeiten seines strengen Vaters Friedrich Wilhelm I., eine oft freudlose, bedrückende Kindheit und Jugend erlebte und noch im Alter in seinen Träumen von einem „Gespenst in Gestalt des Vaters“ verfolgt wurde. Erst der 28-Jährige habe sich nach dem Tod Friedrich Wilhelms 1740 um „seine seelische Genesung kümmern“ können.
Nach Blanning hat Friedrich dies auf dreierlei Weise getan. Der König hat erstens seine ererbten beträchtlichen finanziellen Ressourcen genutzt, um sich selbst ein „komfortables, um nicht zu sagen luxuriöses Lebensumfeld zu schaffen“. Davon legen die Erbauung der Oper in Berlin, Sanssoucis und des Neuen Palais’ ebenso Zeugnis ab wie seine hohen Ausgaben für feine Kleidung, gutes Essen, für Gemälde, Bücher, Porzellane, Schnupftabaksdosen und andere Kunstgegenstände. Für sein Wohlbefinden stehen auch seine gelebte Leidenschaft für Musik und seine Männertafeln.
Hier und anderswo hat er sich zweitens in seinem „cercle intime“ in „homosozialer und homoerotischer Atmosphäre“ mit „einer französischsprachigen Intelligenzia“ umgeben, als Publikum und, um intellektuelle Anregung zu erhalten. Mit deutlichen Worten stellt Blanning heraus, dass Friedrich homosexuell war und dass dieser Aspekt seines Lebens „nicht als Nebensächlichkeit“ angesehen und schon gar nicht verschwiegen werden sollte.
Das ist, auch wenn Friedrich seine Homosexualität anders als sein Bruder Heinrich nicht öffentlich gelebt hat, wichtig zu sagen, um ein vollständiges Bild des Königs zu erhalten. Und es ist diese Betrachtungsweise, die Blannings Buch von allen bislang erschienenen großen Biographien des Königs unterscheidet. Es hat deswegen in den Besprechungen im deutschen Feuilleton Furore gemacht, auch wenn sich natürlich nicht alle Handlungsweisen des Königs dadurch erklären. Für Friedrichs Befehle als Feldherr, um nur ein wichtiges Beispiel zu nennen, spielte seine Homosexualität keine Rolle.
Drittens, so Blanning, habe Friedrich als König zwar machtpolitisch gehandelt, so wie der Vater es sich immer gewünscht hatte. Er habe aber alles besser machen wollen als Friedrich Wilhelm, habe „kühn, entschlossen, ausdauernd“ handeln wollen, was ihm auch unzweifelhaft geglückt sei. Tim Blanning aber ist eine bleibende Kulturgeschichte des Königs gelungen.
Rezension: Dr. Jürgen Luh
Tim Blanning
Friedrich der Große
König von Preußen. Eine Biographie
Verlag C. H. Beck, München 2019, 718 Seiten, € 34,–





