Eine Mischung aus Aufbruchsstimmung und Zukunftsangst lag um 1900 in der Luft. Die sogenannte Lebensreformbewegung in Deutschland und der Schweiz hatte seit Mitte des 19. Jahrhunderts als Reaktion auf Industrialisierung und Urbanisierung eine Rückbesinnung auf die Natur propagiert – Fragen der Ernährung und des Wohnens wurden diskutiert, Religion, Sexualität oder Kleidervorschriften hinterfragt. Zugleich provozierte ein radikaler Denker wie Friedrich Nietzsche, indem er Gott für tot erklärte und den „Willen zur Macht“ zum Maßstab des Menschseins erhob.
Diese spezielle gesellschaftliche Melange wirkte sich in vielfältiger Weise auf die Aktivitäten der Kulturschaffenden aus – besonders in Weimar, das zeigt die neue Dauerausstellung „Van de Velde, Nietzsche und die Moderne um 1900“.
Die kulturelle Erneuerung Weimars nahm richtig Schwung auf, als zwei Männer dort zu wirken begannen: der Kunstsammler, Mäzen und Schriftsteller Harry Graf Kessler (1868 –1937) sowie der belgische Architekt und Designer Henry van de Velde (1863 –1957). Großen Einfluss übte auch Elisabeth Förster-Nietzsche (1846 –1935; siehe DAMALS 8-2020) aus, die mit dem Nietzsche-Archiv in der Villa „Silberblick“ daran arbeitete, einen Kult um ihren Bruder Friedrich und sein Werk zu etablieren. Zusammen mit Kessler sorgte sie dafür, dass van de Velde nach Weimar kam.
Warum ausgerechnet Weimar? Bildlich gesehen, hatte Großherzog Carl Alexander von Sachsen-Weimar-Eisenach (1853 –1901) schon bald nach Amtsantritt die Fenster seiner Residenzstadt weit geöffnet und das gediegene Haus kräftig durchgelüftet: Der liberal gesinnte Herrscher wollte im klassizistisch geprägten Weimar neue kulturelle Akzente setzen.
Ein erster Meilenstein war die Gründung der Großherzoglich Sächsischen Kunstschule 1860. Diese sollte zeitgenössische Künstler anziehen, was auch gelang: So lehrten beispielsweise die Maler Arnold Böcklin und Franz Lenbach an der Kunstschule. Zu den Schülern zählte unter anderen Max Liebermann. Und 1869 eröffnete das im Auftrag Carl Alexanders erbaute Großherzogliche Museum (für Kunst und Kunstgewerbe) – heute Museum Neues Weimar – die Basis für einen sich entwickelnden Ausstellungsbetrieb. Als Carl Alexander 1901 starb, setzte sein Enkel und Nachfolger Ernst Wilhelm (bis 1918) das Begonnene mit großem Engagement fort.
Auf zwei Stockwerken, von oben nach unten, fügen die Ausstellungsmacher Strömungen der Zeit, die Entwicklungen von Kunst, Architektur und Design sowie die Lebenswege der Akteurinnen und Akteure auf anschauliche Art und Weise zusammen. In den Eckrisaliten des Gebäudes – den vorspringenden Eckräumen – führt jeweils eine Medieninstallation in den kommenden Themenabschnitt ein: Ton und bewegtes Bild, ergänzt durch ein oder zwei zentrale Objekte. In den folgenden Räumen werden die so eröffneten Kapitel vertieft. Kunstgegenstände, Skulpturen, Gemälde, Architekturmodelle, Möbel und Farbgebung der Räume (nach van de Velde) harmonieren gut.





