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Früher Kritiker des Papstes
Der englische Theologe und Philosoph John Wyclif (um 1330–1384) war ein radikaler Kirchenkritiker. Rund 150 Jahre vor der Reformation verurteilte er den Machtanspruch des Papstes und den Reichtum der Kirche – und forderte einschneidende Reformen.
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Im ausgehenden 14. Jahrhundert, in der Wirkungszeit John Wyclifs, hatten viele Menschen in England das Gefühl, in einer außergewöhnlichen Zeit zu leben: Gesellschaft, Staat und Wirtschaft veränderten sich mit zuvor nie gekannter Geschwindigkeit. Das verunsicherte die Zeitgenossen und beunruhigte sie. Unbekannte Seuchen, Kriege und Hungersnöte brachten Krankheit und Tod. Die furchtbare Beulenpest hatte England erstmals in den Jahren 1348/49 heimgesucht, 1359 bis 1361 und 1379 zog sie erneut durchs Land. Die verzweifelten Menschen litten Gewissensqualen und glaubten an eine Strafe Gottes für ihre Sünden.
Doch etwas anderes, was offenbar noch schlimmer war, schien sich während der nicht enden wollenden Kriesenperiode anzubahnen. Der Grundpfeiler allen Lebens, die Kirche und ihre Lehre, geriet ins Wanken. Das, was bislang als unerschütterlich und unveränderlich wahrgenommen worden war, wurde hinterfragt und nicht länger als Selbstverständlichkeit hingenommen.
Schriftliche Zeugnisse dafür sind erhalten geblieben. Geoffrey Chaucer (1342/43 –1400), der berühmteste englische Dichter dieser Zeit, sprach in seinen „Canterbury Tales“ (1387–1400), einem in Versen gefassten Querschnitt durch die englische Gesellschaft seiner Gegenwart, von „dem neuen Zeitgeist“. Was meinte er damit?
Als sei ein Damm gebrochen, so standen auf einmal die katholische Kirche, ihre Institutionen und Amtsträger, ihr Reichtum und ihre politischen Machtansprüche in der Kritik. Missstände und Korruption in der Kirche wurden angeprangert, der Verfall der moralischen Autorität des Papsttums beklagt. Gefordert wurden radikale Reformen und die Rückkehr zu den verschütteten Idealen und Maßstäben einer fernen Vergangenheit.
Chaucer lässt in seinen „Canterbury Tales“ einen lebenslustigen Mönch auftreten und charakterisiert ihn dort mit Spott und Ironie als einen typischen Vertreter der verweltlichten Kleriker: „Den Text hielt er nicht eine Auster wert, /und mir erschien die Ansicht wohl bedacht. / Sollt’ er, bis er sich ganz verrückt gemacht, / Studieren und bei Klosterschwarten sitzen? / Sollt’ er bei seiner Hände Arbeit schwitzen / Nach Augustin? Was wird dann aus der Welt?“.
So konnte es nach Ansicht Chaucers und vieler seiner kritischen Zeitgenossen nicht weitergehen. Das Unbehagen, ja die Empörung der Gläubigen über bedenkliche Zustände in der spätmittelalterlichen Amtskirche und über die lockere Lebensführung vieler ihrer Vertreter brach sich Bahn. An die Spitze derer, die angesichts dieser Situation für eine grundlegende Erneuerung der Kirche eintraten, stellte sich ein ebenso asketischer wie wortgewaltiger Theologe aus Nordengland: John Wyclif.
Wyclif stellt bohrende Fragen: Ist die Amtskirche nicht überflüssig?
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Vermutlich um 1330 in einem Dorf in der Grafschaft Yorkshire geboren, gehörte Wyclifs Familie zum niederen Landadel. Über seine Biographie ist wenig bekannt. In Oxford, dem seinerzeitigen intellektuellen Zentrum Englands, studierte er Theologie. Seine Laufbahn als Geistlicher war zunächst unspektakulär. Die meiste Zeit seines Lebens verbrachte er nach seiner Ausbildung als Pfarrer in kleinen ländlichen Gemeinden. Nur ein paar Jahre lehrte er am Balliol College der Universität Oxford. Die Gründe für den Abbruch seiner akademischen Laufbahn als gelehrter Theologe und Philosoph sind ungeklärt.
In seinen Aufsehen erregenden Predigten und Schriften verlangte Wyclif für die Kirche in England, aber auch für die römische Kurie einen Neuanfang, einen entschiedenen Bruch mit den aus seiner Sicht haarsträubenden Fehlentwicklungen in Vergangenheit und Gegenwart. Wer ihn beeinflusst hatte, wer ihn beriet, was ihn bei seiner Kritik an der Kirche unablässig antrieb – all das ist nicht bekannt. Es wird vermutet, dass die Bettelorden, die in dieser Zeit eine Rolle spielten, mit ihrem demonstrativen Verzicht auf weltlichen Besitz und geistliche Pfründe ihn beeindruckt hatten.
Wyclif wollte allein die Bibel als Grundlage des christlichen Glaubens gelten lassen. „Wenn wir hinsehen auf die Schriften der Apostel … und auf die päpstlichen Schriftstücke“, ließ er seine Zuhörer wissen, „dann können wir ersehen, wie wenig sie in ihrem Inhalt übereinstimmen; denn die päpstlichen Schriften sprechen von Macht in der Welt, die Schriften der Evangelien aber von demütiger Flucht aus der Welt.“
Die bürokratisierte Amtskirche mit dem Papst, den Kardinälen, Bischöfen und Mönchsorden hielt Wyclif für sündhaft und völlig überflüssig, zumal diese sich mit der Übersiedlung des Papstes nach Avignon seit 1309 und später der Wahl eines Gegenpapstes selbst ad absurdum geführt habe. Angesichts dieser Zustände sei die staatliche Gewalt zum Eingreifen aufgefordert. Wyclif vertrat die Meinung, dass im Fall Englands der König die irrende Kirche korrigieren müsse und ihr alle weltlichen Besitztümer wegnehmen dürfe.
Die sich in Pracht und Prunk verlierende Papstkirche, die sich großartige Kathedralen und Bischofspaläste leistete, konfrontierte Wyclif mit den bescheidenen Ansprüchen der Kirche im Urchristentum. Immer wieder und bei den verschiedensten Gelegenheiten betonte er, die frühe Kirche sei eine solidarische Gemeinschaft der Armut und Nächstenliebe gewesen, in der keiner den anderen habe bevormunden oder gar beherrschen wollen.
Wyclif erinnerte daran, dass der Apostel Petrus arm gewesen sei, und deshalb müsse es sein Nachfolger, der Papst, auch sein. Jeder Mensch, so predigte Wyclif von der Kanzel einfacher Dorfkirchen oder auf Marktplätzen, sei ein Kind Gottes und nicht darauf angewiesen, dass ihm ein Amtsträger der Kirche die himmlische Gnade vermittle, womöglich sogar gegen Zahlung hoher Gebühren.
Wyclif liebte Zuspitzungen: Öffentlich vertrat er die Ansicht, ein frommer Laie sei der göttlichen Gnade viel würdiger als ein dem weltlichen Besitz und einer weltlichen Lebensführung ergebener Kleriker, unabhängig davon, mit welchen Weihen er ausgestattet sei. Den Papst denunzierte er als Antichrist; die Mönchsorden mit ihren vermeintlich strengen Regeln hielt er für nicht mehr zeitgemäß. Den Priesterzölibat lehnte er ab.
Den Bischöfen gelingt es nicht, den Prediger zum Schweigen zu bringen
Das, was der unerschrockene Wyclif unermüdlich, schonungslos und mit einer für die damalige Zeit beispiellosen Respektlosigkeit verkündete, wurde mündlich weitergereicht oder in mühselig hergestellten Handschriften verbreitet, die von Sympathisanten Wyclifs dem Volk in dessen Sprache, nämlich Englisch, vorgelesen wurden. Der Buchdruck war noch nicht erfunden; die meisten Zeitgenossen waren mehr oder weniger Analphabeten.
Als 1383 eine in Oxford tagende Synode der englischen Amtskirche Wyclifs Anschuldigungen und seine theologischen Ansichten als ketzerisch verdammte, da hatte das auf die Gläubigen kaum eine abschreckende Wirkung. Wyclif war zum Sprachrohr der schweigenden Mehrheit im Land geworden.
Schon in den Jahren zuvor war Wyclif mit Kirchenstrafen bedroht worden. Aber den erbosten englischen Bischöfen gelang es nicht, ihn zum Verstummen, gar zum Widerruf seiner Anklagen und Thesen zu bringen. Die staatliche Gewalt, der König in London, machte keine Anstalten, sich in den Streit der Theologen einzumischen. Sie ließ ihn bis zu seinem Tod unbehelligt. Politisches Kalkül in einer Zeit, in der Kirche und Königtum um Herrschaftsrechte, Landbesitz und Einfluss kämpften?
Wyclif war ohne Frage sehr mutig, doch er agierte nicht ganz auf sich allein gestellt: Es gab durchaus andere Geistliche, die ähnlich dachten wie er. Vielleicht noch entscheidender war die Protektion durch höchste politische Persönlichkeiten in London. Während Rom und die englischen Würdenträger der Kirche Wyclif als einen rebellischen Ketzer betrachteten, sah der königliche Hof in London in ihm eher einen Verbündeten auf dem Schachbrett der europäischen Machtpolitik.
Die Forderung des Predigers, den umfangreichen kirchlichen Landbesitz zu enteignen, um eine Neubesinnung der hohen Geistlichkeit auf ihre eigentlichen Aufgaben anzustoßen, war den entscheidenden Männern am Hof gar nicht so fremd, eigentlich sogar sehr willkommen. Wäre die Einverleibung der kirchlichen Ländereien, die damals etwa ein Drittel des Landes in England ausmachten, nicht ein effektiver Weg, um die chronische Finanznot der aufwendigen Hofhaltung, des Militärs und der staatlichen Verwaltung wenn nicht dauerhaft, so doch für einige Zeit zu beheben?
Revoltierende Bauern berufen sich auf seine Lehren
Der wichtigste Beschützer Wyclifs am Londoner Königshof war der mächtige und umtriebige Johann von Gent (John of Gaunt, 1340–1399), der vierte Sohn des Königs Eduard III., der bis 1377 regierte. Im andauernden „Spiel der Könige“ um Englands Thron, so berichtet es der englische Journalist und Historiker Dan Jones, beanspruchte Johann von Gent als Begründer des Hauses Lancaster für sich die englische Königswürde.
Den im Volk so populären John Wyclif wollte Johann von Gent benutzen, um seine ehrgeizigen Pläne voran zu treiben und seine Widersacher im Machtpoker am Hof zu schwächen, vor allem die eigensüchtigen Berater seines Neffen, des blutjungen und unerfahrenen Richard II. (König seit 1377). Für die theologischen Positionen des Predigers und den Zwist in der Geistlichkeit zeigte er nur wenig Interesse.
Das Spiel, das Johann von Gent betrieb, war riskant, denn Wyclifs Thesen fanden breiten Widerhall: Viele Zeitgenossen sahen schon lange die Missstände in der Amtskirche. Sie litten unter der Ausbeutung durch Klöster und Bischöfe. Aber an der Armseligkeit und den Härten ihres Lebens waren auch andere schuldig. In der Bevölkerung bestärkten Wyclifs Lehren den Willen zum Widerstand und zur Gegenwehr gegen die großen Landbesitzer im Königreich und die Inhaber von Pfründen aller Art.
So entstand eine soziale Protestbewegung, welche die politische Stabilität des Königreichs in gefährlicher Weise bedrohte. Überall im Land gärte es. Wenn Historiker über diese Epoche berichten und sie charakterisieren wollen, nennen sie das einschlägige Kapitel gern „England im Aufruhr“.
Im Frühsommer 1381, noch unter dem Eindruck der letzten Pestepidemie und angesichts einer neu eingeführten Kopfsteuer, die vor allem die Landbevölkerung stark belastete, erhoben sich die Bauern („The Peasants’ Revolt“) im Südosten Englands. Es war dies der erste große Volksaufstand in England überhaupt. Wyclifs angebliche Verwicklung in ihn führte zum Bruch mit Johann von Gent, der nun selbst den Zorn der Menschen zu spüren bekam: Seine neue Londoner Residenz, eines der größten Häuser weit und breit, brannten die Aufständischen bei der Besetzung der Stadt nieder. Auch das Londoner Palais des Erzbischofs von Canterbury, des engsten Vertrauten des Königs, wurde geplündert.
Wyclif zog aus den Vorkommnissen des Jahres 1381 seine persönlichen Konsequenzen. Fortan mied er die Öffentlichkeit; seine polemischen Äußerungen wurden selten.
Anführer der rebellierenden Bauern war der schattenhafte Wat Tyler, der vermutlich aus der Stadt Colchester in der Grafschaft Essex stammte. Doch der Aufstand der notleidenden Bauern, die bei ihren Protesten vor der Anwendung von Gewalt und Mord nicht zurückschreckten, brach schon wenige Wochen später zusammen. Tyler kam bei einem Zusammentreffen mit König Richard II. in London ums Leben. War es Mord? Dem tödlichen Angriff auf den Bauernführer war ein heftiger Streit vorangegangen.
An den blutigen Unruhen des Jahres 1381 hatten sich auch Anhänger Wyclifs und seiner Lehren aktiv beteiligt. Sie hatten sich unter dem Namen Lollarden organisiert. Die Namensgebung war angeblich vom holländischen Wort „lollen“ („murmeln“) abgeleitet. So nannte die Bevölkerung die Männer in den groben Wollkleidern, weil sie offenbar ständig Gebete sprachen, die beim flüchtigen Hinhören wie Flämisch oder Holländisch klangen. Unter den Ausländern in London stellten Flamen und Holländer die zahlenmäßig stärksten Gruppen.
Die Lollarden, die noch jahrelang als Wanderprediger auf dem Land und in den Städten Englands aktiv waren, standen der Autorität und den Dogmen der Kirche, aber auch der feudalen Wirtschaftsordnung im Königreich extrem kritisch gegenüber. Ihre bei vielen Menschen populäre Vision waren die klassenlose Gesellschaft und die Abschaffung des privaten Eigentums an Grund und Boden. Einer ihrer führenden Männer, der Geistliche John Ball (um 1338–1381), prägte den eingängigen Spruch „Als Adam grub und Eva spann, wer war da der Edelmann?“ („When Adam delved and Eve span, who was then the gentleman?“).
Das war eine unerhörte Frage. Die Mächtigen wussten, welche Brisanz sie in sich barg. Sie versuchten zunehmend, die sich immer militanter gebärdende Bewegung der Lollarden mit Verboten und polizeilichen Maßnahmen im Keim zu ersticken. Doch das gelang in den folgenden Jahren zunächst nur zeitweilig.
Wyclifs Werk: mehr als ein Wetterleuchten am Horizont
John Wyclif starb am Silvesterabend 1384 an einem Schlaganfall in dem kleinen Marktflecken Lutterworth in der Grafschaft Leicestershire, wohin er sich zurückgezogen hatte, fast anderthalb Jahrhunderte vor dem weltbewegenden Auftreten des störrischen Augustinermönchs Martin Luther (1483–1546). Nichts hatte die Kirche in den langen Jahrzehnten dazwischen getan, was darauf hindeutete, dass sie aus Wyclifs Argumenten und Thesen etwas gelernt hatte – und bereit war, auf dieser Basis Reformen anzugehen.
Die alarmierenden, geradezu revolutionären Gedanken, die im letzten Drittel des 14. Jahrhunderts aus dem Nordwesten Europas nach Rom drangen, hatte die geistliche Hierarchie mehr oder weniger ignoriert. Auch das reformerische Anliegen von Jan Hus (1369–1415), der bei seinem Feldzug gegen die römische Kirche in vielfacher Hinsicht an Wyclif anknüpfte, hatte sie aus ihrem Gesichtskreis verdrängt. Kein Papst hatte aus der geistigen Unruhe in Böhmen und England seine Schlussfolgerungen gezogen und eine Reform der Amtskirche in Angriff genommen.
Ob die Vertreter der Kirche je den Dialog mit ihren Kritikern wie Wyclif oder den Lollarden gesucht haben, wissen wir nicht. Es darf bezweifelt werden. Die Kirche beschränkte sich im Grunde darauf, Wyclif und seine Anhänger immer wieder zu verdammen. Das antiklerikale Londoner Parlament schien hingegen durchaus willens gewesen zu sein, sich mit den Anklagen Wyclifs auseinander zu setzen, zumindest gelegentlich. 1378 lud es ihn zu einer „Predigt“ ein.
Wyclifs theologische und philosophische Kritik an der Kirche in seiner Zeit war aus der Sicht der römischen Kurie offenbar nur ein Wetterleuchten in einem rückständigen Land am Rande Europas gewesen, mehr nicht. So verharrte sie in den nächsten Jahrzehnten in verhängnisvoller Tatenlosigkeit.
Wyclifs Werk und Persönlichkeit hatten hingegen immer ihre Bewunderer. Er war und blieb für sie der mutige Kritiker von Papsttum und Kirche – der „Morgenstern der Reformation“. Unvermeidlich fällt auch sein Name, wann immer heute von Jan Hus, Johannes Calvin, Huldrych Zwingli und Martin Luther die Rede ist.
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