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Führen, mobilisieren, terrorisieren
Es konnte nicht anders sein: Auch im Krieg liefen alle Fäden in der Hand Stalins zusammen. Seine größte Leistung war es, die Nationen der Sowjetunion durch geschickte Appelle an die Heimatliebe für den Kampf gegen Hitler-Deutschland zu mobilisieren. Aber auch der Terror ging weiter.
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Am 22. Juni 1941, gegen zwölf Uhr mittags, gut neun Stunden nach dem deutschen Überfall auf die UdSSR, informierte nicht Josef Stalin, der Führer der Sowjetunion, sondern Außenminister Wjatscheslaw Molotow die Bevölkerung über den Krieg. Stalin, zunächst fassungslos angesichts der desaströsen Konsequenzen seiner Fehleinschätzung der Lage, übernahm jedoch binnen kurzem und ohne erkennbaren Autoritätsverlust die Position des obersten Kriegsherrn. Zusätzlich zu seinen Aufgaben als Partei- und Regierungschef stand er vom 30. Juni 1941 bis zu dessen Auflösung am 4. September 1945 an der Spitze des Staatlichen Verteidigungskomitees (GKO), des wichtigsten außerordentlichen Gremiums der Kriegsjahre.
Außer Stalin gehörten dem GKO zunächst nur seine vier wichtigsten Gefolgsleute und Politbüromitglieder an – neben Molotow waren das Lawrenti Berija, Georgi Malenkow und Kliment Woroschilow. Ferner führte Stalin seit dem 10. Juli den Vorsitz im „Hauptquartier“ (stawka) des Oberkommandos der Armee, das bereits am 23. Juni gebildet worden war. Außerdem leitete er seit dem 19. Juli das Verteidigungsressort und übernahm am 8. August 1941 auch formell das Oberkommando über die Streitkräfte. Damit lag alle Entscheidungsgewalt in Stalins Hand. Seine schier unbegrenzte Machtfülle übte er ohne Konkurrenz und Kontrolle im ganzen Land aus.
„Bis zum letzten Blutstropfen“ kämpfen: Stalins Appell an die „Brüder und Schwestern“
Ziel der Zentralisierung und Personalisierung der wichtigsten Aufgaben war es, schnellstmöglich alle gesellschaftlichen, staatlichen und wirtschaftlichen Kräfte für die Landesverteidigung zu mobilisieren und effektiv zu nutzen. Die maßgeblichen politischen und kriegswirtschaftlichen Entscheidungen traf das GKO, die militärischen fielen im engen Austausch zwischen Stalin und dem Generalstab. Dabei erwies sich der Diktator nach den dramatischen Anfangsniederlagen, für die er die persönliche Verantwortung trug, im weiteren Verlauf des Krieges als durchaus lernfähig.
Die Front besuchte Stalin allerdings nur ein einziges Mal, gewöhnlich entsandte er Bevollmächtigte zur Einschätzung der Lage. Trotzdem behauptete er seine Position als militärischer Führer der Sowjetunion: Am 27. Juni 1945 zum „Generalissimus“ ernannt, präsentierte er sich der Welt als genialer Stratege.
Am 3. Juli 1941 beendete Stalin sein befremdliches öffentliches Schweigen und wandte sich in seiner neuen Funktion als Vorsitzender des GKO mit einer zwischen emotionalen und sachlichen Passagen changierenden Rundfunkansprache endlich selbst an die Bevölkerung. Seine Zuhörer sprach er dabei nicht wie üblich nur als „Genossen“, sondern auch als „Bürger! Brüder und Schwestern!“ und sogar als „Freunde“ an. Stalin beschönigte zwar die Verluste der sowjetischen Streitkräfte, hob aber im Verlauf der Rede die existentielle Bedrohung des Landes hervor.
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Den Abschluss des deutsch-sowjetischen Nichtangriffsvertrags vom 23. August 1939 rechtfertigte er und beschuldigte die deutsche Seite, mit dem „unerwarteten“ Angriff „wortbrüchig“ geworden zu sein. Der längste Teil der Rede bestand aus Appellen – wobei er das Wort ausdrücklich an die Bewohner aller Sowjetrepubliken richtete. Im Sinn einer allgemeinen patriotischen Mobilisierung, für die er die sozialistische Propaganda vorübergehend hintanstellte, proklamierte Stalin einen „Vaterländischen Volkskrieg“. Er rief seine Landsleute zum allgemeinen Kampf „bis zum letzten Blutstropfen“ und „um jeden Fußbreit Boden“ auf, die Bewohner der Rückzugsgebiete außerdem zur Taktik der verbrannten Erde und die Menschen in den besetzten Regionen zum Partisanenkampf.
Angesichts der rassistisch-wirtschaftlichen Kriegsziele der Angreifer, so Stalin weiter, handele es sich nicht um eine gewöhnliche militärische Auseinandersetzung, sondern um den „große(n) Krieg des ganzen Sowjetvolks gegen die faschistischen deutschen Truppen“. Diese seien besiegbar – unter der Voraussetzung, dass die ganze Arbeit auf den Krieg umgestellt und alles den Interessen der Front untergeordnet werde.
Zugleich wurde Stalins Misstrauen in die Loyalität der Bevölkerung spürbar, denn er forderte auch „einen schonungslosen Kampf“ gegen „Deserteure, Panikmacher, Spione und Diversanten“. Eine entsprechende Direktive war bereits am 29. Juni erlassen worden. Die Rede endete mit dem ermutigenden Aufruf an die Bevölkerung, sich gegen den Feind zu erheben, um den sicheren Sieg zu erringen.
Noch am selben Tag trat ein Gesetz in Kraft, das die Verbreitung von falschen Gerüchten mit mehrjährigen Haftstrafen bedrohte. Die Abgabe privater Radio- und Funkgeräte war bereits am 25. Juni 1941 angeordnet worden. Propagandistische Aufrüstung unter Einsatz aller emotional wirkungsvollen Medien, die rücksichtslose Mobilisierung und Disziplinierung der Bevölkerung sowie Terror gegen vermeintliche Feinde – dies waren die Strategien, die sich aus Stalins Sicht bereits in den 1930er Jahren bewährt hatten und deshalb auch im Krieg zur Anwendung kamen.
Durch den raschen deutschen Vormarsch im ersten Kriegsjahr verlor die Sowjetunion erhebliches industrielles und landwirtschaftliches Wirtschaftspotential samt Arbeitskräften. Trotzdem musste der Personal- und Materialbedarf der Armee gedeckt werden. Das erforderte die Konzentration aller Maßnahmen auf militärisch-kriegswichtige Bedürfnisse gemäß der Parole „Alles für die Front! Alles für den Sieg!“.
Für die ohnehin leidgeprüfte Bevölkerung bedeutete das die Rationierung von Lebensmitteln, den erzwungenen Verzicht auf Konsumgüter sowie die Abschöpfung des Kaufkraftüberhangs durch Sondersteuern und die „freiwillige“ Zeichnung von Kriegsanleihen. Der Lebensstandard fiel auf einen nie dagewesenen Tiefpunkt; noch lange über das Kriegsende hinaus lebten die Menschen in schier unvorstellbarer Not.
Mit der Gründung des Rats für Evakuierung wurde am 24. Juni 1941 eine erste wichtige Maßnahme zur Sicherung der industriellen Produktionskapazität ergriffen. Ohne auf vorbereitete Szenarien zurückgreifen zu können, löste das neue Gremium diese gewaltige Aufgabe trotz höchsten Zeitdrucks unter Ausnutzung manch administrativer Freiräume und erbrachte insgesamt eine beeindruckende Leistung. Hunderte von kriegswichtigen Betrieben aus den westlichen Gebieten der Sowjetunion wurden demontiert, dann mit der Eisenbahn, aber auch per Schiff in Regionen jenseits des Urals transportiert und dort wieder in Betrieb genommen.
Außer den Werksanlagen evakuierte man die Belegschaften samt Ingenieuren und Management. Eine Verordnung vom 23. Juli 1941 ermöglichte diese Zwangsmigration von Arbeitskräften. Die verbliebene arbeitsfähige Bevölkerung wurde einer totalen Mobilisierung auf kriegswirtschaftliche wichtige industrielle und landwirtschaftliche Arbeitsplätze unterworfen. Bei Regelverletzungen drohten drakonische Strafen – Millionen von Menschen wurden in den folgenden Jahren drangsaliert und zu Lagerhaft verurteilt.
Das neugeschaffene Komitee für Erfassung und Verteilung von Arbeitskräften durchkämmte zunächst alle städtischen Ressourcen (Hausfrauen, ältere Schüler, Evakuierte) und verhängte anschließend eine mehrfach verschärfte Arbeitspflicht für die Stadtbevölkerung. Dadurch nahm der Anteil von Frauen, Jugendlichen, ja sogar Kindern in der Industrie stark zu. Beschäftigte der Rüstungsindustrie galten seit Dezember 1941, die der frontnahen Gebiete sowie der Eisenbahn und Flussschifffahrt seit März/Oktober 1942 als mobilisiert. Das unerlaubte Verlassen des Arbeitsplatzes war demnach gleichbedeutend mit Desertion.
Die Russlanddeutschen lässt der Diktator nach Sibirien deportieren
Im Herbst 1941 ließ Stalin rund 905 000 Russlanddeutsche aus dem europäischen Teil der Sowjetunion und dem Kaukasus präventiv nach Sibirien und Kasachstan deportieren. Sie wurden pauschal der Kollaborationsbereitschaft mit dem Feind verdächtigt. Fortan fristeten sie ein Leben als Personen minderen Rechts in sogenannten Sondersiedlungen. Arbeitsfähige Männer und Frauen mobilisierte man für die „Arbeitsarmee“ (trudarmija), was in der Praxis Schwerstarbeit unter elendesten Lebensbedingungen bedeutete. Das Leben dieser Menschen war mithin kaum besser als das der GULag-Häftlinge, deren Todesrate während des Krieges aufgrund von unzureichender Ernährung und totaler Erschöpfung dramatisch anstieg.
Der größte Mangel an männlichen Arbeitskräften herrschte in der Landwirtschaft, die durch den Abzug von Zugtieren und Maschinen für den Bedarf der Roten Armee ohnehin empfindlich geschwächt war. Die Dorfbevölkerung bestand fast nur noch aus Frauen, Kindern und alten oder arbeitsunfähigen Menschen, denen der Staat ein harsches Regime und hohe Verpflichtungen zur Ablieferung von Ernteerträgen auferlegte.
Den Arbeitseinsatz kontrollierten seit Herbst 1941 politische Abteilungen, der Umfang der von den Kolchosangehörigen – auch von Minderjährigen – zu leistenden Arbeit wurde im April 1942 deutlich erhöht. Wer das Pensum nicht schaffte, sollte aus der Kolchose ausgeschlossen werden und verlor damit den Anspruch auf die für die eigene Versorgung überlebenswichtige Privatparzelle. Dies war umso bedrohlicher, als die Bauern keinen Zugang zu rationierten Lebensmitteln mit fixen Preisen hatten.
Zur Unterstützung der Aussaat- und Erntekampagnen mobilisierte das Regime Millionen zusätzlicher Arbeitskräfte (vor allem Schüler), die in den Dörfern helfen mussten. Um die bäuerliche Eigenversorgung, die Ernährung der Soldaten sowie das Überleben der Bevölkerung insgesamt sicherzustellen, duldete der Staat, dass vorübergehend das privat bewirtschaftete Hofland auf Kosten von Kolchosländereien ausgeweitet wurde.
Gefördert wurde auch die private Produktion von Gemüse, Kartoffeln und Obst auf städtischen Brachflächen für den Bedarf von Familien, Belegschaften und Behörden. Gleichwohl gehörte quälender Hunger zur Alltagserfahrung der Zivilbevölkerung und forderte viele Opfer.
Die propagandistischen Anforderungen erfüllte Stalin zunächst sehr viel kompetenter als die militärischen: Als am 17./18. Oktober 1941 die Wehrmacht kurz vor Moskau stand, ließ er sich nicht, wie zunächst vorgesehen, aus der Hauptstadt evakuieren, sondern blieb auf seinem Posten. Demonstrativ hielt er am 7. November anlässlich der Revolutionsparade auf dem Roten Platz eine Ansprache, die als (nachgestellte) Filmaufnahme massenhafte Verbreitung in den Kinos fand und große Wirkung erzielte.
Stalins Rede an die gesamte Bevölkerung gipfelte in einem patriotischen Appell. Dazu führte er sechs historische Vorbilder an, die gegen den Deutschen Orden, die Mongolen, die polnischen Invasoren und Napoleon erfolgreich Widerstand geleistet hatten: „Möge euch in diesem Krieg das heldenmütige Vorbild eurer großen Vorfahren beseelen – Alexander Newski, Dmitri Donskoi, Kusma Minin, Dmitri Poscharski, Alexander Suworow, Michail Kutusow!“. Die Armee führte 1942 neben dem Orden „Vaterländischer Krieg“ auch solche ein, die nach Newski, Suworow und Kutusow benannt waren und an deren heroisches Beispiel erinnerten.
Die orthodoxe Kirche hilft – und profitiert von der schwierigen Lage
Nutznießerin der patriotischen Wende war vor allem die orthodoxe Kirche, die sich seit Kriegsbeginn für die Verteidigung des Landes engagiert und sofort am 22. Juni 1941 zum „Heiligen Krieg“ aufgerufen hatte. Im Gegenzug verstummte die antireligiöse staatliche Propaganda, Kirchen durften wieder öffnen und Gottesdienste abhalten.
Nach dem überraschenden Empfang dreier Metropoliten im Kreml durch Stalin und Molotow im September 1943, über den die Presse berichtete, konnte mit staatlicher Billigung sogar das seit 1925 vakante Patriarchenamt neu besetzt werden. Zudem wurde ein „Rat für Angelegenheiten der orthodoxen Kirche“ gebildet. Bis Kriegsende ließ das Regime zu, dass schätzungsweise 16 000 Kirchen wieder geöffnet wurden – angesichts der verheerenden religiösen Verfolgung zuvor eine beachtliche Zahl.
Stalin hatte erkannt, welchen Dienst die regimetreue Kirche für die Verteidigung der Heimat zu leisten vermochte – und zwar, indem sie ihre Anhänger mobilisierte. Der Kurswechsel des Regimes hin zu einer Integration des Glaubens dauerte über den Krieg hinaus an und kam auch anderen Religionsgemeinschaften zugute.
In den Kontext bewusster Rückgriffe auf großrussisch-patriotische Traditionen gehört auch der Ersatz der „Internationale“ durch eine neue Staatshymne im Dezember 1943, die am Neujahrstag 1944 erstmals im Radio erklang. Diese symbolpolitische Maßnahme unterstrich den Wertewandel der Sowjetunion in Richtung Tradition ebenso wie die restaurative Familiengesetzgebung von Juli 1944. Sie stärkte die Familie, schuf diverse symbolische und materielle Anreize für mehrfache Mutterschaft, erschwerte und verteuerte sogar die Scheidung.
Dennoch ging der Terror weiter: Ende 1943/44 ließ Stalin einige kaukasische und turksprachige Nationalitäten, insgesamt etwa eine Million Menschen, kollektiv nach Zentralasien deportieren. Wie im Fall der Deutschstämmigen wurden auch die Angehörigen dieser Volksgruppen pauschal als Kollaborateure verdächtigt. Wie zuvor die Russlanddeutschen mussten sie sich als „Sondersiedler“ niederlassen und Zwangsarbeit leisten. Auch ihre Autonomen Republiken und Gebiete wurden aufgelöst.
Diese umfassende Strafaktion brachte die auf Terror gegen ausgewählte Ethnien basierende stalinistische Nationalitätenpolitik der 1930er Jahre zum Abschluss. Zielgruppen waren verschiedene schwer integrierbare und bereits in der Vergangenheit für „unzuverlässig“ erachtete Nationalitäten. Das russische Volk hingegen bedachte Stalin kurz nach Kriegsende bei einem Empfang zu Ehren der Truppenbefehlshaber mit einem eigenen Trinkspruch, „weil es sich in diesem Kriege die allgemeine Anerkennung als führende Kraft der Sowjetunion unter allen Völkern unseres Landes verdient hat“.
Dabei blieb es dann aber auch – alle berechtigten Hoffnungen der Bevölkerung auf etwas Wohlstand und weniger Repression als Gratifikation für die Leistung im Krieg erfüllten sich nicht. Die sowjetische Propaganda kannte nur einen Sieger: Stalin, dessen Glanz alles überstrahlte.
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