Wie ein Märchen ließe sich das Leben Elisabeths von Thüringen erzählen: Ein Fürst schickt Ritter in ein fernes Land; sie sollen für seinen Sohn um die Königstochter werben. Mit reicher Aussteuer verlässt die Prinzessin ihre Heimat. In der Fremde findet sie sowohl Freude als auch Leid: eine glückliche Ehe, gesunde Kinder und hohes Ansehen; Verlust des geliebten Mannes, Schmerz der Witwenschaft und Verachtung. Nach selbstlosem Einsatz für Arme und Bedrängte ist ihr im Alter von erst 24 Jahren nach kurzer Krankheit ein gnädiger Tod vergönnt. Über Elisabeths Leben sind wir dank der Akten aus dem Prozess zu ihrer Heiligsprechung ungewöhnlich gut informiert.
Elisabeth kam 1207 in der Königspfalz Sárospatak im Norden Ungarns zur Welt. Das Reich ihres Vaters Andreas II. (1205–1235) erstreckte sich von Kronstadt in Siebenbürgen bis vor Wien, von der nördlichen Slowakei bis zu den Mauern Belgrads. Ungarn war seit kurzem, auch dank kluger Heiratspolitik, eine europäische Großmacht. Die Brautwerber des Landgrafen Hermann I. von Thüringen, des bedeutendsten Territorialherrn im mitteldeutschen Raum, wurden herzlich willkommen geheißen. Die Ehe zwischen Ludwig, dem künftigen Landgrafen, und Elisabeth, der ungarischen Königstochter, wurde vermutlich schon 1208 abgesprochen.
Königin Gertrud, die selbst aus einer der angesehensten bayerischen Familien stammte, sorgte dafür, dass ihre Tochter Elisabeth eine reiche Aussteuer erhielt: kostbare Kleider, Seidengewebe, wertvollen Goldschmuck und Silber … Für ihre Eltern ein Statussymbol, für die Landgrafen eine willkommene Zuwendung. Elisabeth kam als Vierjährige an den fremden Hof; in adligen Kreisen war das bis ins 20. Jahrhundert nicht ungewöhnlich, internationale Verflechtungen haben zu allen Zeiten persönliche Opfer gefordert. Ungarische Mädchen in Elisabeths Gefolge halfen dem Kind über den Verlust der Heimat hinweg; sie waren ihre Spielgefährtinnen, später ihre Vertrauten. Spiele und gemeinsame Erziehung schliffen die Unterschiede der Sprache und Herkunft ab; Elisabeth und Ludwig lernten sich schon als Kinder kennen und schätzen.
Im Jahr 1221 wurden Elisabeth und Ludwig getraut; sie war 14, ihr Mann 21 Jahre alt. Den Zeitgenossen ist aufgefallen, wie glücklich diese Ehe war; eine Tatsache, die nicht nur im Adel und nicht nur im Mittelalter alles andere als selbstverständlich war. Zwischen Elisabeth und Ludwig herrschten tiefe Zuneigung und leidenschaftliche Liebe, wechselseitiges Vertrauen und beiderseitige Treue; als ungewöhnlich empfand man Ludwigs Treue. Auf ein partnerschaftliches Miteinander weist hin, dass sie einander auch nach der Heirat mit „Bruder“ und „Schwester“ anredeten.




