So sprach Alexander der Große zu seinem Volk, den Makedonen – jedenfalls, wenn man dem griechischen Historiker Arrian (um 95–175) Glauben schenken will, der diese Rede in seiner „Anabasis“ überliefert, einem Geschichtswerk über Alexanders Feldzüge, die Makedonien zu einer Weltmacht werden ließen.
Höchstwahrscheinlich hat Alexander diese Rede nie gehalten. Antike Historiker, und Arrian ist da keine Ausnahme, haben Reden gerne erfunden, um die Darstellung aufzulockern und ihre eigenen rhetorischen Fähigkeiten unter Beweis zu stellen. Und sicher fällt das Loblied Alexanders auf seinen Vater, den makedonischen König Philipp II., etwas zu euphorisch aus. Erstens waren die Makedonen auch vor Philipp nicht so unzivilisiert und primitiv gewesen wie behauptet, und zweitens war der Innovationsschub, in dessen Folge sich die Makedonen von einem rückständigen Volk der Hirten und Nomaden zu einem modernen Volk sesshafter Bauern und Städter entwickelten, nicht das Werk eines Einzelnen – und mochte er noch so ambitioniert und talentiert wie Philipp gewesen sein.
Einige seiner Vorgänger auf dem makedonischen Thron hatten bereits wichtige Weichenstellungen vorgenommen, so dass Philipp eher Vollender als Initiator dieses bemerkenswerten Zivilisationssprungs gewesen ist. Ein Merkmal aber sollte Philipp exklusiv haben: Er war der unumstrittene Wegbereiter zur Weltmachtstellung eines Landes, das bis dahin nie eine besondere Rolle auf der Bühne der großen Geschichte gespielt hatte.
Die peinlichen Verwandten aus dem Norden
Lange Zeit hatte der Name Makedonien keinen guten Klang, jedenfalls nicht bei den Griechen, die sich spätestens seit den Siegen über die Perser zu Beginn des 5. Jahrhunderts v. Chr. als das Maß aller Dinge sahen. Sie waren nicht einmal bereit, die Makedonen als Griechen zu akzeptieren, sahen in ihnen Barbaren oder bestenfalls arme Verwandte aus dem Norden.
Eine Verwandtschaft war allerdings nicht zu bestreiten, gab es doch enge Berührungspunkte zwischen der makedonischen und der griechischen Sprache. Und Sprache war in der Antike das wichtigste Kriterium, das ein Bewusstsein von ethnischer Identität erzeugte. Doch sprachen die Menschen in der Landschaft Makedonien nicht nur Griechisch. Hier lebten im Umkreis auch thrakische und illyrische Bevölkerungsgruppen, was die stolzen und selbstbewussten Griechen in der Einschätzung bestärkte, es bei den Makedonen und ihren Nachbarn mit Menschen zu tun zu haben, die weit von ihren eigenen, selbstverständlich unerreichbaren zivilisatorischen Standards entfernt waren.
Natürlich war dieses Bild überzogen. Doch während die Griechen ihre vielbewunderte urbane Poliskultur entwickelten und sich im internen Konkurrenzkampf gegenseitig zu Höchstleistungen in Politik, Kultur und Wissenschaft antrieben, verharrten die Makedonen lange Zeit auf dem Status einer archaischen, überwiegend agrarisch geprägten, zudem noch ganz altertümlich von Königen regierten Gesellschaft.





