Es ist ein bizarres Phänomen, das weltweit in unterschiedlichen Kulturen und Epochen aufgetreten ist: Menschen beeinflussten das Schädelwachstum von Kindern, um die Bildung bestimmter Kopfformen hervorzurufen. Dabei kamen Bandagen, spezielle Kopfbedeckungen oder sogar Bretter zum Einsatz. Man geht davon aus, dass die Verformung darauf abzielte, Menschen ein charakteristisches Aussehen zu verleihen, um sie leichter zuordnen zu können. Beispielsweise konnten der Status oder die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Klasse oder Gruppe durch die speziellen Kopfformen sichtbar gemacht werden. Was Europa betrifft, legen archäologische Funde nahe, dass die Hunnen im Rahmen der Völkerwanderung im 5. und 6. Jahrhundert n. Chr. die Praxis der Schädeldeformation in einige Kulturen eingeführt haben.
Drei unterschiedliche Kopfformen
Vor diesem Hintergrund berichten die Forscher um Ron Pinhasi von der Universität Wien nun von einem besonderen Fall. Bei dem Fund im Fokus handelt es sich um die Überreste dreier Individuen, die gemeinsam in einem Grab bestattet wurden, das sich in der Nähe der Stadt Osijek im Osten Kroatiens befindet. Die Formen von zwei der drei Schädel legten nahe, dass es sich um einen Fall von künstlicher Deformation handelt. Das Besondere: Die Art der Deformation unterschied sich. In dem einen Fall war der Schädel offenbar künstlich nach hinten verlängert worden, im anderen in die Höhe. Bei dem dritten Individuum schien das Schädelwachstum hingegen nicht manipuliert worden zu sein. So entschlossen sich die Wissenschaftler, den drei Skeletten eine genauere Untersuchung zu widmen: Sie wurden datiert, morphologisch und genetisch untersucht sowie einer Isotopenanalyse unterzogen.
Die Altersbestimmung ergab: Die Überreste stammen aus der Zeit zwischen 415 und 560 n. Chr. und damit aus der Ära der Völkerwanderung. Es ist bekannt, dass in dieser Zeit Menschen unterschiedlicher Völker die Region des heutigen Kroatiens erreichten: Hunnen, Gepiden oder Ostgoten besiedelten dieses Gebiet des zerfallenden römischen Reiches. Es handelte sich um eine Zeit, in der es die Menschen oft schwer hatten, was sich auch in den Ergebnissen widerzuspiegeln scheint: Die Skelette der zwischen 12 und 16 Jahre alten Jungen weisen Anzeichen schwerer Unterernährung auf, berichten die Forscher.
Folgen der Völkerwanderung zeichnen sich ab
Besonders verblüffend war aber die Feststellung, dass die genetische Abstammung der drei so unterschiedlich war. “Die DNA-Analysen haben ergeben, dass der Jugendliche ohne künstliche Schädeldeformation eine überwiegend westeuropäische Abstammung, der Jugendliche mit der langgezogenen Schädelform eine ostasiatische Abstammung und der dritte Jugendliche eine nahöstliche Abstammung aufweist”, sagt Pinhasi.





