Der britische Historiker Alaric Searle sah ihn als die „bekannteste, widersprüchlichste und rätselhafteste Figur im Kreis der deutschen Generale“. Es handelt sich um Vincenz Müller. Als Fahnenjunker im Ersten Weltkrieg begann er seine militärische Karriere, wurde trotz gewisser innerer Vorbe?halte Chef des Generalstabs in Hitlers Wehrmacht, wechselte nach dem Krieg die Fronten und arbeitete aktiv im „Nationalkomitee Freies Deutschland“ mit. Später baute er sogar die DDR-Streitkräfte auf – um zugleich die Organisation Gehlen, den westdeutschen Geheimdienst, mit Informationen zu versehen. Schließlich bekleidete er den Rang eines Generalleutnants der Nationalen Volksarmee. Peter Joachim Lapp, Politologe und langjähriger Redakteur des Deutschlandfunk, gelingt es in seinem neuesten Buch, ein umfassendes Bild des Generals zu zeichnen. Seine Studie, für die er umfangreiches Archivmaterial bearbeitet hat, gewinnt vor allem durch die instruktiven Zeitzeugen-Befragungen. Die Gespräche mit Müllers Familienangehörigen lassen schnell deutlich werden, wie stark Müllers Leben von Widersprüchen und Brüchen geprägt war. Immer wieder stellen sich im Buch daher auch Fragen nach Gewissensnöten und Gesinnungswandel des Generals, nach der Kollision von militärischer Karriere und Professionalität mit den ethischen Grundsätzen klassischer Bildungsideale, etwa nach der Verführbarkeit durch Intelligenz und Ehrgeiz. Als überaus positiv wertet der Autor das damalige Lebensziel des überzeugten Patrioten, die Einheit Deutschlands bewahren zu wollen, auch wenn seinen bis heute geheimnis?um?witterten Treffen mit dem Bundesfinanzminister Schäffer in Ost-Berlin (1955 und 1956) im Strudel der unterschiedlichen Machtinteressen in jenen Jahren ein sichtbarer Erfolg versagt bleiben mußte. Was erst Lapp ans Tageslicht bringt: Kurz vor dem Mauerbau wollte der General nach West-Berlin flüchten, doch an der letzten S-Bahn-Station gab er auf – wahrscheinlich sah er keinen Neuanfang für sich und besaß gewiß auch nicht mehr die Kraft, erneut in eine andere Welt überzuwechseln. Zu Recht analysiert ihn der Buchautor nicht nur als Täter, sondern auch als ein Opfer seiner Zeit: „Zuletzt war er innerlich genauso zerrissen wie sein Land“. Im Mai 1961 beging Vincenz Müller Selbstmord. Die Medien der DDR erwähnten den Tod nur beiläufig, die wahren Umstände wurden verschwiegen. Interessierte Leser werden das gelungene Buch recht nachdenklich aus der Hand legen.
Rezension: Schlomann, Friedrich-Wilhelm





