Leningrad (heute St. Petersburg), die zweitgrößte Stadt der Sowjetunion, wurde am 8. September 1941 von deutschen und finnischen Truppen eingeschlossen. Die Behörden hatten die Stadt nicht systematisch evakuiert, rund 2,5 Millionen Einwohner waren dem Feind ausgeliefert.
Allerdings hatte die Wehrmacht gar nicht vor, die Stadt einzunehmen. Sie sollte mit massiven Luft- und Artillerieangriffen nach und nach zerstört und die Einwohner sollten ganz im Sinn des NS-Vernichtungskrieges dem Hungertod überlassen werden. Zwei Wochen nach Beginn der Belagerung wurde der Wehrmacht abermals eingeschärft: „Der Führer ist entschlossen, die Stadt Petersburg vom Erdboden verschwinden zu lassen. Es besteht nach der Niederwerfung Sowjetrusslands keinerlei Interesse am Fortbestand dieser Großsiedlung.“ Und so terrorisierten Artilleriebeschuss und Luftangriffe die Leningrader. Das allein forderte Zehntausende Tote.
Nach zweieinhalb Monaten gelang es der sowjetischen Seite erstmals, auf der „Straße des Lebens“ über den zugefrorenen Ladogasee Hilfsgüter in die Stadt zu bringen. Sie reichten nicht. Im belagerten Leningrad spielten sich grauenvolle Szenen von Hunger und Kältetod ab sowie Verzweiflungstaten bis hin zum Kannibalismus.
„Alle sind gestorben, nur Tanja ist übriggeblieben“
In ihrem berühmt gewordenen Tagebuch dokumentierte die zwölfjährige Tanja Sawitschewa die Folgen für ihre siebenköpfige Familie: „Mama starb am 13. Mai um 7.30 morgens 1942 – die Sawitschews sind gestorben – alle sind gestorben – nur Tanja ist übriggeblieben.“ Und obgleich Tanja später evakuiert wurde, starb auch sie im Juli 1944 an den Folgen des Hungers.
Leningrad harrte aus und organisierte sich. Rüstungsbetriebe produzierten weiter. Trotzig überdauerte auch das Kulturleben. Legendär wurde etwa die Premiere der 7. Sinfonie von Dmitri Schostakowitsch am 9. August 1942, vom städtischen Rundfunk übertragen und anschließend solidarisch in vielen US-amerikanischen Konzertsälen aufgeführt.
Das Ausharren der Leningrader wirkt bis heute in der Erinnerung an den Krieg nach. Dem ersten schrecklichen Winter folgten noch zwei weitere. Rund 900 Tage blieb die Stadt im deutschen Würgegriff, bis am 27. Januar 1944 die Rote Armee die Blockade endgültig durchbrach.
Die Belagerung Leningrads forderte in der Stadt mindestens eine Million Menschenleben. Die sowjetische Propaganda stilisierte die Blockade zu einem aufopferungsvollen Verteidigungskampf. Unterdrückt wurden dagegen die Erinnerungen der Leningrader – an die Verzweiflung und an den menschenunwürdigen Überlebenskampf einer gegen den anderen. Diese Erinnerungen prägen das Gedächtnis der Stadt bis heute.





