Wo immer sich die Staats- und Regierungschefs der großen Industriestaaten treffen, demonstrieren mittlerweile Globalisierungsgegner. Globalisierung ist gleichermaßen Zustandsbeschreibung und – negativ gemeinte – Kampfvokabel geworden. Ob Befürworter oder Gegner der damit verbundenen Phänomene, nämlich der internationalen Vernetzung, des weltumspannenden Warenaustauschs und Finanztransfers – die meisten stimmen darin überein, daß es sich um etwas fundamental Neues handelt, eine globale Revolution. Globalisierung ist auf dem besten Weg, als Epochenbezeichnung der historischen Periode etwa seit dem Zusammenbruch des Ostblocks 1989/1991 ihren Namen zu geben. Die beiden Konstanzer Historiker Jürgen Osterhammel und Niels P. Petersson haben nun den Versuch unternommen, in einem Bändchen der Reihe „Wissen“ des Beck-Verlags das Phänomen Globalisierung in seiner historischen Tie?fen?dimension auszuleuchten. In der der ganzen Buchreihe eigenen Kürze geht es ihnen dabei nicht darum, eine Geschichte der Globalisierung zu schreiben, sondern vielmehr darum, „aus der Perspektive von Globalisierung einen neuen Blick auf die Vergangenheit zu werfen“. Sie zeigen, daß die weltweiten Verflechtungen, die angeblich so typisch für unsere Gegenwart sind, sich auch schon in früheren Zeiten finden lassen. Dabei setzen sie den Beginn einer irreversiblen weltweiten Vernetzung um etwa 1500 an, mit dem Aufbau des spani?schen und portugiesischen Kolonialreichs. Netze und Interaktionen sind die Phänomene, um die es ihnen in ihrer Studie vor allem geht. Entstanden ist so neben einer exzellenten begriffsge?schichtlichen Klärung im Grunde eine kleine Weltgeschichte der Entstehung eines globalen Kommunikationsraumes in der Neuzeit. Das Buch wirkt dabei in zweierlei Richtungen befruchtend. Den Globalisierungstheoretikern schreibt es ins Stammbuch, daß es sich um ein weit älteres Phänomen handelt, als gemeinhin behauptet wird; die Historiker dagegen weist es darauf hin, daß die regional oder national beschränkte Perspektive schon für das letzte halbe Jahrtausend unzu?rei?chend ist, selbst um lokale Ent?wicklungen angemessen zu erklären.
Rezension: Zimmerer, Jürgen





