Die gewichtigen Bücher zur Geschichte Europas im 20. Jahrhundert sind in den letzten zehn Jahren überwiegend von britischen und amerikanischen Historikern geschrieben worden. Norman Davies, Mark Mazower und Harold James haben Werke vorgelegt, die von den Medien und den Fachorganen oft als Standardinterpretationen gepriesen wurden. Je deutlicher London und Washington seit dem Irak-Krieg zum „alten“ Europa auf Distanz gingen, um so vernehmbarer wurden aber zugleich die Stimmen der Kritiker des angelsächsischen Neoliberalismus. Tony Judt, Direktor des Remarque-Instituts der New Yorker Universität und im deutschen Feuilleton mit scharfen Artikeln gegen die Regierung Bush regelmäßig präsent, ist gleichermaßen linksliberaler Historiker und politischer Kommentator. Auch sein neu-stes Buch zeugt davon. So wie es die europäische Geschichte schildert, ist es allerdings wohl vornehmlich für ein amerika‧nisches Publikum verfaßt. Der Verlag Penguin hatte das Werk im Herbst 2005 mit großem Erfolg unter dem Titel „Postwar“ publiziert, ein Titel, der attraktiver ist als der schlichte deutsche. Und der überdies eine zentrale Botschaft in sich trägt: Denn Judt deutet die Jahre des Kalten Krieges, die viereinhalb Jahrzehnte bis zu den europäischen Umbrüchen von 1989, als Ausklang des Zweiten Weltkriegs. Erst mit der Vertiefung und der Erweiterung der Europäischen Union sei dieser wirklich zu Ende. Eine solche Orientierung, die den politischen und sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen Aspekten aller europäischen Länder zu gleichen Teilen gerecht werden will, muß es mit sich bringen, gleichwohl der deutschen Geschichte am meisten Aufmerksamkeit zu schenken. So umfassend Judts großes Buch ist, so ruht sein Fixpunkt auf den Schultern der deutschen Frage. Als Margaret Thatcher und François Mitterrand verabredeten, diese zu lösen, soll der französische Präsident die „Eiserne Lady“ so beschrieben haben: Sie hätte die Augen von Caligula und den Mund von Marilyn Monroe. Wie weitsichtig und stimmgewaltig die gemeinsamen Problemlagen der europäischen Geschichte gezeigt und gedeutet werden können, ohne die nationalen Besonderheiten zu vernachlässigen, beweist Tony Judt als gelehrter historischer Analytiker in diesem Buch eindrucksvoll.
Rezension: Stuchtey, Benedikt





