Wer die Geschichte eines süd- oder südostasiatischen Landes schreiben will, steht immer vor derselben Herausforderung: Da Geschichte nur in Erzählungen lebendig werden kann, ist das Kunststück zu meistern, aus wenigen und oft schwer interpretierbaren Inschriften und einigen chinesischen Berichten die Geschichte eines Volkes oder Raumes herauszuarbeiten. Überzeugend gelingt dies Karl-Heinz Golzio in seinem Buch über die Geschichte Kambodschas. Der Autor bietet eine fundierte Struktur- und Gesellschaftsgeschichte Kambodschas und kritisiert frühere Autoren, die nur zu gern überall “Großreiche” vermuteten. Inbesondere ist es Golzio zu danken, daß er in diesem als Einführung gedachten Band das Problem der Quellenlage thematisiert, etwa für den Zeitraum vor der Gründung des Khmer-Reiches von Angkor. Der Autor zeigt, daß es schon vor Angkor bedeutende Entwicklungen in Kambodscha gab, und daß nach dessen Niedergang nicht “Zerfall” herrschte, sondern eine neu Phase der Geschichte des Landes als Pufferstaat zwischen Vietnam und Thailand begann. Gerade in dieser Phase, die1863 mit der “Schutzherrschaft” der Franzosen abgeschlossen war, wird die Verstrickung Kambodschas mit dem Schicksal Vietnams angelegt, die dann im 20. Jahrhundert in den Schrecken des Vietnamkrieges und des Pol Pot-Regimes kulminierte. Es ist begrüßenswert, daß der Verlag nicht am Anhang gespart hat, und mit Index, Zeittafel, Herrscher- und Inschriftenliste den Band für eine Einführung überdurchschnittlich gut ausstattete. Es fehlen zwar Karten, aber diese sind auch in einschlägigen Geschichtsatlanten Mangelware. Schwerer wiegt, daß man keine Erklärung der Aussprache der Namen aus dem Khmer und Sanskrit findet, was die erfreuliche Tatsache, daß der Autor auf phonetisch korrekte Umschrift nicht verzichten mußte, wieder etwas entwertet. Trotz dieser kleinen Kritik bietet das Buch eine gewinnbringende Lektüre.
Rezension: Berkemer, Georg





