So beliebt unter Deutschen Portugal als Reiseland ist, so unbekannt ist häufig seine Geschichte. Verschüttet unter Klischees von der tagträumerischen Sehnsucht der Portugiesen, der “Saudade”, kann leicht in Vergessenheit geraten, daß Portugal am Übergang zur Neuzeit zu den dynamischsten Staaten Europas gehörte, ja seit Mitte des 15. Jahrhunderts die Ausbreitung Europas über die Erde einleitete. (Siehe DAMALS Heft 4/99). Einst jedenfalls stand Lissabon für märchenhaften Reichtum, ehe es im großen Erdbeben von 1755 in Schutt und Asche gelegt wurde. Da war jedoch der weltpolitische Abstieg des Landes am südwestlichen Rand Europas, das über die ältesten unveränderten Nationalgrenzen Europas verfügt, schon im vollen Gang. Ein Niedergang, der zu Anfang des 20. Jahrhunderts zu bürgerkriegsähnlichen Wirren führte und aus denen 1926 das autoritäre Regime António Salazars hervorging, einer Diktatur, die das Land, trotz unverhohlener Sympathien für Mussolini und – mit Abstrichen – Hitler, aus dem Zweiten Weltkrieg heraushielt. Portugal blieb dadurch zwar von großen Umwälzungen verschont, avancierte sogar zum Gründungsmitglied der NATO, gleichzeitig aber konservierte sich unter den weltpolitischen Bedingungen des Kalten Krieges ein Regime, das innenpolitisch durch Stagnation gekennzeichnet war und länger als jede andere europäische Macht an seinem Empire festhalten konnte. Der Preis dafür war ein blutiger Kolonialkrieg und ein immer repressiverer Polizeistaat. Noch einmal verblüffte Portugal jedoch die Welt, als am 25. April 1974 die Diktatur in der ‘Nelkenrevolution’ von putschenden Offizieren unblutig beiseite gefegt wurde. Damit war nicht nur das Ende des ältesten rechts-autoritären Regimes in Europa, sondern auch des 500jährigen Kolonialreiches in Afrika gekommen. Bisher gab es in Deutschland keine auch nur halbwegs wissenschaftlichen Ansprüchen genügende Geschichte Portugals. Oliveira Marques’ detailgesättigte Studie füllt nun diese Lücke. In historistischer Tradition erzählt der Grandseigneur der portugiesischen Historiographie die Geschichte seines Landes, von seinen Anfängen im 11. Jahrhundert bis zur Ende der Präsidentschaft von Mario Soares 1996. Auch die Kolonien kommen in der Darstellung nicht zu kurz, die sich vor allem auf die politischen Geschichte konzentriert – erweitert um Exkurse zur Ideen-, Wirtschafts- und Sozialgeschichte. Ein Schluß drängt sich nach der Lektüre auf: Portugal hatte stets, im guten wie im schlechten, teil an den zentralen Entwicklungen der europäischen Geschichte.
Rezension: Zimmerer, Jürgen




