Brandschatzend überzogen sie von 800 bis 1050 n. Chr. immer wieder Teile Europas mit Angst und Schrecken: Die Wikinger gelten geradezu als ein Symbol für Kriegs- und Gewaltbereitschaft. Dass diese Aspekte tatsächlich eine wichtige Rolle für die einstigen Bewohner Skandinaviens spielten, spiegelt sich auch in ihrer Mythologie wider. Man könnte deshalb annehmen, dass die Wikinger auch innerhalb ihrer Gesellschaften nicht gerade behutsam miteinander umgingen. Was das Niveau der zwischenmenschlichen Gewalt betrifft, vermutete man bisher auch kaum Unterschiede zwischen den Wikinger-Gesellschaften der unterschiedlichen Teile Skandinaviens. Dieser Annahme widersprechen nun allerdings die Studienergebnisse des internationalen Forschungsteams um Jan Bill von der Universität Oslo.
Mehr Gewalt im Norden
Die Ergebnisse basieren auf einer Kombination von unterschiedlichen Hinweisen. Zunächst verglichen die Forschenden Untersuchungsergebnisse von Überresten einstiger Bewohner des heutigen Norwegens und Dänemarks aus der Ära der Wikingerzeit. Bei den insgesamt 30 Männer und Frauen aus den norwegischen Gräbern fanden sie bei 37 Prozent Hinweise auf einen gewaltsamen Tod sowie vergleichsweise viele Spuren verheilter Verletzungen. Aus diesen Befunden ging somit ein hohes Niveau von tätlichen Auseinandersetzungen hervor – Gewalt, die nicht von der Obrigkeit als Strafe verhängt wurde.
Die Untersuchungsergebnisse der 82 Skeletten aus der Wikingerzeit, die an unterschiedlichen Orten in Dänemark gefunden, ergaben dagegen ein anderes Bild: An ihnen stellten die Forschenden seltener Anzeichen von verheilten Verletzungen fest und nur bei sechs Prozent zeichnete sich die Spur eines gewaltsamen Todes ab. In den meisten Fällen spiegelt sich in den Befunden dabei wider, dass es sich um „offizielle“ Hinrichtungen gehandelt hat – etwa durch Enthauptungen.
Das Forschungsteam sieht zudem in der deutlich unterschiedlichen Menge von wikingerzeitlichen Waffenfunden in Norwegen und Dänemark einen Hinweis auf die verschiedene Ausprägung von zwischenmenschlicher Gewalt in den beiden Gesellschaften. Demnach wurden den Wikingern des Nordens deutlich häufiger Schwerter als Beigaben ins Grab gelegt als in der südlichen Nachbarregion. Dieses Ergebnis deutet den Forschenden zufolge darauf hin, dass Waffen eine vergleichsweise wichtige Rolle für die Identität und den sozialen Status der norwegischen Wikinger spielten, was ihre vergleichsweise starke Neigung zur Gewalt unterstreicht.





