Ein römisches Glasfläschchen mit Traubenmuster aus dem 3. Jahrhundert. Mitunter war in solchen Gefäßen auch etwas Gift enthalten. · Foto: Bridgeman Images / Saint Louis Art Museum / Museum Purchase
Starb im antiken Rom eine Person unter mysteriösen Umständen, war der Vorwurf, Gift sei im Spiel gewesen, nicht weit. Wesentlich häufiger beließ man es im Konfliktfall jedoch bei Verwünschungen: Zu diesem Zweck wurden die Götter mit Flüchen auf Bleitafeln um einen Gefallen gebeten.
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Eines Abends im Jahr 24 fiel Apronia aus dem Fenster. Genauer: aus einem der oberen Stockwerke des Hauses in Rom, in dem sie mit ihrem Mann Plautius Silvanus zusammenlebte. Er war Prätor mit berühmten Ahnen im Rücken und einer glanzvollen Karriere vor sich.
Lucius Apronius, Konsular und Vater des Opfers, wandte sich direkt an Tiberius. Der Kaiser, der den Verdruss öffentlicher Auftritte mied wie der Teufel das Weihwasser, ließ es sich diesmal nicht nehmen, persönlich zum Tatort zu kommen. Im Schlafzimmer erkannte er, laut Tacitus, „reluctantis et impulsae vestigia“ („die Spuren einer Frau, die sich gewehrt hatte und gestoßen worden war“). Während einer Befragung stammelte Silvanus wirres Zeug. Er habe tief geschlafen, von nichts gewusst, seine Frau müsse sich selbst in die Tiefe gestürzt haben. Niemand glaubte ihm.
Während der Senat den Fall verhandelte, ging dem Beschuldigten ein Päckchen ins Haus. Absenderin: seine Großmutter Urgulania, beste Freundin der Kaisermutter Livia. Inhalt: ein Dolch. Eine unzweideutige Aufforderung, die Sache mit Würde zu Ende zu bringen. Silvanus, dem der Mut zum beherzten Stich fehlte, ließ sich am Ende die Adern öffnen.
So weit ein ganz gewöhnlicher Skandal. Doch nun folgt das eigentlich Verstörende. In den Wochen darauf erhob die Anklage einen weiteren Vorwurf: Schuld an dem Schlafzimmerdrama sei nicht eigentlich Silvanus, sondern Numantina, seine frühere Ehefrau, die er wegen Apronia hatte sitzenlassen. Numantina, so hieß es, habe dem Ex-Gatten „carminibus et veneficiis“ – „durch Sprüche und Tränke“ – den Verstand geraubt und ihn so erst zur Tat getrieben. Sie wurde freigesprochen. Aber niemand im Saal hielt das, was die Ankläger behauptet hatten, für gänzlich ausgeschlossen.
Dieses Fresko aus Pompeji (1. Jahrhundert) könnte Sophonisbe, die Tochter des karthagischen Feldherrn Hasdrubal, zeigen, die von ihrem Gatten Massinissa gezwungen wurde, vergifteten Wein zu trinken. Das Drama spielte sich im Rahmen der Punischen Kriege ab. · Foto: Bridgeman Images / Luisa Ricciarini
Dass sich reiche Römer bei Wahlen mithilfe von Geldgeschenken oder Speisungen Stimmen erkauften, war eine weitgehend akzeptierte Praxis. Die Bestechung von…
Mord und Magie, Tränke und Tafeln, venenum und carmen: Im römischen Haushalt der Möglichkeiten waren das Geschwister, manchmal Zwillinge. Wer einem Mitbürger an den Verstand wollte, beschrieb ein Bleitäfelchen und vergrub es nachts an der Gruft eines vor der Zeit Verstorbenen. Wer ihm ans Leben wollte, träufelte etwas in seinen Wein.
Beide Wege galten in Rom als gangbar, beide als wirksam – und mit beidem musste rechnen, wer sich Feinde gemacht hatte. Wer glaubt, das Reich der Vernunft, das Cicero und Seneca in ihren Schriften in den höchsten Tönen loben, sei am Tiber Wirklichkeit geworden, der kennt das wahre Rom nicht.
Gleich mehrere Konsulare kommen auf rätselhafte Weise ums Leben
Doch wie oft griffen die alten Römer tatsächlich zu Gift? Die Quellen lassen uns bei dieser Frage im Stich. Der Geschichtsschreiber Livius berichtet jedenfalls von einem Fall im Rom des Jahres 180 v. Chr.: Binnen weniger Monate waren mehrere Konsulare und ein amtierender Konsul auf rätselhafte Weise ums Leben gekommen. Eine gewisse Quarta Hostilia, die frisch verwitwete Gattin des Konsuls Calpurnius Piso, wurde überführt. Die Dame hatte ihrem Sohn aus erster Ehe endlich zum Konsulat verhelfen wollen.
In den Folgemonaten meldete der Prätor Gaius Claudius dem Senat, er habe in Rom und Umgebung 3000 Personen wegen Giftmischerei verurteilt. 3000! Unter solchen vierstelligen Zahlen machten es die antiken Historiographen nicht, wenn sie ihre Leser moralisch aufrütteln wollten. Wir lesen dies heute mit Vorbehalt und doch nicht mit völligem Unglauben.
Um die Wirkung des vergifteten Kleids zu mildern, das sie von Medea erhalten hatte, soll Glauke sich in eine Quelle bei diesem Felsen in Korinth gestürzt haben – sie starb dennoch. · Foto: akg-images / UIG / PHAS / UIG
An Geschichten über Giftmischerinnen – fast immer waren es Frauen – herrscht in der zeitgenössischen Literatur ohnehin kein Mangel. Medea, die in der griechischen Mythologie ihre Rivalin Glauke mit einem vergifteten Kleid in den Tod schickt, ist sozusagen die Schutzheilige des Berufsstands. Jede Hexenfigur der Komödie, jede venefica der Satire, jede Canidia bei Horaz ist ihre Enkelin im Geiste.
Ein historisches Gegenstück fand der Topos in der Giftmischerin Locusta, die unter Nero zur kaiserlichen Hoflieferantin aufstieg und in einer eigens eingerichteten Lehrwerkstatt mit Strafgefangenen als lebendem Versuchsmaterial gearbeitet haben soll. Bei alledem ist Vorsicht geboten: Wenn in Rom plötzlich und unerwartet jemand das Zeitliche segnete, schossen sofort Gerüchte ins Kraut.
Die antike Forensik hatte wenig in der Hand, womit sich eine Vergiftung sicher hätte nachweisen lassen, und so genügten zwei, drei verzogene Gesichtszüge des Toten plus eine Witwe mit Motiv: Schon verdächtigte jeder jeden. „Convenit“, „man ist sich einig“, schreibt Sueton zum angeblichen Gifttod des Kaisers Claudius. „Convenit“ war in Rom ein geflügeltes Wort.
Mörder und solche, die es werden wollten, hatten die freie Auswahl. An Pflanzengiften standen Schierling, Bilsenkraut, Eibe, Alraune, Oleander, Tollkirsche und vor allem Eisenhut zur Verfügung. Letzterer galt schon den Griechen als der König unter den Giften, weil seine Wirkstoffe das Herz innerhalb von Stunden stillstehen lassen, ohne dass die Leiche auffällige Spuren davonträgt. Aus dem Reich der Mineralien kamen Arsen, Bleiweiß und Quecksilberverbindungen zum Einsatz, die in Pontos, Hispanien und Britannien von emsigen Bergleuten gewonnen wurden. Aus der Fauna die Viper, die man im Notfall in einer geschmuggelten Schale verstecken konnte.
Claudius wird zum Gott (Kameoglas, 1. Jahrhundert). Der Kaiser war vergiftet worden. Nero bezeichnete Pilzgerichte daher als „Götterspeise“. · Foto: akg-images / Erich Lessing
Pilze erscheinen ideal für den perfekten Mord
Das Mittel der Wahl für den perfekten Mord waren Pilze. Der Knollenblätterpilz, Amanita phalloides, schmeckt mild, passiert unauffällig den Magen und beginnt seine tödliche Arbeit erst sechs bis zwölf Stunden nach dem Verzehr, mit den Symptomen einer banalen Magen-Darm-Erkrankung, gegen die selbst der griechische Wunderdoktor Galen wenig ausrichten konnte.
Ist es Zufall, dass mehrere Kaiser nach dem Genuss eines Pilzgerichts aus dem Leben geschieden sind? Nero jedenfalls nannte die Röhrlinge, die womöglich seinen Stiefvater Claudius ins Jenseits befördert hatten, fortan cibum deorum: „Götterspeise“. Schließlich hatten sie das Wunder vollbracht, aus dem Vorgänger einen Gott werden zu lassen.
Wer Angst um sein Leben hatte, stellte einen Vorkoster (praegustator) ein. In den Haushalten der Begüterten gehörte er zum festen Inventar. Am kaiserlichen Hof gab es entsprechendes Personal in Kompaniestärke. Jener Halotus, der Claudius das tödliche Pilzgericht reichte, war Vorkoster gewesen und stieg unter Nero und Galba zu weit höheren Ämtern auf. Die Kaiser schätzten eben seine einschlägige Expertise.
Der Einsatz eines Vorkosters sorgt für trügerische Sicherheit
Ohnehin war die Sicherheit durch Vorabverkostung trügerisch. Erstens hatte jeder, auch ein Vorkoster, seinen Preis. Wer ihn schmierte, machte aus dem Wächter im Handumdrehen einen Komplizen. Zweitens wirken die effektivsten Gifte – Knollenblätterpilz, Eisenhut, Arsen in kleinen Dosen – erst mit gehöriger Verzögerung, sodass der Vorkoster noch stunden- oder womöglich tagelang vergnügt herumspazierte, ehe der Tod ihn einholte.
Ein Sklave bringt ein Tablett mit Speisen. Wer sichergehen wollte, leistete sich einen Vorkoster (Mosaik aus Tunis, 2. Jahrhundert). · Foto: Bridgeman Images / Erich Lessing
Wer in dieser Lage nicht verzweifeln wollte, griff zum pharmakologischen Kassenschlager der Antike: dem theriakón, lateinisch theriaca – einem universellen Gegengift. Die Idee dazu geht auf Mithradates VI. von Pontos zurück, jenen kleinasiatischen König, der lebenslang Angst vor dem Gifttod hatte und in seinem Labor mit Antidoten experimentierte, bis er angeblich gegen sämtliche bekannte Substanzen immun war. Pompeius nahm nach seinem Sieg über Mithradates 63 v. Chr. dessen Rezeptarchiv mit nach Rom. Die römische Ärzteschaft erkannte das gewaltige Marktpotential des Mithridateions.
Seinen einsamen Höhepunkt erreichte das Geschäft unter Nero. Der Arzt Andromachus, ein Grieche aus Kreta, verfeinerte die Formel zur Galene, einem schwarzen Gebräu aus mehr als 60 Zutaten: Myrrhe und Safran, Zimt und Pfeffer, Ingwer und Bibergeil, dazu Honig als Bindemittel und – als pharmazeutische Pointe – fein zerhacktes Vipernfleisch. Alles schön teuer. Die Schlange, so die unschlagbare Logik, könne nicht ihrem eigenen Gift zum Opfer fallen. Wer von ihr esse, sei immun.
Die so gewonnene theriaca andromachi wurde zum Kronjuwel der kaiserlichen Hausapotheke. Mark Aurel, der Philosoph auf dem Thron, nahm täglich eine Dosis davon. Das berichtet sein Leibarzt Galen, der sie ihm eigenhändig mischte. Dass die Galene gut ein Achtel Opium enthielt, mag dem chronisch überarbeiteten Kaiser eher geholfen als geschadet haben.
Wer sich solche Luxusdrogen nicht leisten konnte – und das war die überwältigende Mehrheit –, nahm Zuflucht zur Volksmedizin. Die wiederum suchte ihr Heil in Steinen, Amuletten, Sprüchen. Plinius d. Ä. hielt in seiner „Naturalis historia“ die Erinnerung an solche Kuriositäten wach; Achat soll gegen Skorpionstiche, Smaragd gegen Augenleiden, ein getrocknetes Wieselherz gegen Vergiftung wirken.
Der Arzt Andromachus beobachtet einen Jungen, der von einer Schlange gebissen wird und angeblich Efeu als Gegengift nutzt (Miniatur aus dem arabischen „Buch des Theriaks“, 13. Jahrhundert, das auch das Wissen antiker Ärzte enthält). · Foto: Bridgeman Images / Erich Lessing
Ein ums andere Mal stößt man bei ihm auf den Satz, magi empföhlen dieses oder jenes. In solchen Formulierungen schwingen Distanz und Anerkennung mit. Die wirksamste Vorsichtsmaßnahme aber, da sind sich die Quellen ausnahmsweise einig, war es, Leute um sich zu haben, denen man vertrauen konnte: dem Koch, den Sklaven, der Ehefrau. Doch gerade das Vertrauen in diese Personen ist einer ganzen Galerie römischer Kaiser nicht gut bekommen.
In der Zauberei suchten Menschen Zuflucht, weil Kontrollverlust allgegenwärtig war. Bevorzugtes Trägermedium für schwarze Magie waren kleine Bleitäfelchen. Das Metall war billig, leicht zu beschaffen und konnte noch mit dem stumpfesten Griffel beschrieben werden. War das vollbracht, faltete man das Blättchen mehrfach zusammen oder durchbohrte es mit einem Nagel – ein Analogiezauber, dem Voodoo vergleichbar.
Am Ende vergrub man das Päckchen da, wo die angerufene Macht die Botschaft am besten empfangen konnte. Wer Beistand von einer Unterweltgottheit suchte, deponierte sein Täfelchen an Gräbern, vorzugsweise von vorzeitig oder gewaltsam Verstorbenen, die noch frischen Groll gegen die Lebenden in sich trugen. Wer Hilfe von einer Quellgottheit benötigte, warf es in den Brunnen. Wer einen höheren Gott anrufen wollte, verbarg es im Mauerwerk oder unter der Schwelle eines Tempels.
Aus dem griechisch-römischen Mittelmeerraum, vor allem aber aus den Nordwestprovinzen kennen wir weit über 1000 solcher Stücke. Sie sind, neben den Graffiti von Pompeji, die authentischsten Stimmen, die aus der Antike zu uns sprechen.
Amulett aus Heliotrop mit eingeritzten magischen Namen und einer Löwenkopfschlange (3./4. Jahrhundert). · Foto: Bridgeman Images / Christie‘s Images
Das Opfer der Verwünschung ist eindeutig zu identifizieren
Jeder Fluch folgt einem festen Schema. Eine Gottheit wird angerufen, das Opfer mit Namen und Mutternamen identifiziert – die Mutterlinie galt als magisch zuverlässiger als die Vaterlinie –, eine Bindeformel ausgesprochen. Erst dann folgte, was man sich von der überirdischen Macht erhoffte.
Oft stehen am Anfang oder Rand sogenannte characteres, magische Zeichenfolgen aus Buchstaben oder Pseudobuchstaben, deren Bedeutung auch der Verfasser nur selten kannte. Entscheidend war, dass die Götter sie lesen konnten. Bei längeren Texten wuchert das schlechte Vulgärlatein üppig, manchmal ist es mit Griechisch durchsetzt. „Defigo“, „ich binde“, ist die formelhafte Eröffnung, von der die ganze Gattung ihren Namen hat: defixiones.
Das Themenspektrum ist so bunt wie das Leben selbst. Im englischen Bath, dem antiken Aquae Sulis, hat man bis heute über 130 Tafeln aus der heißen Quelle der Göttin Sulis Minerva geborgen, die allermeisten von Bestohlenen, die um Kompensation für den entwendeten Mantel, den verlorenen Silberring, das geraubte Bronzegefäß nachsuchten.
Der Gegner beim Wagenrennen soll Achsbruch erleiden
Die Lektüre ist ein Eintauchen in die Rubrik „Vermischtes“ der Provinz Britannia. Aus dem nordafrikanischen Hadrumetum stammen Flüche von regelmäßigen Besuchern der Wagenrennen. Sie erbitten, dass die Gespanne des gegnerischen Rennstalls Achsbruch und alle möglichen anderen Kalamitäten erleiden mögen. In Karthago wünschte ein Händler seinem Konkurrenten den Bankrott an den Hals. Aus Athen und Selinunt stammen Prozessflüche schon des 5. und 4. Jahrhunderts v. Chr. Hier wird der Wunsch artikuliert, die Anwälte der Gegenseite mögen Zunge und Gedächtnis verlieren.
Fluchtäfelchen aus Blei (1. Jahrhundert) mit lateinischem Text. Meist wurden sie vor dem Hinterlegen an einem für geeignet gehaltenen Ort gefaltet oder gerollt. · Foto: akg-images / Mondadori Portfolio / Electa / Soprintendenza Specialeper i Beni Archeologici di Roma – Courtesy of MiC
Vor allem aber geht es um Liebe, viel Liebe, und das in einer Direktheit, die den schönsten Schnulzenroman übertrifft. „Bring sie mir, lass sie nicht schlafen, lass sie weder essen noch trinken, bis sie zu mir kommt“, hauchte ein Schmachtender. Hunderte solcher Texte aus Ägypten, Sizilien, dem griechischen Osten erflehen von Totengeistern und Dämonen, was intensives Werben nicht zu leisten vermocht hat.
In Deutschland ist der spektakulärste Fund 1999 unter dem Mainzer Stadttheater gelungen, im Heiligtum der Isis und der Magna Mater. Mehr als 30 Bleitafeln lagen dort, in Opferschächten verborgen, die meisten niedergelegt zwischen den Jahren 70 und 130. Manche Tafel greift zu drastischen Analogien: „Mater deum, te rogo … sic illa tabescat quomodo sal et aqua“ – „Große Mutter, ich bitte dich … so soll sie dahinschwinden wie Salz und Wasser“.
Andere wünschen einem Spitzel namens Quintus oder einem säumigen Schuldner, dass Zunge, Hände und Geschäft erstarren mögen wie das Blei in der Erde. Die Priester der Magna Mater nahmen die Tafeln offenbar entgegen, legten sie ihren Göttinnen vor und vergruben sie in geweihten Schächten. Das Heiligtum war damit nicht nur Ort frommer Verehrung – es war auch Beschwerdestelle.
Schadenszauber war eigentlich verboten. Bereits das Zwölftafelgesetz, das früheste römische Gesetzeswerk aus der Mitte des 5. Jahrhunderts v. Chr., bedroht „qui malum carmen incantasset“ – „wer einen üblen Spruch gegen einen anderen gesungen hat“ – mit drakonischen Strafen. Die „lex Cornelia de sicariis et veneficiis“ des Diktators Sulla sah 81 v. Chr. dasselbe vor: Wer Substanzen, Sprüche oder Tafeln gegen einen Mitmenschen einsetzte, machte sich strafbar. Mit der Wirksamkeit von Magie war stets zu rechnen. Das wusste auch der Staat.
An die Göttin Magna Mater wendeten sich die Römer nicht nur, um Schutz zu erbitten, auch bei der Verwünschung missliebiger Zeitgenossen sollte sie helfen (Bronzestatuette, 2./3. Jahrhundert). · Foto: Interfoto / Hermann Historica GmbH
Defixiones sind weit verbreitet
Wer gebrauchte die Fluchtäfelchen? Die Antwort ist ernüchternd für jeden, der das Geschäft mit der Magie reflexhaft der Unterschicht und dem Aberglauben zuordnen möchte. Die defixiones stammen aus allen Schichten der römischen Gesellschaft. Sklaven beauftragten Schreiber, Senatoren nahmen selbst den Griffel in die Hand, Frauen bestellten Liebesflüche, Konkurrenten geschäftliche Bindezauber.
In Bath wirft die Witwe ihren Ring in die Quelle, in Mainz lässt der bestohlene Händler seine Bleitäfelchen vergraben, in Karthago der Anwalt eine kunstvoll formulierte Verfluchung des Prozessgegners. Das Material leuchtet das dunkle Rom aus – in all seinen Facetten.
Schwieriger zu beantworten ist die Frage nach der religiösen Verortung der magischen Praktiken. Wer hier eine Linie zwischen „richtiger“ Religion und magischem „Aberglauben“ ziehen will, denkt an der Antike vorbei. Den Römern war diese Grenze fremd. Religio und magia gehörten beide in den weiteren Kosmos der Kommunikation mit höheren Mächten.
Der Unterschied bestand allenfalls darin, dass eine Form staatlich anerkannt und im Festkalender vermerkt war, während die andere im Verborgenen ihre Blüten trieb. Die Götter der Fluchtafeln sind dieselben, die an offiziellen Festtagen vor den Tempeln verehrt wurden: Pluto und Persephone, die Magna Mater und Isis, Mars und Sulis Minerva. Die Bittenden traten nur ohne den festlichen Rahmen kommunaler Kultpraktiken vor sie hin, ohne Priester, ohne Brimborium – als Einzelne, mit einem privaten Anliegen, das in der offiziellen Religion keinen Platz fand.
Genau das war der Sinn und Zweck. Das offizielle Rom kannte keine Staatsanwaltschaft, die dem ausgeraubten Bürger zu seinem Recht verholfen hätte. Es kannte kein Familiengericht, das der vom untreuen Gatten verlassenen Familie Alimente zugesprochen hätte. Es kannte keine Polizei, die dem unlauteren Konkurrenten einen Platzverweis erteilt hätte. Die Lücke füllten die Bleitäfelchen. Die defixio war sozusagen der private Sektor der römischen Religion: rituelle Selbsthilfe in Fällen, in denen das Gemeinwesen versagte oder sich für unzuständig erklärte.
Damit schließt sich der Kreis zum Schlafzimmer des Plautius Silvanus. Wer Apronia aus dem Fenster gestoßen hatte, war eine Frage des Strafrechts. Wer ihm dabei den Verstand geraubt hatte, eine Frage der Magie. Beide hatten in Rom in ein und demselben Weltbild Platz. Venenum und carmen waren die zwei Hände, mit denen das Imperium nach dem griff, was sich seinen Gesetzen entzog. Niemand, weder Kaiser noch Krämer, konnte sich sicher sein, dass sein Wein nicht versetzt und sein Name nicht in Blei geritzt war. Es musste nicht immer eine vergiftete Schale sein. Manchmal genügte auch ein Täfelchen.
PROF. DR. MICHAEL SOMMER
lehrt Alte Geschichte an der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg.
Literatur
Michael Sommer, Dark Rome. Das geheime Leben der Römer. München 2022.
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