DAMALS: Seit wann beschäftigt Sie die Persönlichkeit Wallenbergs?
Walter Kohl: Schon in der Schule interessierte ich mich sehr für den Zweiten Weltkrieg. Dabei stieß ich zufällig auf Raoul Wallenberg.
DAMALS: Was hat Sie an ihm besonders beeindruckt?
Seine Entscheidungen. Seine Klarheit, sein Mut, seine Überzeugungskraft. Wallenberg lebte als junger Mann aus wohlhabender Familie im neutralen und friedlichen Schweden. Draußen im übrigen Europa tobte der Zweite Weltkrieg. Im Sommer 1944, auf dem Höhepunkt des Krieges, ging er freiwillig in die Hölle des Holocaust, um Menschen zu retten, die ihm fremd waren. Ich finde das einfach unfassbar.
DAMALS: Wissen wir, was den schwedischen Geschäftsmann Wallenberg dazu bewogen hat?
Nur er kennt seine Motive. Aber sind die Motive wichtig? Ich denke nein. Entscheidend ist doch, was er getan hat – und das spricht für sich.
DAMALS: Gibt es etwas, was ihn von anderen Rettern, denken wir an Oskar Schindler, unterscheidet, seinen Fall möglicherweise einzigartig macht?
Viele Menschen haben sich in oft außergewöhnlicher Weise um Verfolgte und Opfer des Nationalsozialismus verdient gemacht. Auf keinen Fall sollte man Vergleiche zwischen ihnen anstellen. Denn wie das Sprichwort sagt: Jeder Mensch, der ein Leben rettet, rettet zugleich die ganze Welt. Wenn es etwas gibt, was Wallenbergs Fall ungewöhnlich erscheinen lässt, dann ist es der Umstand, dass er von außen, also aus der Sicherheit eines neutralen Schweden, in das von Deutschen besetzte Budapest reiste.
DAMALS: Wie würden Sie Wallenbergs Persönlichkeit und Wirken in zwei, drei Leitgedanken zusammenfassen?
In meinen Augen war Wallenberg ein Gigant der Menschlichkeit. Er war ein Überzeugungstäter der Nächstenliebe.
DAMALS: Das große Rätsel in Wallenbergs Biographie ist seine Inhaftierung im Januar 1945 und sein jahrzehntelang ungeklärtes Schicksal. Haben Sie eine Vorstellung, was die Sowjetunion bewogen haben könnte, einen schwedischen Diplomaten zu verschleppen?





