Michael Borgolte nutzt die Epochenbezeichnung „Mittelalter“ zunächst ganz pragmatisch. Am Ende seines Buchs steht dann das selbstbewusste Bekenntnis, dass der Begriff Mittelalter nicht mehr länger eine abgewertete Epoche in europäischen Traditionen, sondern den Ausschnitt eines Jahrtausends im universalen Kontinuum der Zeit meint. Borgoltes unbändige Neugierde führt zu einem Werk, das die Grenzen der eigenen Forschungsexpertise überwindet und viele Spezialstudien anderer zu einer eigenen monumentalen Synthese nutzt.
Sie beginnt mit den beiden Amerikas und den Welten des Pazifiks im mittelalterlichen Jahrtausend, um die europäisch-afrikanisch-asiatische Ökumene in die Wirklichkeiten der Fremde einzufügen. Zur Aneignung solcher Vielfalt wird in immenser intellektueller Disziplin eine große Zahl von Forschungen zu allen Kontinenten dieser Erde zu einem Ganzen verwoben. Das alles ist in fast 3500 Anmerkungen und einem großen Literaturverzeichnis dokumentiert, Gelehrsamkeit als Fundament für den stimulierenden und weiten Blick auf die ganze Welt in 1000 Jahren.
Im Zentrum steht Eufrasien, also die Dreiheit der aus der Antike bekannten Kontinente Europa, Afrika und Asien. Diese Ökumene bildet die größte und kompakteste Welt des Mittelalters. Gut komponierte Karten zeigen die Macht der Verflechtungen und die verblüffenden Öffnungen der Perspektiven, die in drei großen Zugängen beschrieben werden. Am Anfang stehen die Räume von Kommunikation und Politik sowie die integrierenden Impulse der Imperien, welche Globalisierung (damals wie heute) als Gewaltgeschichte betrieben.
„Religionen sind gemeinschaftsbildend.“ Mit dem Bekenntnis zur sozialen Kraft des Glaubens beginnt das größte Kapitel des Buchs über die Beziehungsnetze der Religionen. Es räumt mit alten Vorstellungen auf, dass sich an den Rändern der Kontinente besondere Eigenständigkeit erhalten hätte. Vielmehr prägten von Japan bis Irland überseeische Migrationen das Hoffen auf Transzendenz. Auf „nassen Seidenstraßen“ bahnten sich viele Menschen und Ideen ihre Wege.
Im dritten Zugang geht es um den Fernhandel mit seinen wiederholt abreißenden und neu geknüpften Verbindungen. Handelsnetze wurden erweitert oder zerschnitten. Im Lauf des Mittelalters entstanden interagierende Netzwerke. Und am Ende eröffnete eine globale Entgrenzung den Westeuropäern ihre Zugriffe auf die ganze Erde. In den letzten Jahren wurde viel über Globalgeschichte diskutiert. Michael Borgolte hat eine solche geschrieben. Es ist ein herausragendes Buch.
Rezension: Prof. Dr. Bernd Schneidmüller
Michael Borgolte
Die Welten des Mittelalters
Globalgeschichte eines Jahrtausends
Verlag C. H. Beck, München 2022, 1102 Seiten, € 48,–





