Gräber sind Gedächtnisorte. Als im Jahr 1165 Friedrich I. im Rahmen der Heiligsprechung Karls des Großen dessen Gebeine aus dem Sarkophag, in dem diese 352 Jahre geruht hatten, erheben und vor dem Volk zur Schau stellen ließ, da wollte er sich in die Nachfolge des großen Herrschers stellen, sein politisches Handeln als „neuer Karl“ legitimieren und ein papstunabhängiges Kaisertum begründen. Dem politischen Totenkult, der sich so trefflich zur Indienstnahme der Vergangenheit für die Interessen der Gegenwart eignet, hat Olaf B. Rader, Kulturhistoriker an der Berliner Humboldt-Universität, ein spannendes, glänzend geschriebenes Buch unter dem Titel „Grab und Herrschaft“ gewidmet. Der weite Bogen reicht von Alexander dem Großen, Otto III., Barbarossa und Napoleon bis zu Carl Maria von Weber und Lenin. Schade allerdings, daß Bader die Gräber von Frauen gänzlich ausspart. Das ist von der Sache her nicht begründet, denn auch die Gräber von Herrscherinnen konnten symbolträchtig sein; nicht zufällig hat Wilhelm I. von Preußen am Grab seiner Mutter, der Königin Luise, gekniet, bevor er gegen Frankreich zog. Doch nicht immer traf Verehrung die Verstorbenen, zuweilen wurden deren Leichname symbolisch bestraft, etwa in Prozessen postum verurteilt wie Papst Formosus (891– 896) oder unter einer Bürotoilette im Palast verscharrt, wie es Haile Selassie erging.
Rezension: Rader, Olaf B.





