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Großmächte leisten Geburtshilfe
Dem Osmanischen Reich gelang es nicht, den Aufstand niederzuschlagen. Doch bald stritten die Griechen untereinander. Es kam zum Bürgerkrieg. Am Ende sicherten europäische Großmächte die Unabhängigkeit Griechenlands.
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Auf die militärischen Anfangserfolge der aufständischen Griechen im Frühjahr und Sommer 1821 folgten schon sehr bald erste Ansätze zur Staatsbildung in den von ihnen kontrollierten Gebieten. Das zeigte sich in der Erlassung einer Reihe von Lokalverfassungen, die bis Ende des Jahres jeweils auf der Peloponnes, dem östlichen und westlichen Festland sowie auf den Inseln Kreta und Samos ausgearbeitet wurden.
Als Dokumente der Selbstlegitimierung revolutionärer Staatsmacht dienten sie in erster Linie praktischen Zwecken, die vor allem darin bestanden, Rechtsgrundlagen für die Erhebung von Steuern und die Rekrutierung von Soldaten zu liefern. Darüber hinaus waren sie aber auch Entwürfe, in denen die Aufständischen ihre Vorstellungen von einem künftigen Staatswesen konkretisierten.
Im Januar 1822 wurde in Epidauros (heute Epidavros) die erste gesamtgriechische Verfassung verabschiedet. Das Dokument markierte einen wichtigen Schritt in der Entwicklung der Revolte zur nationalen Erhebung. Sie enthielt auch die erste offizielle Selbstbezeichnung der Aufständischen als „Hellenen“. Es ist jedoch bezeichnend, dass die Lokalverfassungen dabei vorerst nicht annulliert wurden und auch die lokalen Revolutionsregierungen, die sie erlassen hatten, teilweise noch Jahre fortbestanden.
Die Konflikte unter den Aufständischen treten immer deutlicher zutage
Das belegt die starken Partikularkräfte, die den griechischen Unabhängigkeitskrieg in seinem gesamten Verlauf prägten und die ihn sogar wiederholt an den Rand des Scheiterns brachten. Tatsächlich waren die Gebiete, die am Ende das unabhängige Griechenland bildeten, nur hinsichtlich ihrer geographischen Nachbarschaft zusammengehörig. Ansonsten blickten sie auf sehr verschiedene historische Entwicklungen zurück und wiesen ebenso unterschiedliche Gesellschaftsprofile auf.
Das betraf die Peloponnes, das mittelgriechische Festland sowie die Ägäisinseln als drei Hauptregionen mit jeweils spezifischen Eliten- und Klientelstrukturen. Auf der Peloponnes dominierten grundbesitzende Notabeln, die sogenannten Kotsampasides, die als fester Bestandteil der osmanischen Herrschaft Privilegien genossen hatten. Diese wollten sie im Rahmen des Aufstands ebenso verteidigen wie die Besitzverhältnisse an Grund und Boden, auf denen ihre Führungsstellung beruhte.
Die Kotsampasides hegten zwar durchaus den Wunsch nach nationaler Unabhängigkeit, bezogen diesen aber eigentlich nur auf ihre unmittelbare Heimat diesseits des Isthmus von Korinth. Das gilt auch für die faktisch autonome Halbinsel Mani. Aufgrund ihrer unzugänglichen Lage war sie ein traditioneller Zufluchtsort für Räuberbanden (sogenannte Klephten), die sich aus verschiedenen Gründen vor dem Zugriff der osmanischen Justiz in die Berge zurückgezogen hatten. Sie stellten in der Anfangsphase des Kriegs ein wichtiges militärisches Potential dar.
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Auf dem mittelgriechischen Festland, das im Unterschied zur Peloponnes von kleinteiligem Grundbesitz, schwacher Urbanisierung und schlechter Anbindung an den überregionalen Handel geprägt war, spielten zivile Eliten nur eine untergeordnete Rolle. Hier dominierte eine Schicht militärischer Anführer von irregulären Kämpfern, die sogenannten Armatolen.
Dabei handelte es sich um christliche Milizen, die von den Osmanen als Pass- und Flurwächter eingesetzt wurden, dabei aber weitgehend autonom agierten und im Übrigen fließende Übergänge zu den Räuberbanden aufwiesen, mit deren Bekämpfung sie eigentlich beauftragt waren. Für sie bedeutete der Ausbruch des Unabhängigkeitskrieges keinen radikalen Bruch mit der alten Ordnung, sondern nur einen etwas veränderten Rahmen für die Fortführung ihres traditionellen Gewerbes als unabhängige Gewaltunternehmer.
Kontakt zum Westen Europas weckt das Bedürfnis nach moderner Staatlichkeit
Auf den Ägäisinseln, die von allen drei Regionen seit dem 18. Jahrhundert den stärksten Wirtschaftsaufschwung und den größten demographischen Zuwachs erlebt hatten, dominierten wiederum Schiffseigner und Kapitäne, die sich erfolgreich im Seehandel betätigt und dabei beträchtliche Privatvermögen aufgebaut hatten, mit denen sie den Seekrieg finanzieren konnten. Sie verbanden den Aufstand nicht zuletzt mit dem Wunsch nach moderner und effizienter Staatlichkeit, wie sie diese aus ihren Kontakten mit Westeuropa kannten. Ihre auf solchen Erfahrungen begründete Mentalität könnte man im weiteren Sinne als bürgerlich bezeichnen.
Darin hatten sie Berührungspunkte mit der kleinen, aber wichtigen Gruppe gebildeter Griechen aus den osmanischen Metropolen und der europäischen Diaspora, die nach Griechenland gekommen waren, um am Aufstand mitzuwirken. Sie übernahmen wichtige organisatorische wie auch diplomatische Funktionen. Als Zugereiste ohne eigene Hausmacht wurden sie von den einheimischen Eliten aber oftmals als unliebsame Konkurrenz um öffentliche Ämter und Posten angesehen.
Neben den genannten Gruppen erlangten auch Personen Einfluss, die sich erst während des Aufstands als Anführer von Freischärlern profiliert hatten. Ihr politisches Gewicht beruhte auf einer Kombination von militärischem Prestige und persönlichem Charisma.
Zum Verständnis derartiger Karrieren ist zu bedenken, dass der griechische Unabhängigkeitskrieg weitgehend von irregulären Truppen getragen wurde. Diese unterstanden keinem zentralen Kommando, ihr Zusammenhalt beruhte allein auf der persönlichen und daher wechselhaften Loyalität der Mannschaften gegenüber ihren Anführern.
Ein zeitgenössischer Beobachter aus Deutschland beschrieb diese Konstellation folgendermaßen: „Jeder dieser Chefs ist nach Art der Condottieri, für sich unabhängig, und wandert mit seinem Häuflein, oft nicht mehr als 10 bis 12 Mann stark, wie eine herumziehende Schauspielergesellschaft, bald an diesen bald an jenen Ort, je wo er glaubt, dass es ihm mehr Vortheil bringe. … Der einzelne Palikar [Kämpfer] wiederum ist ebenso unabhängig, und läuft stets demjenigen Chef zu, welcher den meisten Sold bezahlt, oder die grösste Aussicht auf Beute und Plünderung verspricht, denselben mit Schimpfreden und Drohungen überhäufend, wenn er ihn in seinen Hoffnungen täuscht.“
Immerhin gelang es 1822 mit solchen Truppen, den ersten großen Gegenschlag der Osmanen abzuwehren und so den Aufstand vor einem frühen Scheitern zu bewahren. Wie auch bei anderen Erhebungen erließ Konstantinopel die üblichen Aushebungs- und Marschbefehle an die regionalen Paschas. Von Epirus aus brach ein Heer unter Führung von Reşid MehmedPascha Kütahı (1780–1836) nach Süden in Richtung der westmittelgriechischen Stadt Mesolongi (Mesolongion) auf. Von Thessalien aus zog Mahmud Dramali Pascha (1770–1822) mit einer Armee in Richtung Peloponnes.
Schon zuvor war die Kriegsflotte in die Ägäis entsandt worden. Auf ihrem Weg dorthin besetzte sie die Insel Chios und richtete ein Massaker unter der Bevölkerung an. In der europäischen Öffentlichkeit löste dies große Empörung aus und verstärkte die Welle der Solidarisierung mit den Griechen.
Osmanische Gegenoffensive verliert schnell an Schwung
Von den drei Angriffskeilen, die sich damit gegen den Aufstand richteten, erreichte jedoch am Ende keiner sein Operationsziel. Das Heer aus Epirus belagerte Mesolongi ohne Erfolg und musste sich nach einem gescheiterten Sturmangriff demoralisiert zurückziehen.
Das Heer aus Thessalien erreichte im Sommer 1822 ohne nennenswerten Widerstand die Peloponnes und stieß bis Argos vor. Doch dort wurde es vom Nachschub abgeschnitten und erlitt schließlich in der Dervenakia-Schlucht bei Korinth eine vernichtende Niederlage gegen griechische Freischärler unter Führung von Theodoros Kolokotronis (1770–1843).
Gegen die vor Chios ankernde Kriegsflotte starteten die Aufständischen verheerende Angriffe mit Brandschiffen, bei denen sogar das Flaggschiff zerstört und der befehlshabende Admiral getötet wurde. Ein Teil der verbleibenden Schiffe segelte daraufhin in Richtung Peloponnes, wurde aber von den Flotten der Inseln Hydra und Spetses gestellt und – ebenfalls mit Brandschiffen – schließlich zum Rückzug in die Dardanellen gezwungen.
Mit dem Scheitern der drei Offensiven hatte die Hohe Pforte ihre militärischen Möglichkeiten Ende 1822 bis auf weiteres ausgespielt. Doch nun brachen bei den Aufständischen interne Konflikte auf, die sich 1823/24 sogar in zwei aufeinander folgenden Bürgerkriegen entluden.
Die im Januar 1822 proklamierte Verfassung von Epidauros hatte die französische Direktoriumsverfassung von 1795 zum Vorbild und war vom Gedanken einer möglichst straffen Kontrolle staatlicher Zentralgewalt geprägt, die sie auf zwei einander gleichgestellte Gremien, das „parlamentarische“ (Vouleftikon) und das „ausführende“ (Ektelestikon), verteilte.
Für ein effizientes Regierungshandeln erwies sich jedoch das, was seinerzeit schon in Frankreich gescheitert war, als massives Hindernis. Um dies im Sinne einer Zentralisierung zu korrigieren trat 1823 eine zweite Nationalversammlung in Astros zusammen, welche die Stärkung der Rechte des parlamentarischen Gremiums zu Lasten des ausführenden beschloss.
Während ersteres von den zivilen Eliten kontrolliert wurde, dominierten im letzteren die Militärs, die dadurch an Einfluss verloren, sich mit dieser Zurücksetzung aber nicht abfanden und eine eigene Regierung bildeten. Im November 1823 brachen offene Kämpfe zwischen beiden Seiten aus, welche das Regierungslager erst im Juni 1824 für sich entscheiden konnte.
Im darauffolgenden zweiten Bürgerkrieg vom November/Dezember 1824 traten die Konfliktlinien entlang der landsmannschaftlichen Zugehörigkeit der Aufständischen auf. Den Auslöser lieferten diesmal die Peloponnesier, die sich in der mittlerweile von Insulanern und Mittelgriechen dominierten Regierung politisch unterrepräsentiert sahen und ihr die Loyalität aufkündigten.
Die Regierung entsandte im Gegenzug Truppen, die aus einer Koalition mittelgriechischer Warlords unter Ioannis Kolettis (1774–1847) bestanden und die die westliche Halbinsel in einem beispiellosen Plünderungsfeldzug verwüsteten.
Ein ägyptisches Korps rettet den Sultan vor der Blamage
Im Februar 1825 landete bei Navarino (Pylos) im Südwesten der Peloponnes ein etwa 17 000 Mann starkes Expeditionskorps aus Ägypten, dessen Vizekönig damals nur noch unter formaler osmanischer Oberherrschaft stand und dem die Pforte als Belohnung für seine Waffenhilfe die Insel Kreta und die Peloponnes versprochen hatte.
Dieser Streitmacht, die zudem nach europäischen Standards ausgebildet und ausgerüstet war, hatten die Griechen mit ihren Freischärlern nichts entgegenzusetzen. Die Ägypter brachten in kurzer Zeit einen großen Teil der Peloponnes unter ihre Kontrolle.
Mittlerweile hatten die Osmanen auch die Belagerung von Mesolongi wieder aufgenommen, die diesmal erfolgreicher verlief. Nach Einnahme dieser strategischen Schlüsselstellung im April 1826 eroberten sie in kurzer Zeit auch das mittelgriechische Festland zurück. Im Juli des Jahres erreichten sie Athen, wo sie die Akropolis belagerten. Die Griechen kontrollierten – abgesehen von einigen Inseln – nur noch ein kleines Gebiet im Nordosten der Peloponnes um die Stadt Nauplia (Nafplio), dem Sitz der Aufstandsregierung.
Die vollständige Niederlage schien damit nur noch eine Frage der Zeit zu sein. Doch gerade die katastrophalen militärischen Rückschläge der Aufständischen läuteten eine entscheidende politische Wende zu ihren Gunsten ein. Nun griffen die europäischen Großmächte in das Geschehen ein.
Bereits am 4. April 1826, also wenige Tage vor dem Untergang von Mesolongi, hatten Großbritannien und Russland in St. Petersburg ein Protokoll unterzeichnet, in dem sie alsVermittler für die Schaffung eines autonomen griechischen Staates unter osmanischer Oberhoheit auftraten. Das Protokoll wurde im Jahr darauf durch eine entsprechende Vereinbarung mit Frankreich ergänzt und markiert den Positionswechsel der europäischen Großmächte von interessierten Beobachtern zu Akteuren.
1828 machte das Bündnis ernst: Zuerst übernahmen britische Offiziere den Oberbefehl über die Land- und Seestreitkräfte der Griechen, und im Oktober desselben Jahres versenkte ein vereinigtes britisch-französisch-russisches Geschwader die ägyptische Expeditionsflotte in der Bucht von Navarino. Russland zwang den Osmanen 1829 in Adrianopel einen Friedensvertrag auf, der die Autonomie Griechenlands nach dem Vorbild Serbiens vorsah.
Die europäische Intervention beförderte auch eine politische Konsolidierung des Aufstands im Inneren. 1827 war eine weitere Nationalversammlung in Troizina (Trizina) zusammengetreten. Diese verabschiedete eine neue, deutlich ausgereiftere Verfassung, deren Beispielwirkung bis in die Zeit nach Erlangung der Unabhängigkeit hineinreichen sollte.
Die Versammlung wählte Ioannis Kapodistrias (1776–1831) zum Regenten Griechenlands mit einer siebenjährigen Amtszeit. Der aus Korfu stammende Kapodistrias hatte als Diplomat im Dienst des Zarenreichs Karriere gemacht und war unter anderem Chef der russischen Delegation auf dem Wiener Kongress von 1815 gewesen.
Zu Beginn des Jahres 1828 leitete Kapodistrias ein Aufbauprogramm ein, das nahezu alle Bereiche von Staat, Wirtschaft und Gesellschaft betraf. Es umfasste zentrale Aspekte wie die Verwaltungsgliederung des Staatsgebiets, die Vereinheitlichung der Rechtsprechung, die Schaffung eines professionellen Militärs, die Modernisierung der Landwirtschaft, die Einführung einer Landeswährung, aber auch den Aufbau eines staatlichen Bildungswesens und sogar Ansätze einer öffentlichen Sozialfürsorge. Vieles davon wurde später von der bayerischen Regentschaft aufgegriffen und mit größerem Erfolg umgesetzt als Kapodistrias beschieden war, der zur Verwirklichung seines Programms allerdings auch auf kaum mehr als fachliche Kompetenz und persönliches Ansehen zurückgreifen konnte.
Doch Kapodistrias machte sich durch seine rigide Modernisierungspolitik und seinen autoritären Regierungsstil viele Feinde. Im Oktober 1831 fiel er einem Attentat zum Opfer. Es war ein Racheakt von Angehörigen eines mächtigen Familienklans auf der Halbinsel Mani. Die Attentäter konnten auf die wohlwollende Zustimmung von Seiten Großbritanniens und Frankreichs zählen, da diese den russischen Einfluss auf Griechenland eindämmen wollten, als dessen Vertreter sie Kapodistrias ansahen.
Es gibt kein zurück mehr: Griechenland bleibt unabhängig
Nach der Ermordung von Kapodistrias brachen zunächst erneut interne Kämpfe zwischen verfeindeten Fraktionen aus, die das Land in einen weiteren Bürgerkrieg stürzten. Doch die europäischen Großmächte betrachteten die Unabhängigkeit Griechenlands zu diesem Zeitpunkt als beschlossene Sache. Sie hatten sich im Londoner Protokoll vom Februar 1830 auf die Gründung eines souveränen Staates verständigt, der eine Erbmonarchie mit europäischer Dynastie sein sollte – ein Gedanke, den schon die Aufständischen in einer ihrer Lokalverfassungen von 1821 geäußert hatten.
Als König bestimmte man im Londoner Vertrag vom Mai 1832 den damals noch minderjährigen Otto von Wittelsbach (siehe Artikel Seite 36). Großbritannien, Frankreich und Russland erklärten sich zugleich zu Garantiemächten des neuen Staats. Die Wahl Ottos wurde von einer griechischen Nationalversammlung, die im Vormonat in Argos zusammengetreten war, einstimmig bestätigt.
Als das Parlament jedoch kurz darauf die Ausarbeitung einer neuen Verfassung ankündigte, sorgten die konsularischen Vertreter der Großmächte für dessen Auflösung, womit sie zugleich das letzte noch verbliebene politische Repräsentationsorgan des Aufstands von 1821 beseitigten.
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