Mit dem Titel des Buchs bezieht der Autor Jonathan Wright sogleich Position: Er betrachtet Gustav Stresemann als Deutschlands bedeutendsten Politiker der 20er Jahre. Damit grenzt er sich von Kritikern ab, die Stresemann zum Vorwurf machen, daß er im Kaiserreich am imperialen Gebaren der „Weltpolitik“ nichts Anstößiges fand und im Weltkrieg die Monarchie nicht verdammte. Wright erklärt den Erfolg Stresemanns mit seiner Herkunft aus dem wilhelminischen Justemilieu, das ihm nach dem Ersten Weltkrieg die Zustimmung von vielen Seiten einbrachte, auch außerhalb seiner Partei. Zudem war er um 1900 unter den Einfluß des liberalen Politikers Friedrich Naumann geraten, der seine Billigung des Imperialismus im Kaiserreich mit der Vorstellung eines liberalen Parlamentarismus und der Forderung nach Sozialreform verband. Daraus formte sich Stresemanns Profil. Stresemann mußte sich nach 1918 mit der Niederlage des Kaiserreichs abfinden, die außenpolitischen Konsequenzen akzeptieren und die republi‧kanische Verfassung billigen. Da er seinen nationalen Grundüberzeugungen verhaftet blieb, konnte er das staatliche Interesse Deutschlands und die Bindung an Weimars politische Ordnung überzeugender als viele andere Politiker verkörpern. Stresemann war liberal genug, um das System der Republik mit der liberalen Ordnung nach westlichem Muster zu akzeptieren. Er war national genug, um seine Haltung mit der antiwestlichen, antiliberalen Zeitstimmung zu einem Profil eigener Art zu verbinden. Das macht seine Bedeutung aus. Wright beschreibt Stresemanns Entwicklung aus kleinbürgerlichen Anfängen. Durch den Weltkrieg führte der Weg des ehrgeizigen jungen Mannes über die Kämpfe um die Neugestaltung der liberalen Parteien 1918/19 zum Aufstieg in der Deutschen Volkspartei (DVP). Während der Ruhrbesetzung 1923 war er einige Monate Reichskanzler. Erst danach, bis zu seinem frühen Tod im Oktober 1929, wurde er als Außenminister zu „Weimars größtem Staatsmann“. Der Locarno-Vertrag von 1925 brachte den Ausgleich mit den Westmächten, die Aufnahme in den Völkerbund 1926 beendete Deutschlands moralische Zurücksetzung durch den Versailler Vertrag. Die Regelung der Reparationen 1924/1928 trug dazu bei, das Reich im Kreis der Großmächte zu stabi‧lisieren. 1927 wurde ihm und Aristide Briand der Friedensnobelpreis zugesprochen als Würdigung dieser Verständigungspolitik. Wright wirft die Frage auf, ob Stresemann Hitler hätte verhindern können, wenn er nicht allzu früh verstorben wäre. Das muß offenbleiben. Allerdings begann Hitler 1933 sogleich damit, das Lebenswerk Stresemanns mit brutaler Entschiedenheit zu zerstören. Dieses Buch ist aus der Überzeugung geschrieben, daß Männer Geschichte machen. Machtstrukturen und die gesellschaftlichen Bedingungen von Politik kommen kaum vor. Eine lesenswerte Geschichte bietet die gut erzählte Darstellung dennoch allemal.
Rezension: Doering-Manteuffel, Anselm




