Gemäß der bekannten Floskel, die auf Karl V. gemünzt wurde, könnte man sagen, dass auch im Handelsreich der Fugger die Sonne nie unterging. Sie passten ihre Geschäftsmodelle in Windeseile an das anbrechende Zeitalter der Kolonialisierung an.
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Vor blauem Hintergrund, mit goldener Haube und in schlichtem, aber teurem Mantel porträtierte Albrecht Dürer den reichsten Mann seiner Zeit. Das Porträt Jakob Fuggers zeigt einen Mann, der entschieden und ruhig seinen Blick am Betrachter vorbei in die Ferne richtet.
Das Bild entführt uns in eine Welt im Aufbruch, in der ungeahnte finanzielle Möglichkeiten auf neue Gedanken und bislang für Europa unbekannte, nun erschließbare Weltgegenden trafen. Hier wurden die Grundsteine zur späteren Kolonialisierung gelegt, die zum transatlantischen Sklavenhandel und der Ausbeutung weltweiter Ressourcen führte. Dies war eine Welt der scharfen Gegensätze: Eine Faszination für das Neue und den extremen Luxus stand in hartem Kontrast zur ökonomischen Ausbeutung.
Auf dem Reichstag von Augsburg im Jahr 1518, auf dem die Vorzeichnungen zu besagtem Fugger-Porträt entstanden sein könnten, trafen sich der alternde Kaiser Maximilian I., der die Grundlagen für das habsburgische Weltreich des 16. Jahrhunderts durch die Sicherung der Nachfolge für seinen Enkel Karl (V.) legen wollte, Albrecht Dürer, dessen Kunst die neuen Ideen der Renaissance in der Malerei nördlich der Alpen endgültig etablierte, Martin Luther, der bereits hier nicht mehr zu einer Widerrufung seiner 95 Thesen zu bewegen war, und Jakob Fugger, der Finanzier, der ein Jahr später die Wahl Karls V. als Nachfolger Maximilians durch sein Geld sicherstellen sollte.
All dies geschah vor dem Hintergrund einer Welt, in der in rascher Folge Segelschiffe aus westeuropäischen Häfen die Routen über den Atlantik, den Indischen Ozean und den Pazifik erschlossen. In dieser frühen Phase der europäischen Expansion waren Kaufleute und Abenteurer aus dem Heiligen Römischen Reich ganz vorne dabei – und gerade die Fugger mit ihren weitreichenden Handelsinteressen standen hier nicht zurück. Mit allen guten und allen schlechten Seiten, die das beinhaltet, gehörten sie zu den Pionieren des Welthandels.
Den Europäern öffnet sich der Zugang zum Indischen Ozean
Die Welt des Handels hatte sich seit dem 15. Jahrhundert grundlegend verändert. Entlang der Westküste Afrikas war es den Portugiesen gelungen, nicht nur eine größere Anzahl an Handelsniederlassungen zu etablieren, sondern auch das Kap der Guten Hoffnung zu umrunden, womit sich für sie der Zugang zum Indischen Ozean eröffnete. Erste europäische Schiffe befuhren so um 1500 den direkten Seeweg nach Asien. Von dem Tiroler Balthasar Springer (gest. um 1510) hat sich ein Bericht über seine Teilnahme an der Expedition des Francisco de Almeida an Bord des Schiffs „S. Leonhard“ erhalten. Springer segelte 1505 von Antwerpen über Lissabon nach Kozhikode in Indien. Die Expedition etablierte die kolonialen Stützpunkte der Portugiesen in Indien, denen nun ein Vizekönig vorstand.
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Die Handelshäuser aus dem Heiligen Römischen Reich waren an diesen Entwicklungen direkt beteiligt: Das Unternehmen Francisco de Almeidas war auch mit Mitteln Augsburger Bankiers finanziert worden, sie wollten einen Fuß in den direkten Handel mit den begehrten Gewürzen Süd- und Südostasiens bekommen.
Etwa gleichzeitig begann die Erschließung der Amerikas. In rascher Folge gelangten nicht nur spanische Schiffe in die Karibik und an die Ostküste Südamerikas, sondern auch andere Königreiche schickten Expeditionen aus. So interessierte man sich schon jetzt in England für die Nordostküste Nordamerikas, die Sebastiano Caboto zu kartieren begann.
Schon die Namen der Kapitäne verraten es: Seeleute vor allem aus Genua und Venedig, den großen Seestädten Norditaliens, brachten ihre Expertise aus dem Mittelmeerraum in die Atlantikschifffahrt ein, auch wenn die Initiative für die Expeditionen von den großen europäischen Königreichen am Atlantik ausging. Dabei waren sie hier keine Neulinge: Schon 1291 war aus Genua eine Expedition der Gebrüder Vivaldi gestartet, die den Seeweg nach Asien über den Atlantik suchen wollte. Allerdings ging sie verschollen, was aber nur zeigt, wie grundlegend die „Entdecker“ des 15. und frühen 16. Jahrhunderts in einer mittelalterlichen Tradition standen.
Auch noch um 1500 suchte man eigentlich gar nicht eine neue Welt, sondern den Seeweg nach Asien. Das spiegelt sich direkt in den Waren wider, die man erwartete zu finden: Hatte Marco Polo nicht geschrieben, dass die Bewohner von Cipangu (Japan) über unerschöpfliche Vorräte an Gold verfügten? Und war Asien nicht als Herkunftsort von Gewürzen bekannt, deren Verkauf in Europa – vom Pfeffer bis zur Muskatnuss – erheblichen Gewinn einbrachte?
Das Gold aus Amerika weckt Begehrlichkeiten
Der von den Azteken durch Hernán Cortés und seine Konquistadoren erpresste, immense Goldschatz wurde nicht sofort eingeschmolzen, sondern vorher noch von Karl V. auf seinem Krönungszug durch das Reichsgebiet mitgeführt, um die neue Verfügungsgewalt über die Schätze Amerikas auch seinen künftigen europäischen Untertanen direkt vor Augen zu führen. Die Finanziers seiner Wahl, die Fugger, blieben von solchen Aussichten nicht unbeeindruckt.
Ihre Welt des vernetzten Handels wurde dabei nicht erst jetzt global, sondern setzte letztlich fort, was bereits im Spätmittelalter erprobt gewesen war. Oberdeutsche Händler investierten hier in Krokusknospen in Südeuropa, noch bevor dieser blühen und Safranfäden produzieren konnte – riskante Geschäftspraktiken wurden nicht erst in unserer Gegenwart erfunden.
Augsburger Familien wie die Rehlinger mehrten ihren Reichtum mit dem Handel asiatischer Gewürze und beteiligten sich dazu in der Ravensburger Handelsgesellschaft. Junge Kaufleute aus oberdeutschen Städten, allen voran aus Augsburg und Nürnberg, wurden nach Italien geschickt, damit sie die fremde Sprache und die Waren der Mittelmeerwelt kennenlernen konnten. Jakob Fugger war einer davon. Auf venezianischen Schiffen verzehrte man Stockfisch aus der Nordsee, und in den Minen Zentraleuropas wurden die Investitionen der oberdeutschen Bankhäuser mit Profiten belohnt. Dies war bereits eine global agierende Wirtschaftswelt, die nun neue Märkte integrierte. Die Fugger waren hier wie dort vorne dabei.
Zu Beginn des 16. Jahrhunderts kam es nun rasch zu einer Ausweitung der Handelsgüter. Vor allem die exotischen Pflanzen aus Amerika, die sich – wie die Kartoffel, die Tomate und der Mais – allmählich auch auf der Tafel durchsetzen sollten, wurden bald schon in Europa kultiviert.
Ganz besonderes Interesse erregten dabei Heilpflanzen, die als Medizinalien gehandelt wurden. So verwendete man das aus dem Karibikraum stammende Guajak-Holz gegen die Geschlechtskrankheit Syphilis, die seit Anfang des 16. Jahrhunderts in Europa um sich griff. Tiere wie Papageien, Affen und sogar Meerschweinchen trafen auf großes Interesse in Europa.
Neue, aus heutiger Sicht oft überraschende Luxusgegenstände wurden gehandelt, so etwa Kokosnüsse, Straußeneier und Nautilusschalen, aber auch Alltagsgegenstände und Waffen aus dem Besitz indigener Bewohner Südamerikas. Und während andere Pflanzen erst noch ihren Weg aus dem botanischen Garten auf die Teller der europäischen Haushalte finden mussten, gehörte Zucker, dem man übrigens auch eine positive medizinische Wirkung zuschrieb, in dieser Welt bereits zu den beliebten Produkten, und das noch bevor der Zuckerimport aus der Karibik zu einem der Eckpfeiler
des transatlantischen Dreieckshandels werden sollte.
Faszinierten diese neuen Produkte, die aus der Fauna und Flora Amerikas, Afrikas und Asiens stammten, die Menschen in Europa in besonderer Weise, so hatte das Unternehmen der Fugger doch auch ganz traditionell ein Auge für die Edelmetalle und die Gewürze, mit denen sich verlässlich Geld machen ließ.
Die Augsburger halten nun ein ganzes Weltreich am Laufen
Das Weltreich Karls V., in dem die Sonne nie unterging, wäre letztlich ohne die permanenten Geldflüsse, die die Fugger und andere Handelsgesellschaften gewährleisteten, nicht denkbar gewesen. Die enge Verbindung mit der Macht bedeutete aber auch, dass beide Seiten voneinander abhängig wurden: Das Unternehmen der Fugger musste hoffen, dass die Rückzahlungen der Habsburger nicht gänzlich ausblieben.
Ein solches Ereignis war im späten Mittelalter durchaus schon vorgekommen. Besonders spektakulär war der Fall des zahlungsunfähigen Königs Eduard III. (reg. 1327–1377) von England, der in den 1340er Jahren seine Schulden einfach nicht mehr beglich und so einen Bankrott der Florentiner Bankhäuser in Kauf nahm, die ihn im Krieg gegen den König von Frankreich unterstützt hatten. In der Folge begannen in Florenz die Medici, die der Finanzskandal des 14. Jahrhunderts weniger getroffen hatte, ihren steilen Aufstieg als europäische Banker.
Die Habsburger hatten jedoch kein Interesse daran, die Fugger fallen zu lassen, die ihre wichtigste Finanzquelle darstellten. Die Fugger waren – modern ausgedrückt – too big to fail, oder, wie man in der Finanzkrise nach 2008 auch sagte: systemrelevant. Und das führte für fast 200 Jahre zu einer unübersichtlichen, globalen Verflechtung auf vielen Ebenen, die die Fugger geschickt in ökonomische Chancen umwandelten.
Die Stationen des Handels sind in einer Miniatur verewigt
Ein gutes Beispiel dafür ist das System von Faktoreien, von Handelsniederlassungen des Familienunternehmens, das sie vor allem im europäischen Teil des Habsburgerreiches etablierten.
Der wichtigste Buchhalter Jakob Fuggers, Matthäus Schwarz, war ein Fashionista erster Güte und legte ein Buch an, das ihn in unterschiedlichster, modischer Kleidung darstellte. Auf Folio 28 dieses Werks ist die berühmte Darstellung von ihm und Jakob Fugger in der „Goldenen Schreibstube“ (siehe Abbildung Seite 29) der fuggerschen Handelsgesellschaft am Augsburger Rindermarkt eingefügt. Die beiden sind bei ihren täglichen Geschäften vor den Schubladen, die die wichtigsten Stationen ihres Handelsimperiums benennen, abgebildet: Rom, Venedig, Budapest und Krakau auf der einen, Mailand, Innsbruck, Nürnberg, Antwerpen und Lissabon auf der anderen Seite zeigen, wie breit dieses Augsburger Netzwerk aufgefächert war.
Die Verbindung nach Antwerpen, wo ein Beauftragter des portugiesischen Königs die Handelsverbindungen über die europäische Atlantikküste beförderte, und nach Lissabon zeigen, dass das junge portugiesische Kolonialreich mit seinen Verzweigungen nach Indien und Südostasien sowie Brasilien schon Anfang des 16. Jahrhunderts fester Bestandteil fuggerscher Handelsinteressen war.
Das in Europa geförderte Silber und Kupfer, über das die Fugger zeitweise fast monopolartig verfügten, gehörte zu den wenigen europäischen Produkten, die beim Handel mit Asien besonders gefragt waren. Die Fugger trugen also in entscheidendem Maße zum Erfolg Portugals bei der Etablierung der Handelsbeziehungen im Indischen Ozean bei. Allerdings monopolisierte der portugiesische König schon früh im 16. Jahrhundert den Handel und schloss so die Fugger zusammen mit den anderen oberdeutschen Investoren der Anfangszeit aus diesem gewinnversprechenden Geschäft weitgehend aus.
Nun wurden die von den Portugiesen gelieferten Gewürze aus dem Indischen Ozean gegen das Kupfer aus den alpinen und ungarischen Bergwerken der Fugger in Antwerpen verhandelt. Die Stadt im habsburgischen Flandern war im frühen 16. Jahrhundert rasch zu einem wichtigen Zentrum des globalen Handels in Europa aufgestiegen. Damit lieferten die Fugger auch weiterhin einen zentralen Baustein für den portugiesischen Asienhandel und profitierten direkt davon.
Durch Förderung Karls V. gelang es den Fuggern, sich mehr noch als in Portugal an den überseeischen Expeditionen der spanischen Krone zu beteiligen. Vielleicht hatten sie schon die Flotte Ferdinand Magellans mitfinanziert, der die erste Weltumseglung gelang. Sicher ist, dass sich die Fugger an der spanischen Nachfolgeexpedition beteiligten, also dem Versuch des García Jofre de Loaísa, den westlichen Seeweg auf die Molukken und zu deren Gewürzschätzen zu sichern – allerdings schlug die 1525 gestartete Expedition spektakulär fehl. Der Plan der Fugger, das westliche Südamerika für Spanien ökonomisch zu erschließen, wurde letztlich nicht umgesetzt.
Dennoch, während das Engagement der Fugger im ungarischen Bergbau zurückging, stieg das Geschäftsvolumen mit Spanien stetig an: Das Familienunternehmen wurde unter Anton Fugger zum wichtigsten Kreditgeber der spanischen Krone. Gedeckt wurden diese Kredite unter anderem durch die großen Mengen an Silber, die aus der Neuen Welt nach Europa eingeführt wurden. Dazu kam die zentrale Stellung im Handel mit dem ebenfalls sehr wertvollen Quecksilber, da die Erträge der spanischen Abbaustätten nun in die Hände des Augsburger Unternehmens fielen.
Unter Anton Fugger, dem Neffen Jakob Fuggers, gelang es, den Handel des Unternehmens und das globale Netzwerk auszuweiten. Auch seine Nachfolger nutzten vor allem das boomende spanische Geschäft, wobei das Quecksilber, das für die Förderung des Silbers in Amerika zunehmend gebraucht wurde, ein Rückgrat des Unternehmens bildete.
Dass die damit zusammenhängenden Fördermethoden aufgrund der toxischen Eigenschaften dieser Substanz auch erhebliche Umwelt- und Gesundheitsschäden mit sich brachten, gehörte zu den unschönen Rahmenbedingungen dieses Wirtschaftszweigs im späten 16. Jahrhundert.
Trotz der stets ausstehenden Schulden, die vor allem die Könige von Spanien bei den Fuggern aufnahmen, geriet das Unternehmen nicht unmittelbar in eine Krise, nachdem Anton Fugger gestorben war und verschiedene Familienzweige die Geschäfte weiterführten. Die wirtschaftlichen Probleme erreichten erst im 17. Jahrhundert erdrückende Dimensionen, zu denen auch der Dreißigjährige Krieg beitrug, sodass nun auch die Zeit des Profits aus den globalen Handelsnetzwerken für die Fugger zu Ende ging.
Wie sehr profitieren die Fugger von der frühen Globalisierung?
Zum Schluss stellt sich die Frage, ob und inwiefern man die Fugger als Gewinner der Globalisierung des 16. Jahrhunderts ansprechen kann. Der kometenhafte Aufstieg der Familie,
deren Vorfahren erst im 14. Jahrhundert als einfache Weber nach Augsburg gekommen waren, hatte sich schon vor der europäischen Expansion über den Atlantik und in den Indischen Ozean hinein angedeutet. Der Tuchhandel hatte bereits im Spätmittelalter eine dezidiert europäische Dimension und schloss über den Mittelmeerraum auch Asien und Nordafrika mit ein.
Die Fugger waren also Teil eines überregionalen Handels, bei dem Oberdeutschland als ein Scharnier zwischen Norditalien und Flandern eine wichtige Rolle spielte. Im Laufe des 15. Jahrhunderts wurden sie im Montanwesen reich, das ebenso europäische Dimensionen hatte. Für das Handelsunternehmen ergab sich daraus logisch die Investition in die neuen Märkte in Übersee.
Vielleicht ließe sich sogar formulieren, dass nicht so sehr die Fugger von der Globalisierung profitierten, als die spätmittelalterlichen Handelsstrategien, die sie in Oberdeutschland wesentlich mitgeprägt und dominiert hatten, den globalisierten Handel in der Form des frühen 16. Jahrhunderts überhaupt erst ermöglichten.
Blickt man auf die Geschichte der Familie, so ist es der soziale Aufstieg, der mehr noch als der sagenhafte Reichtum dauerhaft abgesichert wurde. Im Dienste der Kaiser rückten Mitglieder der Familie zunächst als „Fugger von der Lilie“ in den Adelsstand vor, bevor der Erwerb der Herrschaften in Kirchberg und Weißenhorn auch den Grafentitel sicherte. Das entschlossene Gesicht Jakob Fuggers, das Albrecht Dürer für uns dauerhaft eingefangen hat, deutete bereits an, welche Fähigkeiten für diesen Aufstieg einer Augsburger Familie am Anfang des 16. Jahrhunderts notwendig waren. Die Fugger prägten dabei die ökonomische Seite der Globalisierung ihrer Zeit wesentlich mit, bevor ihnen im Laufe des 17. Jahrhunderts andere Akteure endgültig diesen Rang ablaufen sollten.
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