Umso erstaunlicher ist die Tatsache, dass erst jetzt eine umfassende Biographie mit wissenschaftlichem Anspruch über Globke erschien. Erik Lommatzsch untersucht darin auf breiter Quellengrundlage den Werdegang und die Tätigkeit Globkes vom Kaiserreich bis zur Bundesrepublik. Nahezu die Hälfte des Bandes ist dabei der Bedeutung Globkes für die Regierung Adenauer gewidmet: seiner Rolle beim Aufbau und der Organisation des Bundeskanzleramtes, seiner Präsenz bei fast allen Vorgängen im Regierungsalltag, seiner Funktion als „Schaltstelle“ und Ansprechpartner mit einem riesigen Netzwerk von Bekannten in fast allen Ministerien.
Lommatzsch schildert den Chef des Kanzleramtes als ruhig und besonnen, diskret und zurückhaltend bis zur Schüchternheit – vor allem jedoch als Mann ohne eigene Macht‧ambitionen, der ganz in seinem Dienst für Adenauer aufging. Dies alles ist nicht gänzlich neu, wird aber jetzt erstmals im Detail dargestellt und belegt. Darin liegt ein großes Verdienst dieser Arbeit.
Dagegen erscheint Hans Globkes Verhalten im Nationalsozialismus auch in der Studie von Lommatzsch seltsam nebulös – obwohl der Autor die Fakten korrekt sortiert und, wo immer nötig, Legenden korrigiert. Da der Nachlass Globkes, merkwürdig genug, für die Zeit vor 1945 keinerlei persönliche Aufzeichnungen enthält, bleibt jedoch vieles vage und widersprüchlich.
Dabei führt doch an der Einsicht, dass Globke in der Nazi-Zeit einen ungebrochenen Aufstieg im Reichsinnenmi-nisterium erlebte, kein Weg vorbei. Nicht nur seine „Kommentare zur deutschen Rassengesetzgebung“, die 1936 erschienen, sondern auch seine Beförderung zum Ministerialrat 1938 als „Anerkennung für seine ganz vorzüglichen Leistungen“ und die zahlreichen Auszeichnungen und Medaillen, die er erhielt, zeugen davon, dass seine Distanz zum NS-Regime, gar seine Nähe zum Widerstand, von der er später selbst gern sprach, sich zumindest in Grenzen gehalten haben dürfte. Auch die Tatsache, dass Globke – wie ihm nach 1945 zugute gehalten wurde – nicht Mitglied der NSDAP war, lässt sich kaum zu seinen Gunsten anführen, da der Aufnahmeantrag, den er im Oktober 1940 stellte, von der Parteikanzlei unter Martin Bormann mit dem Hinweis auf die frühere Mitgliedschaft Globkes in der Zentrumspartei abgelehnt wurde.
Leider beschränkt sich die Darstellung hierzu auf vordergründige Feststellungen und wenig überzeugende Rechtfertigungsversuche. Insofern hat der Autor leider eine Chance vertan, am Beispiel der Person Globkes die Zerrissenheit und Schicksalhaftigkeit eines Lebensweges in Deutschland im 20. Jahrhundert exemplarisch zu verdeutlichen. Denn wie Globke erging es vor und nach 1945 vielen – ebendies gilt es zu verstehen.
Rezension: Prof. Dr. Manfred Görtemaker





