Am 14. September 1930 finden in Deutschland Reichstagswahlen statt. Auch in Darstein, einem kleinen Ort in der bayerischen Pfalz, wird gewählt – Ergebnis: 100 Prozent für die NSDAP. Die NS-Propaganda feiert dieses erste Mal, dass eine deutsche Gemeinde geschlossen für Hitler stimmt, als „Vorbild für Großdeutschland“. Am 30. Januar 1933 wird Hitler Reichskanzler, am 5. März finden die letzten Mehrparteienwahlen statt. Die NSDAP gewinnt deutlich. Wieder wird auch in der bayerischen Pfalz gewählt. Nur wenige Kilometer von Darstein, dem ersten „Hitlerdorf“ entfernt, liegt Hauenstein – und das dortige Wahlergebnis steht im völligen Gegensatz zu dem in Darstein: 92,6 Prozent entscheiden sich für Zentrum bzw. Bayerische Volkspartei und damit gegen Hitler. Auch hier ein deutscher Rekord: Nirgendwo im Deutschen Reich votiert eine Gemeinde mit mehr als tausend Wählern so geschlossen gegen die neuen Machthaber. Wie sind diese krassen Unterschiede in zwei räumlich so eng beieinander liegenden Orten zu erklären? Dieser Frage geht Theo Schwarzmüller in seiner Mikrostudie „Hauenstein gegen Hitler“ nach. Schwarzmüller stammt selbst aus der Region, ist Direktor des Instituts für pfälzische Geschichte und Volkskunde und der Pfalzbib-liothek in Kaiserslautern sowie Lehrbeauftragter an der Universität Mannheim und hat sich bereits in früheren Publikationen mit regionalgeschichtlichen Themen befasst.
Die Frage nach den Unterschieden zwischen Darstein und Hauenstein bringt Schwarzmüller bereits im Untertitel auf den für ihn wesentlichen Punkt: „Die Geschichte einer konfessionellen Lebenswelt“. Darstein ist bis heute fast durchweg protestantisch, Hauenstein dagegen katholisch. Schon länger haben Historiker die Tendenz, die sich hier im Kleinen präsentiert, auch deutschlandweit ausgemacht – fest im Katholizismus verwurzelte Regionen waren weniger anfällig für Radikalismus (egal ob von rechts oder links) als protestantische. Bereits 1932 war die NSDAP in 95 Prozent der vorwiegend protestantischen Orte stärkste Partei, während zeitgleich die Zustimmung in katholischen Orten noch unter 15 Prozent lag. Bis zu ihrem Verbot war die Zentrumspartei die politische Heimat der Katholiken. In Hauenstein blieb die NSDAP auch nach der Machtergreifung eine Randpartei, trotz Aufbau einer NS-Ortsgruppe.
Der für seine Schuhindustrie bekannte Ort war in allen Lebensbereichen geprägt von der katholischen Kirche. Markanteste und zentrale Gestalt Hauensteins während der NS-Zeit war der örtliche Pfarrer Georg Sommer, der den Katholizismus vehement verfocht, auch gegen die neuen Machthaber – fanden nationalsozialistische Veranstaltungen statt, läutete Sommer die Kirchenglocken und rief die Gemeinde zum Gottesdienst. Auch in seinen Predigten setzte er einen entschiedenen Kontrapunkt zur nationalsozialistischen Lehre, weshalb er einige Zeit ins Gefängnis musste. Der Einfluss der Kirche und des örtlichen Pfarrherrn Sommer war im Ort groß, die Nationalsozialisten waren sich dessen auch sehr bewusst, fanden aber kein rechtes Mittel gegen die breite katholische Front. Auch in anderen katholischen Orten, wie dem benachbarten Schwanheim, zeigte sich ein ähnliches Bild.





