Der im fränkischen Fürth geborene Emigrant gerät zum „Scheinriesen“, der vieles seiner Fähigkeit verdankte, Netzwerke aufzubauen und sich protegieren zu lassen, beziehungsweise das zu sagen, was gerade angemessen erschien, ohne analytisch wirklich in die Tiefe zu gehen. Ein „à la mode-Geck“ hätte man zu Metternichs Zeiten vermutlich gesagt. Dabei sah sich der Nationale Sicherheitsberater und Außenminister der US-amerikanischen Präsidenten Richard Nixon und Gerald Ford nur zu gern als den Metternich des 20. Jahrhunderts, als ebenso einsamen wie großartigen Visionär im von mystischem Dunkel umgebenen, geheimnisvollen Arkanbereich der Macht- und Außenpolitik.
Wie Präsident Nixon, sein mitunter sphinxhafter Vorgesetzter, der zwischen großartigen öffentlichen Auftritten und einer sonderbaren Verletzlichkeit im Privaten hin und her pendelte, sah Kissinger in der Außenpolitik das Spielfeld der Exekutive schlechthin. Für beide stellte der Kalte Krieg einen permanenten Ausnahmezustand dar, in dem eine winzige, im Grunde unkontrollierte Elite ganz und gar ihren Vorstellungen nachzugehen hatte, um das Gemeinwohl der Masse zu garantieren, notfalls – und ohne dass der inhärente Widerspruch irgendwie thematisiert worden wäre – durch den Atomkrieg mitsamt einhergehender Massenvernichtung des Feindes und des eigenen Volkes. Beide standen für eine Politik der Tat, den Primat der Entscheidung, des Sprungs in das Ungewisse.
Interessanterweise wirkt im Vergleich der beiden Protagonisten von Greiners Darstellung der paranoide Nixon fast schon als der kühle, vernünftige Kopf des Duos, während Kissinger sich wieder und wieder in kleingeistigen Eigenbröteleien, Selbstmitleid, Rücktrittsdrohungen und wahnhaft anmutenden, grotesken Tobsuchtsanfällen ergeht. Seine auch von Greiner nicht geleugnete intellektuelle Brillanz verhinderte nicht Kissingers unglaubliche Selbstbezogenheit, die nichts und niemanden außer Nixon neben sich zu dulden vermochte, ja, möglicherweise beförderte sie diesen Charakterzug sogar noch. Für andere Menschen, allen voran potentielle
Rivalen, hatte Kissinger wenig mehr als Verachtung übrig.
Fast macht der Politiker es seinem Biographen zu einfach. Greiner ist ein thesenstarkes, überzeugendes und ungemein lesenswertes Buch gelungen, das nicht allein über die amerikanische Politik der frühen 1970er Jahre viel sagt, sondern vor allem über die Gegenwart.
Rezension: Prof. Dr. Michael Hochgeschwender
Bernd Greiner
Henry Kissinger
Wächter des Imperiums. Eine Biografie
Verlag C. H. Beck, München 2020, 480 Seiten, € 28,–





