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„Hessen“ im Kampf gegen Washingtons Armee
Großbritannien brauchte im militärischen Konflikt mit den abtrünnigen nordamerikanischen Kolonien dringend mehr Soldaten. Friedrich II., Landgraf von Hessen-Kassel, war gegen klingende Münze gerne bereit, Tausende seiner Untertanen in einen fernen Krieg zu schicken.
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Der Ruf eines Matrosen im Ausguck elektrisierte die an Bord zusammengepferchten Männer: „Land! Land!“ Das Glücksgefühl wurde von Hauptmann Johann Ewald vollkommen geteilt: „Nur eine Person, die nach einer langen Seereise wieder Land entdeckt, kann sich die Freude vorstellen, die wir beim Anblick der Küste empfanden. Zwölf Wochen lang hatten wir nichts anderes als Wasser gesehen und insgesamt 21 Wochen waren wir an Bord dieser schwimmenden Festungen geradezu eingeschlossen. Mehr noch, es war höchste Zeit dieser Umgebung zu entkommen, denn der Skorbut wütete unter unseren Leuten so schrecklich, dass in den letzten acht Tagen zehn Männer gestorben waren und fast zwanzig sahen dem Tod ins Auge, den sie in ihrem Leiden geradezu als Erlösung sahen.“ Es war der 18. Oktober des Jahres 1776.
Was sich am fernen Rand der Wasserwüste abzeichnete, war ein kleiner Gebirgszug, kaum 120 Meter hoch und damit eigentlich eher eine Hügelkette, die Navesink Highlands. Sie liegen unweit der Landspitze von Sandy Hook im heutigen US-Bundesstaat New Jersey und damit nicht weit von der Mündung des Hudson River in den Atlantik, also ganz in der Nähe von New York City.
Ewald und seine Männer vom Hessischen Jägercorps zu Pferd und zu Fuß sahen eine neue Welt vor sich liegen; eine Reise hierhin wäre ihnen allen noch wenige Monate zuvor unvorstellbar gewesen. Damals hatte die Odyssee begonnen: Abmarsch aus der heimischen Residenzstadt Kassel, über 21 Tage via Göttingen, Hannover und Ritzebüttel im Gleichschritt nach Cuxhaven. Dort wurden sie, von britischen Offizieren überwacht, auf ein niederländisches Schiff geführt, das sie nach Portsmouth transportierte.
Die britische Armee ist mit den rebellierenden Kolonien überfordert
Am 6. Juli sollte sich der aus 61 Transportschiffen und drei Fregatten bestehende Konvoi in Bewegung setzen. Doch ungünstige Winde hielten die Schiffe auf, vor Plymouth lagen sie mehrere Wochen vor Anker. Dann endlich begann die Reise. Die Soldaten des Jägercorps und anderer Regimenter der Landgrafschaft Hessen-Kassel fuhren in die Neue Welt, um Krieg zu führen – den im April 1775 ausgebrochenen Krieg Großbritanniens gegen seine 13 in Aufruhr befindlichen Kolonien. Am 4. Juli 1776 hatten sich diese schließlich zu unabhängigen „Vereinigten Staaten“ erklärt.
Großbritannien war eine Weltmacht, die über ein weites Netz von Kolonien in Amerika, der Karibik und in Indien verfügte. Die Dominanz des Landes beruhte auf der Royal Navy, welche die Weltmeere beherrschte. Die britische Armee hingegen war klein, umfasste vor Ausbruch der Feindseligkeiten, die mit dem ersten Gefecht bei Lexington und Concord in Massachusetts am 19. April 1775 begannen, nur rund 48 000 Mann. Und viele dieser Soldaten waren an ihren Standorten unabkömmlich: im jüngst eroberten Menorca, in Gibraltar, im potentiell stets krisenanfälligen Irland – und in der seit Jahren von einem massiven Militäraufgebot besetzten Brutstätte der kolonialen Unbotmäßigkeit gegen König Georg III.: in Boston.
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So verfiel die britische Regierung unter Premierminister Frederick North (1770–1782) auf die sich für ein wohlhabendes Land anbietende Lösung: gut trainierte und ausgebildete Soldaten von Herrschern auszuleihen, die an klingender Münze interessiert waren. Nachdem britische Diplomaten sich bei Zarin Katharina der Großen (1762–1796) eine Abfuhr geholt hatten, richteten sich ihre Blicke auf deutsche Klein- und Mittelstaaten.
Keiner dieser Fürsten war für solche Anfragen so zugänglich wie Friedrich II. von Hessen-Kassel. Dass er als erster Herrscher der Landgrafschaft gilt, der sich der Aufklärung zugewandte, steht nicht unbedingt im Widerspruch zu dem nun stattfindenden „Soldatenhandel“. Die Bereitstellung eigener Truppenteile an zahlungskräftige Staaten war im 18. Jahrhundert nichts Ungewöhnliches, als Einnahmequelle machte dies für ein im Siebenjährigen Krieg (1756–1763) schwer zerstörtes Staatswesen ökonomisch durchaus Sinn.
Der Landgraf war denn auch keineswegs der einzige Fürst, mit dem die britische Regierung erfolgreich ins Geschäft kam, bot indes das mit Abstand größte Kontingent für den Erhalt des Empire auf: Der Herrscher stellte für die beträchtliche Summe von fast drei Millionen Pfund 16 992 Mann für den Krieg in Amerika zur Verfügung, gefolgt von den Landesherrn von Braunschweig-Wolfenbüttel (5723 Soldaten), Hessen-Hanau (2422), Ansbach-Bayreuth (2253), Waldeck (1225) und Anhalt-Zerbst (1160).
Für ihre Gegner, die amerikanischen Streitkräfte und Milizen unter dem Oberbefehl von General George Washington, galten die deutschen Soldaten in britischen Diensten unisono als Hessians. Und auch die Bezeichnung mercenaries (Söldner) ist nicht korrekt – Söldner handeln auf eigene Rechnung, die deutschen Hilfstruppen hingegen hatten keinen Einfluss auf ihre Besoldung und wurden auch nicht gefragt, ob sie in Amerika kämpfen und sterben wollten.
Doch mercenaries lässt sich propagandistisch besser verwerten als das korrekte auxiliaries (Hilfstruppen). Und so heißt es denn auch in der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung in der Liste der Anklagen gegen Georg III.: „Er schafft gerade jetzt große Heere fremder Söldner heran, um das Werk des Todes, der Verheerung und der Tyrannei zu vollenden, das er bereits mit Akten der Grausamkeit und des Wortbruchs begonnen hat, die ihresgleichen kaum in den barbarischsten Zeiten finden, und die des Oberhauptes einer zivilisierten Nation völlig unwürdig sind.“
Die Praktiken Friedrichs II. von Hessen-Kassel und der anderen Geschäftspartner der Briten stießen auf unverhohlene Verachtung bei einem bedeutenderen Herrscher gleichen Namens. Friedrich II. (der Große) von Preußen schrieb im Juni 1776 an Voltaire: „Wäre der Landgraf durch meine Schule gegangen, hätte er seine Untertanen nicht an England verkauft wie Rinder, die ins Schlachthaus getrieben werden. Das ist ein unpassender Charakterzug für einen Fürsten, der sich als Lehrer der Regenten gebärdet. So ein Verhalten beruht auf nichts anderem als schmutziger Selbstsucht. Mir tun die armen Hessen leid, deren Leben unglücklich und nutzlos in Amerika enden wird.“
Verlust eines Auges steht der Militärkarriere nicht im Weg
Hauptmann Johann Ewald kannte kein Selbstmitleid, sondern machte sich mit dem Selbstbewusstsein eines professionellen Soldaten an die Aufgabe. Am 30. März 1744 in Kassel geboren, hatte er im Siebenjährigen Krieg an mehreren Schlachten teilgenommen und war verwundet worden.
Wesentlich schwerer traf es den jungen Offizier indes in Friedenszeiten: Nach reichlichem Alkoholgenuss kam es 1770 zu einer Auseinandersetzung mit Kameraden, dabei traf ein Säbelhieb sein linkes Auge. Von nun an versah er seinen Dienst mit einem Glasauge; die schwere Verletzung stand merkwürdigerweise einer weiteren militärischen Karriere nicht im Wege.
Die hessischen Jäger – sie standen wie andere Regimenter der Landgrafschaft unter dem Befehl von General Wilhelm von Knyphausen – waren eine Elitetruppe, die zur Aufklärung und bei Gefechten häufig an Brennpunkten eingesetzt wurden. Die Amerikaner nannten sie wegen ihrergrünen Uniformjacken Greencoats.
Die Soldaten und vor allem Ewald selbst erwarben sich bald den Respekt ihres britischen Oberbefehlshabers, General William Howe. Kaum zwei Wochen nach der Ankunft in New York waren sie am 28. Oktober 1776 bei der Schlacht von White Plains im Einsatz. Das britische Konzept, die Armee Washingtons schnell vernichtend zu schlagen und damit die Revolution zu beenden, ging nicht auf, weder hier vor New York noch später.
Bei einem schweren, wenn auch nicht entscheidenden Rückschlag für die Amerikaner waren Ewald und seine Landsleute beteiligt. Von drei Seiten griffen sie und die Briten am 16. November mit Unterstützung von Kriegsschiffen der Royal Navy das nach dem gegnerischen General benannte Fort Washington am Nordende Manhattans an.
„Die Jäger und die leichte Infanterie“, so notierte Ewald in seinem Tagebuch, „haben die steilen bewaldeten Höhen auf der rechten Seite des Forts unter dem stärksten Beschuss erklommen … Da der Feind von allen Seiten angegriffen und nach vier bis fünf Stunden Kampf zurückgeworfen wurde, haben sich alle, die noch am Leben und nicht gefangen genommen waren, in das Fort, das wie ein gleichmäßiges Pentagon wirkt, zurückgezogen.“ Die amerikanischen Verteidiger ergaben sich bald darauf General Knyphausen; mehr als 2000 von ihnen gingen in Gefangenschaft. Es war eine der schwersten Niederlagen der Amerikaner in dem acht Jahre währenden Krieg.
Doch die Gunst des Kriegs ist wechselhaft. Die in Trenton, der Hauptstadt des jüngst ausgerufenen Bundesstaats New Jersey, ins Winterquartier gegangenen hessischen Einheiten unter Oberst Johann Gottlieb Rall feierten am Weihnachtstag kräftig nach heimischer Sitte und stellten am Morgen des 26. Dezember keine Wachen auf. In der Nacht zuvor hatte Washington mit seinen Soldaten bei eisigem Schneetreiben in Booten den Delaware überquert, und die Amerikaner überraschten die schlaftrunkenen Hessen in Trenton. In der einseitigen Schlacht wurden rund 900 Hessen gefangen genommen, 22 Männer fielen, darunter Rall. Die Amerikaner verloren nur zwei Soldaten durch Erfrieren.
Verwüstete Landschaften durch jahrelange Kämpfe
Wie so viele seiner Landsleute war Ewald von der Prosperität in den aufrührerischen Kolonien beeindruckt, aber auch von den Verheerungen, die ein Konflikt mit sich brachte, der auch ein Bürgerkrieg war – zwischen den nach Unabhängigkeit strebenden Patrioten und den Loyalisten, die zu Großbritannien hielten: „Bei diesem Marsch bot sich uns ein trauriges Bild. Die Region [gemeint ist New Jersey] ist gut kultiviert, mit sehr schönen Plantagen, aber all ihre Bewohner sind geflohen und alle Häuser sind geplündert und zerstört.“
Daran, dass er bereit war, seine Pflicht bis zum Äußersten zu erfüllen, ließ Ewald in seinen Notizen keinen Zweifel: „Ich war absolut entschlossen, jeden Feind, der mir begegnete, anzugreifen und – sollte ich geschlagen werden – mein Leben teuer zu verkaufen.“ Die Professionalität der Hessen wurde von Howe und den anderen Generälen wiederholt gewürdigt.
Die Hessen als besonders grausame Gegner darzustellen, geradezu als Barbaren, war Teil der Kriegspropaganda seitens der Amerikaner. Mit der Wirklichkeit hatte dieses Zerrbild wenig gemein. So konstatierte kein Geringerer als George Washington im Februar 1777: „Eines muss ich zugunsten der Hessen anmerken: Unsere Leute, die gefangen genommen worden sind, stimmen weithin überein, dass sie von ihnen viel anständiger behandelt wurden als von britischen Offizieren und Soldaten.“
Dennoch hat sich das Image des „Söldners“ als einem Wüterich in der amerikanischen Tradition behauptet, nicht zuletzt durch Washington Irvings 1819 erschienene Kurzgeschichte „Legend of Sleepy Hollow“, in der ein kopfloser Reiter, ein im Krieg durch eine Kanonenkugel enthaupteter hessischer Soldat, sein Unwesen treibt.
Ewald und seine Jäger zogen durch Pennsylvania und New York in einem Krieg, der sich immer länger hinzog und der mit dem Kriegseintritt Frankreichs im Frühjahr 1778 (auch Spanien und die Niederlande erklärten Großbritannien später den Krieg) kaum noch zu gewinnen schien. Dem hessischen Offizier, der sich ganz besonders mit Strategien des Klein- und Guerillakrieges beschäftigt hatte, wurde zunehmend deutlich, dass eine Rebellion immer schwieriger zu unterdrücken ist, je länger sie sich hält.
Ende Dezember 1779 begaben sich die Jäger wieder an Bord von Transportschiffen, von New York ging es in den Süden, nach Georgia und dann nach South Carolina. Die Hessen sahen staunend tropische Landschaften, eine fast märchenhafte Fauna und Flora, wie Ewald fasziniert notierte: „Die Bäume sind mit einer Art Moos überwachsen, vom höchsten Punkt über alle Äste, das aussieht wie der Schweif eines Pferdes. Wegen seiner Seltenheit fesselte dieses Phänomen unsere Aufmerksamkeit, es gab dem Wald ein sehr melancholisches Aussehen. Die Einwohner nehmen es von den Bäumen und verfüttern es anstelle von Heu an ihre Tiere. Getrocknet kann es so gut wie Reh- oder Kuhhaar zum Füllen von Sätteln, Stuhlkissen und Ma‧tratzen benutzt werden.“
Die im Süden herrschende Sklaverei empörte ihn nicht sonderlich. Wahrscheinlich hatte er in Europa die Lebensverhältnisse von Leibeigenen und Tagelöhnern gesehen, denen es nicht so viel besser ging. Immerhin konnte das Auftauchen der Briten und ihrer deutschen Hilfstruppen für die Sklaven Gutes bedeuten. Ewald schrieb über die Grundbesitzer in South Carolina: „Sie hassten uns vom Grunde ihres Herzens, weil wir ihre Neger und ihre Nutztiere mitnahmen.“ Die englische Armee bot ehemaligen Sklaven die Freiheit an, wenn sie für König Georg III. zu kämpfen oder die Streitkräfte anderweitig zu unterstützen bereit waren.
Dass sich die britischen Generäle nach dem Ende des Unabhängigkeitskriegs weigerten, den siegreichen Amerikanern diesen „Besitz“ zu restituieren und befreite Afro-Amerikaner stattdessen eine Zukunft in britischen Kolonien in der Karibik und in Afrika sowie in Kanada hatten, dürfte eines der nobelsten Details der britischen Geschichte im 18. Jahrhundert sein.
1781 endet der Einsatz in der Neuen Welt
Unter dem Oberbefehl von Lord Charles Cornwallis wurde im Mai 1780 die wichtige Hafenstadt Charleston erobert. Von hier zog Cornwallis nach Norden, gen Virginia. Es war der Marsch in den Untergang. Bei Yorktown wurde Cornwallis von Washington und seinem französischen Verbündeten Jean Baptiste de Rochambeau eingeschlossen, der Rückzug über das Meer wurde durch die Blockade der französischen Flotte unter dem Grafen François Joseph Paul de Grasse unmöglich gemacht.
Nicht nur die zunehmend ausweglose Situation, auch das Klima machte den Hessen zu schaffen: „Seit sechs Wochen ist die Hitze so unerträglich, dass wir viele Männer durch Hitzschlag verloren haben oder sie dienstunfähig sind. Alles, was man am Körper trägt, ist schweißgetränkt. Die Nächte sind besonders schrecklich; es gibt kaum Luft zum Atmen. Die Qual durch Milliarden von Insekten, die uns Tag und Nacht geplagt haben, scheint nun vorüber zu sein.“
Am 19. Oktober 1781 war es tatsächlich vorüber: Cornwallis kapitulierte „und um 4 Uhr nachmittags kam es zu der melancholischen Parade und die Waffen wurden niedergelegt“. Ewald zog ein Fazit: Die Amerikaner waren opferbereit gewesen, hatten selbst unter ungünstigen Umständen, hungernd und in zerrissenen Uniformen tapfer gekämpft: „Da sieht man, was ein Enthusiasmus – den diese Burschen ,Freiheit‘ nennen – ausrichten kann!“
Ewald brachte seine Erlebnisse in Amerika in einem Tagebuch zu Papier. Nach Hessen zurückgekehrt, blieb er trotz seiner Verdienste und seiner immensen Erfahrung im Rang eines Hauptmannes – die höheren Offiziersränge, so das Credo einer feudalistischen Ordnung, die in Übersee eine erste Niederlage erlitten hatte und deren blutiger Zusammenbruch in Frankreich kurz bevorstand, waren für Adlige reserviert.
So bot Ewald seine Dienste dem Königreich Dänemark an, wo er 1790 zu „von Ewald“ nobilitiert wurde und es bis zum General brachte. In den Napoleonischen Kriegen kommandierte er die dänischen Streitkräfte in Holstein, bevor er 1813 aus Gesundheitsgründen aus der Armee ausschied und im selben Jahr in Kiel starb.
Der Unabhängigkeitskrieg war 1783 mit dem Frieden von Paris zu Ende gegangen. Rund 5000 Soldaten aus Deutschland waren von den Vereinigten Staaten, gegen die sie gekämpft hatten, so beeindruckt gewesen, dass sie sich für ein Leben in der jungen Republik entschieden. Aus Hessians wurden Amerikaner.
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