In manchen mittelalterlichen Ruinen finden sich merkwürdige Ritzsymbole im Stein. Sie bestehen aus einem zentralen Loch, von dem aus strahlenförmige Linie ausgehen. Weil diese Ritzmarken häufig an der Südfassade von Wohnhäusern oder Kirchen gefunden wurden, gingen Archäologen bislang davon aus, dass es sich um einfache Sonnenuhren handelt. Sie könnte den Menschen des Mittelalters beispielsweise die Gebetszeiten angezeigt haben.

Kapelle eines normannischen Gutsherrn
Doch nun wirft ein Fund in der englischen Stadt Stoke Mandeville ein neues Licht auf diese Ritzmotive. Dort sind Archäologen im Rahmen eines Projekts dabei, die Ruinen der mittelalterlichen Kirche St Mary auszugraben. Dieses Gotteshaus wurde etwa um 1070 – kurz nach der Eroberung Englands durch die Normannen – als Kapelle eines Gutshauses erreichtet. Möglicherweise diente die Kirche zunächst als Privatkappelle für den Gutsherrn. In den 1340er Jahren dann wurde der Kirchenbau erweitert und unter anderem um einen Mittelgang ergänzt.
Im Jahr 1866 wurde die mittelalterliche Kapelle jedoch zerstört und durch eine neue, näher am Ortskern stehende Kirchen ersetzt. Die teils absichtlich abgetragenen Steine des alten Baus blieben jedoch als Ruine erhalten. Diese Überreste haben Archäologen um Michael Court vom britischen Transportunternehmen HS2 nun im Rahmen geplanter Bauarbeiten für eine neue Bahnlinie näher untersucht. Zu ihrer Überraschung entdeckten sie dabei, dass die Grundmauern und der Fußboden der alten Kirche unter den ungeordneten Trümmern erhalten geblieben sind.
Ritzsymbole an ungewöhnlicher Stelle
An einigen Steinen im westlichen Teil des mittelalterlichen Mauerwerks stießen die Archäologen auf eine Reihe von Ritzungen – teils Buchstaben, teils Graffiti und Symbole. Auf zwei dieser Steine fanden sich die schon von anderen Gebäuden bekannten sonnuhrähnlichen Motive – ein zentraler Punkt mit davon abstrahlenden Linien. Die Position der Steine nahe am Kirchenboden und weit entfernt von direktem Sonnenlicht schließt nach Ansicht der Archäologen eine Funktion als Sonnenuhr aus. “Entdeckungen wie diese ungewöhnlichen Markierungen eröffnen Diskussionen zu ihrem Zweck und ihrer einstigen Nutzung – und sie geben faszinierende Einblicke in die Vergangenheit”, sagt Court.
Die Archäologen vermuten, dass diese Symbole vielleicht eher eine Variante anderer, schon bekannter Motive zur Hexenabwehr waren. Solche oft durch labyrinthähnliche Linienmuster gekennzeichneten Abwehr-Marker wurden im Mittelalter abgebracht, um böse Geister und Hexen fernzuhalten. Dem damaligen Glauben nach fingen sich die Geister in den Labyrinthen und Endlos-Linien. Nach Ansicht von Court und seinem Team könnte auch die Ritzsymbole in der St. Mary-Kirche diesem Zweck gedient haben. Sie schließen allerdings auch nicht aus, dass diese Steine ursprünglich vielleicht an einem anderen Gebäude angebracht waren und für den Kirchenbau dann wiederverwendet wurden – dann könnte es sich doch um Sonnenuhren handeln.





